Warum wir den Snack immer noch wol­len

Man hat gerade eine Mahl­zeit been­det, ist papp­satt – und dann öff­net jemand eine Schach­tel Gebäck. Vor­hin dachte man noch, der Kör­per hätte genug geges­sen. Doch plötz­lich klingt ein Des­sert ver­lo­ckend.

Meist den­ken wir, dass Hun­ger der Aus­lö­ser für unser Ess­ver­hal­ten ist. In gewis­ser Weise stimmt das. Unser Kör­per ver­fügt näm­lich über ein bemer­kens­wert aus­ge­klü­gel­tes Sys­tem zur Regu­lie­rung des Ener­gie­haus­halts. Wenn wir Nah­rung benö­ti­gen, wer­den ent­spre­chende Signale akti­viert. Wenn wir satt sind, soll­ten diese Signale den Essens­drang unter­drü­cken. Doch das moderne Leben umgibt uns mit etwas, auf das uns die Bio­lo­gie nicht aus­rei­chend vor­be­rei­tet hat: einem stän­di­gen Strom von Essens­rei­zen. Sei es durch Ver­pa­ckun­gen, Wer­bung, Schau­fens­ter von Bäcke­reien, Fotos von Lie­fer­diens­ten oder das Leuch­ten eines Kühl­schranks um Mit­ter­nacht.

Warum gelingt es uns mög­li­cher­weise nicht, über­mä­ßi­ges Essen zu ver­mei­den, wenn wir mit sol­chen Essens­rei­zen kon­fron­tiert wer­den? Selbst wenn wir satt sind, bewer­tet das Gehirn diese Reize wei­ter­hin als beloh­nend. Selbst nach­dem Men­schen genug von einem Lebens­mit­tel geges­sen hat­ten, um des­sen Reiz zu min­dern, blie­ben ihre frü­hen Hirn­re­ak­tio­nen auf Bil­der die­ses Lebens­mit­tels weit­ge­hend unver­än­dert. Es sieht so aus, als würde ein Teil des Gehirns wei­ter­hin „mehr“ signa­li­sie­ren, obwohl der Kör­per bereits signa­li­siert hat, dass es genug ist.

Wenn die Sät­ti­gung das Ver­lan­gen nicht been­det

In einer aktu­el­len Stu­die bewer­te­ten 90 Uni­ver­si­täts­stu­den­ten im hung­ri­gen Zustand ver­schie­dene Lebens­mit­tel. Für jeden Teil­neh­mer wur­den zwei ähn­lich anspre­chende Lebens­mit­tel aus­ge­wählt. Nach der Hälfte der Ver­suchs­dauer wurde den Teil­neh­mern eines die­ser Lebens­mit­tel so lange ange­bo­ten, bis sie kein Ver­lan­gen mehr danach hat­ten. Dadurch ver­lor das Lebens­mit­tel an Wert und somit einen Groß­teil sei­ner Anzie­hungs­kraft.

Das klingt zunächst logisch: Wenn man genug Kar­tof­fel­chips isst, soll­ten sie weni­ger ver­lo­ckend erschei­nen. Wer genug Brow­nies isst, dem soll­ten sie etwas von ihrem Reiz ver­lie­ren. Die Stu­die bestä­tigte, dass die Pro­ban­den dies selbst anga­ben. Nach dem Essen bewer­te­ten sie die gesät­ti­gen­den Lebens­mit­tel als weni­ger begeh­rens­wert. Auch ihr Ver­hal­ten in der Auf­gabe ver­än­derte sich ent­spre­chend, was dar­auf hin­deu­tet, dass sie unbe­wusst wuss­ten, dass das Essen nicht mehr den­sel­ben Wert hatte.

Wäh­rend die Stu­die­ren­den eine Auf­gabe zum bestär­ken­den Ler­nen bear­bei­te­ten, wur­den ihre schnel­len elek­tri­schen Akti­vi­täts­re­ak­tio­nen an der Kopf­haut auf­ge­zeich­net. Der Fokus lag ins­be­son­dere auf einem Signal namens „Beloh­nungs­po­si­ti­vi­tät”, einem ereig­nis­kor­re­lier­ten Poten­zial, das häu­fig mit der frü­hen Bewer­tung posi­ti­ver gegen­über nega­ti­ven Ergeb­nis­sen durch das Gehirn in Ver­bin­dung gebracht wird. Die zen­trale Frage war, ob die­ses Signal abneh­men würde, wenn den Teil­neh­men­den Bil­der der Lebens­mit­tel gezeigt wür­den, die sie gerade bis zur Sät­ti­gung geges­sen hat­ten. Dies war jedoch nicht der Fall: Das Gehirn signa­li­siert wei­ter­hin, wei­ter zu essen, selbst nach­dem man erkannt hat, dass man satt ist.

Bereits vor dem Essen lös­ten Bil­der von Lebens­mit­teln eine deut­li­che, beloh­nungs­be­zo­gene Hirn­re­ak­tion aus. Auch nach dem Essen war diese frühe neu­ro­nale Reak­tion noch vor­han­den – selbst bei Spei­sen, die die Pro­ban­den gerade erst zu sich genom­men hat­ten. Mit ande­ren Wor­ten: Die Aus­wahl und Bewer­tung der Teil­neh­mer deu­tete auf eine Abwer­tung hin, das ursprüng­li­che Hirn­si­gnal jedoch nicht. Das Gehirn kann zwar „wis­sen“, dass ein Lebens­mit­tel nicht mehr erstre­bens­wert ist, doch ein schnel­ler und auto­ma­ti­scher Teil des Gehirns reagiert wei­ter­hin auf des­sen Reiz, als ob er eine Beloh­nung berge.

Moder­nes Über­es­sen

Diese Stu­die trägt dazu bei, einen der frus­trie­rends­ten Aspekte des Ess­ver­hal­tens zu erklä­ren. Über­mä­ßi­ges Essen ist nicht immer nur ein Ver­sa­gen der Wil­lens­kraft. Es kann bereits viel frü­her ein­set­zen, näm­lich in dem Bruch­teil einer Sekunde, in dem ein Reiz das Gehirn erreicht, bevor die bewusste Kon­trolle reagie­ren kann.

Ein Essens­reiz ist nicht das Essen selbst. Es kann sich um ein Bild, einen Geruch, eine raschelnde Ver­pa­ckung, ein Logo oder eine ver­traute Schach­tel auf der Küchen­theke han­deln. Doch durch Wie­der­ho­lung gewin­nen diese Reize an Macht. Sie erset­zen die Beloh­nung, die sie vor­her­sa­gen. Psy­cho­lo­gisch gespro­chen wer­den sie zu erlern­ten Signa­len. Im All­tag wer­den sie zu Ver­su­chun­gen, die schein­bar die Ver­nunft über­win­den.

Die Teil­neh­mer der Stu­die waren sich ihres über­mä­ßi­gen Essens bewusst. Ihre Bewer­tun­gen und ihre Leis­tung ver­än­der­ten sich. Ein Teil des Gehirns oder des Bewusst­seins regis­trierte deut­lich, dass die gesät­tigte Nah­rung nun weni­ger wert­voll war. Hart­nä­ckig blieb jedoch die ursprüng­li­che neu­ro­nale Reak­tion auf den Reiz bestehen. Dies deu­tet dar­auf hin, dass Selbst­kon­trolle nicht mit der Besei­ti­gung der Ver­su­chung beginnt, son­dern mit deren Über­win­dung. Zwar mag die erste Bewer­tungs­welle erfol­gen, doch kön­nen spä­tere Pro­zesse ein­grei­fen und „Nein“ sagen. Inso­fern ist Selbst­be­herr­schung nicht die Abwe­sen­heit von Ver­lan­gen. Sie ist die Fähig­keit, ein Signal zu über­dau­ern, das das Gehirn fort­wäh­rend aus­sen­det.

Eine über­füllte Lebens­mit­tel­welt

Unsere Vor­fah­ren leb­ten nicht in einer Welt vol­ler Lie­fer­dienste, Super­markt­re­gale und hoch­auf­lö­sen­der Food-Fotos, die unsere Auf­merk­sam­keit fes­seln sol­len. Heute bewe­gen sich viele Men­schen in einer von Rei­zen durch­drun­ge­nen Umge­bung, die dar­auf aus­ge­legt ist, wahr­ge­nom­men und erin­nert zu wer­den. Die zen­trale Erkennt­nis der Stu­die ist, dass diese Reize selbst dann noch eine gewisse Wir­kung ent­fal­ten kön­nen, wenn das ent­spre­chende bio­lo­gi­sche Bedürf­nis bereits befrie­digt ist.

Ein Bild von Essen kann die Erin­ne­rung an ver­gan­gene Beloh­nun­gen in sich tra­gen. Es kann alte Asso­zia­tio­nen wecken, selbst wenn der Magen voll ist. Wenn das stimmt, geht es beim Über­es­sen also nicht nur darum, dass der Hun­ger die Ver­nunft über­mannt. Manch­mal ist es viel­leicht sogar umge­kehrt: Die Ver­nunft erkennt, dass der Wert ver­flo­gen ist, wäh­rend ein älte­res, schnel­le­res Sys­tem trotz­dem aktiv wird. Die moderne Her­aus­for­de­rung besteht also nicht nur darin, zu ler­nen, wann man essen sollte, son­dern auch darin, mit den Rei­zen umzu­ge­hen, die wei­ter­hin Beloh­nung signa­li­sie­ren, obwohl der Kör­per sie nicht mehr ver­langt.

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