Könnte die Erfah­rung mit Zwil­lin­gen dazu bei­tra­gen, das Miss­trauen gegen­über Poli­ti­kern zu erklä­ren?

In vie­len Demo­kra­tien ist das Ver­trauen in die Poli­tik heute ent­we­der sehr gering oder rück­läu­fig. Dies ist an sich schon eine bemer­kens­werte Ent­wick­lung, die mög­li­cher­weise beson­ders wich­tig ist, da Ver­trauen mit meh­re­ren ande­ren wich­ti­gen Fak­to­ren zusam­men­hängt, bei­spiels­weise mit der Wahl­be­tei­li­gung oder der Ein­hal­tung von Geset­zen. Letz­te­res wurde wäh­rend der Pan­de­mie beson­ders deut­lich, als sich zeigte, dass Men­schen, die ihren Poli­ti­kern mehr ver­trau­ten, die Lock­down-Regeln eher befolg­ten.

Poli­tik­wis­sen­schaft­ler betrach­ten Ver­trauen meist als dyna­mi­sches Kon­zept. Leis­ten Poli­ti­ker schlechte Arbeit, sinkt unser Ver­trauen. Dafür gibt es zahl­rei­che Belege. Wenn die Wirt­schaft schwä­chelt oder Poli­ti­ker in Skan­dale ver­wi­ckelt sind, ist das Ver­trauen ten­den­zi­ell gerin­ger.

Diese Sicht­weise auf Ver­trauen ist zwei­fel­los hilf­reich. Ein Pro­blem besteht jedoch darin, dass sich nur schwer erklä­ren lässt, warum das poli­ti­sche Ver­trauen der Men­schen ten­den­zi­ell sta­bil ist. Sobald Men­schen im frü­hen Erwach­se­nen­al­ter ein gewis­ses Maß an Ver­trauen erreicht haben, ändert sich die­ses danach kaum noch. Die Reak­tio­nen auf Ereig­nisse wie poli­ti­sche Skan­dale sind zudem nicht immer so hef­tig, wie man viel­leicht anneh­men würde. Daher ist die aktu­elle poli­ti­sche Leis­tung nicht zwangs­läu­fig die allei­nige Ursa­che für gerin­ges Ver­trauen.

Eine Erklä­rung für die­sen schein­ba­ren Wider­spruch ist, dass Ver­trauen von unse­ren prä­gen­den Erfah­run­gen beein­flusst wer­den kann. Das heißt natür­lich nicht, dass sich Ver­trauen spä­ter nie ver­än­dert – im Gegen­teil. Aus die­ser Sicht hat jedoch jeder Mensch ein sta­bi­les, grund­le­gen­des Ver­trau­ens­ni­veau, das durch seine frü­hen Erfah­run­gen mit dem poli­ti­schen Sys­tem geprägt ist.

Die Art und Weise, wie unsere Eltern über Poli­tik spra­chen, als wir auf­wuch­sen, oder wie die Regie­run­gen agier­ten, als wir anfin­gen, uns für Poli­tik zu inter­es­sie­ren, könnte andere Aspekte unse­rer Bezie­hung zur Poli­tik beein­flus­sen. Dazu zäh­len bei­spiels­weise unser Wahl­ver­hal­ten und unsere poli­ti­schen Werte.

Diese Annah­men las­sen sich jedoch nur schwer bewei­sen. In der Wis­sen­schaft unter­su­chen wir poli­ti­sche Ein­stel­lun­gen übli­cher­weise durch Umfra­gen unter einer reprä­sen­ta­ti­ven Stich­probe der Bevöl­ke­rung. In die­sen Umfra­gen wer­den unsere Mei­nun­gen erfragt und Fak­to­ren, die diese beein­flus­sen könn­ten, wie bei­spiels­weise unser Haus­halts­ein­kom­men, abge­fragt. Prä­gende Erleb­nisse wer­den dabei jedoch sel­ten the­ma­ti­siert. Das liegt unter ande­rem daran, dass man von Men­schen nicht erwar­ten kann, sich nach vie­len Jah­ren noch prä­zise an Erleb­nisse zu erin­nern. Außer­dem ist es schwie­rig zu ent­schei­den, wel­che Erleb­nisse rele­vant sind. Natür­lich kön­nen wir nicht alles abfra­gen (das wäre zu teuer und zu müh­sam), wodurch wir jedoch mög­li­cher­weise wich­tige Aspekte über­se­hen.

Eine Mög­lich­keit, die­ses Pro­blem zu umge­hen, besteht darin, Zwil­linge und Geschwis­ter zu unter­su­chen. Da wir wis­sen, dass sie ihre prä­gen­den Erfah­run­gen und früh­kind­li­chen Cha­rak­ter­ei­gen­schaf­ten weit­ge­hend tei­len, kön­nen wir diese Fak­to­ren indi­rekt erfor­schen. So kön­nen wir diese Fak­to­ren erfor­schen, ohne sie direkt mes­sen zu müs­sen.

Indem wir zwei­ei­ige Zwil­linge und Geschwis­ter, die viele Eigen­schaf­ten und Erfah­run­gen tei­len, mit ein­ei­igen Zwil­lin­gen, die fast alle Eigen­schaf­ten und Erfah­run­gen tei­len, ver­glei­chen, kön­nen wir abschät­zen, wie wich­tig diese für unsere poli­ti­schen Ein­stel­lun­gen sind. Genau das habe ich in mei­ner eige­nen Arbeit getan. Die Ergeb­nisse deu­ten dar­auf hin, dass ein erheb­li­cher Teil unse­res Ver­trau­ens durch unsere frü­hen Erfah­run­gen erklärt wird – mög­li­cher­weise bis zu 40 %.

Frü­hes Leben und poli­ti­sches Ver­trauen

Eine mög­li­che Erklä­rung dafür ist, dass wich­tige Eigen­schaf­ten, die früh im Leben aus­ge­bil­det wer­den, wie unsere Per­sön­lich­keit, unser Ver­trauen in das poli­ti­sche Sys­tem beein­flus­sen kön­nen. So sind man­che Men­schen bei­spiels­weise von Natur aus umgäng­li­cher und es erscheint wahr­schein­lich, dass sie auch ver­trau­ens­vol­ler sind.

Dies ist ein Argu­ment, das ich in eini­gen mei­ner Arbei­ten dis­ku­tiert habe. Doch die Beweis­lage ist weni­ger ein­deu­tig. Es erscheint viel­mehr wahr­schein­lich, dass Men­schen mit ähn­li­chen Per­sön­lich­keits­pro­fi­len ein ähn­li­ches Maß an Ver­trauen auf­wei­sen, da sie in Umge­bun­gen auf­ge­wach­sen sind, die sie für diese Per­sön­lich­keits­merk­male sowie für ein mehr oder weni­ger gro­ßes Ver­trauen in das Sys­tem prä­dis­po­niert haben.

Ein ande­res, viel­leicht plau­si­ble­res Sze­na­rio ist, dass die Umwelt­be­din­gun­gen, die wir in unse­rer frü­hen Kind­heit erle­ben, unser spä­te­res Ver­trauen in die Poli­tik beein­flus­sen. So hängt wirt­schaft­li­che Not in jun­gen Jah­ren bei­spiels­weise mit unse­rem lang­fris­ti­gen Ver­trauen in das Sys­tem zusam­men, ins­be­son­dere, wenn wir die Regie­rung für diese Not­lage ver­ant­wort­lich machen. Auch unsere Bil­dungs­er­fah­run­gen könn­ten das Ver­trauen beein­flus­sen, indem sie uns Wis­sen über das Sys­tem ver­mit­teln, das es uns ermög­licht, fun­dier­tere Urteile über des­sen Ver­trau­ens­wür­dig­keit zu fäl­len.

Dem­nach beruht der Zusam­men­hang zwi­schen Ver­trauen und Wahl­ver­hal­ten mög­li­cher­weise nicht dar­auf, dass Ver­trauen das Wahl­ver­hal­ten bedingt, son­dern viel­mehr dar­auf, dass prä­gende Erfah­run­gen beide beein­flus­sen. Diese Annahme wird durch unsere Arbeit mit Kol­le­gen unter­mau­ert. Wir unter­such­ten, ob Unter­schiede im poli­ti­schen Ver­trauen inner­halb von Zwil­lings­paa­ren auch Unter­schiede in der Wahl­häu­fig­keit vor­her­sa­gen. Dadurch stell­ten wir sicher, dass wir alle prä­gen­den Erfah­run­gen der Zwil­linge berück­sich­tigt hat­ten. Dabei zeigte sich, dass der Zusam­men­hang zwi­schen Ver­trauen und Wahl­häu­fig­keit deut­lich schwä­cher aus­fällt.

Ein wei­te­rer Grund, warum Ver­trauen durch prä­gende Erfah­run­gen ent­steht, ist, dass sich das Ver­trauen einer Gene­ra­tion lang­fris­tig ver­än­dern kann und diese Ver­än­de­run­gen nur schwer rück­gän­gig zu machen sind. In Groß­bri­tan­nien bei­spiels­weise neigt die Gene­ra­tion Z zu einem beson­ders star­ken Miss­trauen gegen­über Insti­tu­tio­nen, ins­be­son­dere poli­ti­schen.

Wenn poli­ti­sches Ver­trauen in der Kind­heit erlernt wird, hat dies die beun­ru­hi­gende Folge, dass es auch bei Ver­bes­se­run­gen der poli­ti­schen Leis­tungs­fä­hig­keit bestehen bleibt. Man könnte erwar­ten, dass jün­gere Wäh­ler, die in einem Umfeld mit gerin­gem Ver­trauen auf­wach­sen, lang­fris­tig miss­trau­isch blei­ben.

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