Geschlech­ter­kon­for­mi­tät beginnt früh – und Jun­gen und Mäd­chen fügen sich unter­schied­lich ein

Viele Men­schen ken­nen den sub­ti­len Druck, in den Augen ande­rer „männ­lich” oder „weib­lich” genug zu sein. Stu­dien bele­gen, dass die­ser Druck per­sön­li­che und soziale Fol­gen haben kann. Wenn Män­ner sich in ihrer Männ­lich­keit infrage gestellt füh­len, reagie­ren sie mit­un­ter mit kom­pen­sa­to­ri­scher Aggres­sion und ande­ren schäd­li­chen Ver­hal­tens­wei­sen. Frauen, die sich von ste­reo­ty­pen Vor­stel­lun­gen von Weib­lich­keit lösen – oder dies auch nur in Erwä­gung zie­hen –, sto­ßen oft auf Ableh­nung.

For­scher, die unter­su­chen, wie Geschlech­ter­ste­reo­type und ‑nor­men Men­schen oft auf uner­war­tete Weise beein­flus­sen, fra­gen sich, wel­che Pro­zesse Kin­der dazu moti­vie­ren, sich ste­reo­ty­pen Geschlech­ter­nor­men anzu­pas­sen. Wann beginnt dies und wie äußert es sich?

Jüngste For­schungs­er­geb­nisse zei­gen, dass Kin­der, wenn sie das Gefühl haben, ein „nor­ma­les“ oder „kor­rek­tes“ Mit­glied ihrer Geschlech­ter­gruppe zu sein, dazu gedrängt wer­den, sich auf unter­schied­li­che Weise an ste­reo­type Geschlech­ter­rol­len anzu­pas­sen. Dies hat nach­hal­tige Fol­gen

Mäd­chen­fra­gen und Jun­gen­fra­gen

In Anleh­nung an For­schungs­er­geb­nisse zu Erwach­se­nen kamen die For­scher zu dem Schluss, dass es am bes­ten ist, die Moti­va­tion von Kin­dern zur Anpas­sung an Geschlech­ter­nor­men zu beur­tei­len, indem man ihren Sta­tus als „typi­sches“ Mit­glied ihrer Geschlech­ter­gruppe infrage stellt. Zu die­sem Zweck baten sie 147 Kin­der im Alter von fünf bis zehn Jah­ren in New York City, zwei Spiele zu spie­len: ein „Mäd­chen­fra­gen­spiel“ und ein „Jun­gen­fra­gen­spiel“. Jedes Spiel ent­hielt schwie­rige Quiz­fra­gen zu ste­reo­ty­pisch geschlechts­spe­zi­fi­schen The­men, zum Bei­spiel: „Wel­che die­ser Blu­men ist eine Mohn­blume?“ (Mäd­chen­fra­gen­spiel) oder „Wel­che die­ser Fuß­ball­mann­schaf­ten war der Meis­ter von 2016?“ (Jun­gen­fra­gen­spiel). (Jun­gen­fra­gen­spiel).

Die For­scher teil­ten die Kin­der per Zufall in zwei Grup­pen ein. Die eine Gruppe erhielt Feed­back, das dar­auf hin­deu­tete, dass ihre Leis­tung geschlechts­ty­pisch war. Die andere Gruppe erhielt Feed­back, das nicht geschlechts­ty­pisch war. Letz­te­res stellte eine Bedro­hung ihrer Geschlech­ter­kon­for­mi­tät dar. Ein Junge aus die­ser Gruppe erhielt bei­spiels­weise das Feed­back, dass er das „Mäd­chen-Fra­gen-Spiel“ her­vor­ra­gend gelöst, das „Jun­gen-Fra­gen-Spiel“ aber ver­hauen hatte.

Anschlie­ßend beur­teil­ten sie, wie die Jun­gen auf die­ses Feed­back reagier­ten. Würde er sei­nen Erfolg in einem „Gewin­ner­buch des Mäd­chen­fra­gen-Spiels“ öffent­lich prä­sen­tie­ren oder ihn ver­ber­gen? Würde er stolz einen „Gewin­ner des Mädchenfragen-Spiels“-Aufkleber tra­gen oder die Auf­kle­ber lie­ber tau­schen? Würde er sich darum küm­mern, was seine Mit­schü­ler den­ken wür­den?

Reak­tion auf Bedro­hun­gen der Geschlech­ter­kon­for­mi­tät

Es wur­den drei ver­schie­dene Arten gefun­den, wie Kin­der auf Bedro­hun­gen ihrer Geschlechts­kon­for­mi­tät reagie­ren.

  • Mäd­chen und Jun­gen aller Alters­grup­pen mach­ten sich beson­ders viele Sor­gen, nicht in ihre Geschlech­ter­gruppe zu pas­sen. Das bedeu­tet, dass sie mit mehr Ableh­nung durch Gleich­alt­rige rech­ne­ten und ihr Selbst­wert­ge­fühl als gerin­ger ein­schätz­ten.
  • Einige Kin­der ver­such­ten aktiv, zu zei­gen, dass sie zu ihrer Geschlech­ter­gruppe pass­ten. Jün­gere Mäd­chen beton­ten ihre Weib­lich­keit, ältere Jun­gen ihre Männ­lich­keit. Ältere Jun­gen erzähl­ten bei­spiels­weise, dass sie Action­fi­gu­ren lie­ber moch­ten als Pup­pen oder lie­ber das „Jun­gen-Fra­gen-Spiel“ als das „Mäd­chen-Fra­gen-Spiel“ spie­len woll­ten.
  • Jun­gen aller Alters­grup­pen ver­mie­den es, sich unty­pisch für ihr Geschlecht zu ver­hal­ten, und distan­zier­ten sich aktiv von allem Weib­li­chen. Mäd­chen distan­zier­ten sich hin­ge­gen nicht in glei­cher Weise von allem Männ­li­chen.

Auf­bau siche­rer Geschlechts­iden­ti­tä­ten

Die Ergeb­nisse zei­gen, dass die Saat für Geschlech­ter­kon­for­mi­tät im Erwach­se­nen­al­ter – ein­schließ­lich eini­ger ihrer schäd­lichs­ten Aus­drucks­for­men wie die Aggres­sion man­cher Män­ner und die Angst man­cher Frauen vor einer Kar­riere in män­ner­do­mi­nier­ten Berei­chen – früh gelegt wird.

Bereits Fünf­jäh­rige erken­nen, dass Weib­lich­keit etwas ist, das es zu mei­den gilt. Mit etwa sie­ben Jah­ren schei­nen sie zu ver­ste­hen, dass Männ­lich­keit ein Sta­tus ist, der aktiv bewie­sen und ver­tei­digt wer­den muss. Diese Denk­weise kann sich im Erwach­se­nen­al­ter in Form von Aggres­sion, sexu­el­ler Gewalt und der Wei­ge­rung, Hilfe zu suchen, äußern.

Die Ergeb­nisse deu­ten dar­auf hin, dass Mäd­chen bereits in jun­gen Jah­ren moti­viert sind, ste­reo­type Weib­lich­keits­bil­der zu erfül­len. Mit zuneh­men­dem Alter lässt diese Moti­va­tion jedoch nach. Ein Grund dafür könnte sein, dass Mäd­chen mit­un­ter dazu ermu­tigt wer­den, in tra­di­tio­nell als „männ­lich“ gel­ten­den Berei­chen wie Sport und MINT-Fächern Erfolge anzu­stre­ben. Mög­li­cher­weise erken­nen sie auch, dass Männ­lich­keit Män­nern – und Jun­gen – in die­sen Berei­chen zum Erfolg ver­hilft, und ver­su­chen daher, sich von Weib­lich­keit abzu­wen­den und sich der Männ­lich­keit anzu­nä­hern.

Es ist jedoch mög­lich, dass Mäd­chen in ande­ren Kon­tex­ten stär­ker unter Druck gesetzt wer­den, Weib­lich­keit aus­zu­le­ben und Männ­lich­keit zu ver­mei­den, also femi­nine Ste­reo­type zu bedie­nen. Dies war in der vor­lie­gen­den Stu­die nicht erfass­bar. Zudem ist unklar, warum die Reak­tio­nen von Mäd­chen auf wahr­ge­nom­mene Bedro­hun­gen der Geschlech­ter­kon­for­mi­tät mit zuneh­men­dem Alter schwä­cher wer­den, obwohl auch erwach­sene Frauen von die­sen Bedro­hun­gen betrof­fen sind. Zukünf­tig sol­len diese und andere Fra­gen genauer unter­sucht wer­den, bei­spiels­weise wie sich Geschlech­ter­kon­for­mi­tät in viel­fäl­ti­ge­ren geo­gra­fi­schen und kul­tu­rel­len Kon­tex­ten sowie bei Kin­dern mit unter­schied­li­cher Geschlechts­iden­ti­tät ent­wi­ckelt.

Zusam­men­fas­send lässt sich sagen, dass das mitt­lere Kin­des­al­ter ein ent­schei­den­des Zeit­fens­ter für Inter­ven­tio­nen dar­stellt. Pro­gramme, die Kin­dern – ins­be­son­dere Jun­gen – dabei hel­fen, eine sichere Iden­ti­tät zu ent­wi­ckeln, die nicht von geschlech­ter­ge­rech­ter Leis­tung abhängt, könn­ten ihnen zu einem gesün­de­ren Ver­hält­nis zu Geschlech­ter­nor­men ver­hel­fen. Dadurch wären Kin­der mög­li­cher­weise weni­ger anfäl­lig dafür, auf wahr­ge­nom­mene Bedro­hun­gen ihrer Geschlech­ter­kon­for­mi­tät auf eine Weise zu reagie­ren, die ihnen bis ins Erwach­se­nen­al­ter scha­det.

Klar ist jedoch, dass Kin­der Geschlech­ter­nor­men nicht nur beob­ach­ten, son­dern sie auch ver­in­ner­li­chen und aktiv ver­tei­di­gen. Und das beginnt frü­her, als man denkt.

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