Der stille Ver­fall des Ver­trau­ens im moder­nen Leben

Frü­her waren wir ande­ren gegen­über viel ver­trau­ens­vol­ler. Noch vor weni­gen Gene­ra­tio­nen gaben die Men­schen an, dass sie ein deut­lich höhe­res Maß an Ver­trauen zuein­an­der und zu ihren Insti­tu­tio­nen hat­ten. So erga­ben Umfra­gen aus den 1950er Jah­ren in den USA, dass damals etwa drei Vier­tel der Men­schen glaub­ten, die Regie­rung würde in den meis­ten Fäl­len das Rich­tige tun, und etwa 60 Pro­zent gaben an, ihre Nach­barn seien ver­trau­ens­wür­dig. Heute sind diese Zah­len auf unter ein Vier­tel für das Ver­trauen in die Regie­rung und auf knapp ein Drit­tel für das Ver­trauen in die Gesell­schaft gesun­ken. Unter jün­ge­ren Erwach­se­nen sinkt das Ver­trauen in die Nach­barn sogar auf unter 20 Pro­zent. Heute haben wir ein­fach nicht mehr das glei­che Gefühl, dass sich andere um unser Wohl­erge­hen küm­mern.

Frü­her waren wir für die täg­li­che Kom­mu­ni­ka­tion nicht auf Bild­schirme ange­wie­sen. Wir kann­ten unsere Nach­barn per­sön­lich. Unser All­tag bestand aus unzäh­li­gen klei­nen Inter­ak­tio­nen, nicht nur aus E‑Mails und Text­nach­rich­ten. Es gibt ein Gefühl der gemein­sa­men Sicher­heit, das schwin­det, wenn wir ande­ren nicht in die Augen schauen kön­nen, ihr Lachen nicht hören oder ihre emo­tio­na­len Aus­drucks­for­men nicht sehen kön­nen. Ohne die­ses Gefühl sind wir miss­trau­isch, auf der Hut und unsi­cher, wem wir ver­trauen kön­nen.

Die Tech­no­lo­gie hat uns nicht weni­ger mensch­lich gemacht. Sie hat jedoch viele der Vor­aus­set­zun­gen, auf denen Ver­trauen basiert, aus unse­rem täg­li­chen Leben ent­fernt. Wenn wir uns ein­sam und von­ein­an­der iso­liert füh­len, leben wir in einem Umfeld, das Miss­trauen begüns­tigt.

Was ist Ver­trauen über­haupt?

Ver­trauen ist das Gefühl, dass das eigene Wohl­be­fin­den einer ande­ren Per­son wich­tig ist. Wenn du tief in dei­nem Inne­ren weißt, dass das, was für dich am bes­ten ist, von einer ande­ren Per­son voll­stän­dig gese­hen, ver­stan­den und vor allem ande­ren prio­ri­siert wird, dann ver­traust du die­ser Per­son. Und wenn du ihr ver­traust, gibst du ihr den Vor­teil des Zwei­fels. Wenn sie einen Feh­ler macht, bist du nach­sich­tig mit ihr, weil du weißt, dass sie dein Bes­tes will. Du fühlst dich nicht bedroht, wenn sie manch­mal einen Aus­rut­scher hat.

Ver­traut­heit ist die wich­tigste Zutat für Ver­trauen. Es gibt einen Grund dafür, dass wir Frem­den gegen­über von Natur aus miss­traui­scher sind, bevor wir die Gele­gen­heit haben, sie ken­nen­zu­ler­nen und ihre Absich­ten zu ver­ste­hen. Nur wenn wir jeman­den gut ken­nen, kön­nen wir ihm ver­trauen. Ver­trauen baut sich durch Bezie­hungs­er­fah­run­gen auf, die bewei­sen, dass jemand über einen län­ge­ren Zeit­raum hin­weg bestän­dig und bere­chen­bar ist. Wenn Men­schen in Zei­ten der Not erreich­bar sind und auf unsere Gefühle ein­ge­hen, bauen wir Ver­trauen zu ihnen auf.

Wie Tech­no­lo­gie das Ver­trauen beein­flusst hat

In einem per­sön­li­chen Gespräch neh­men wir auto­ma­tisch Signale der Herz­lich­keit wahr. Tech­no­lo­gie ist zwar in vie­ler­lei Hin­sicht prak­tisch, ent­fernt oder ver­zerrt jedoch viele die­ser Signale. Digi­tale Kom­mu­ni­ka­tion führt zu mehr Unklar­hei­ten, die das Gehirn als bedroh­lich inter­pre­tiert. Dazu zäh­len eine ver­spä­tete Ant­wort, eine tro­ckene Kurz­nach­richt oder eine als gele­sen mar­kierte Nach­richt. Diese Dinge kön­nen im Gehirn wie kleine Brü­che regis­triert wer­den, selbst wenn sie harm­los sind. Mit der Zeit sam­meln sie sich an und prä­gen unsere Erwar­tun­gen an andere Men­schen. Die­ser Effekt wird durch soziale Medien noch ver­stärkt. Algo­rith­men ver­set­zen uns in unter­schied­li­che Infor­ma­ti­ons­wel­ten. Das Pew Rese­arch Cen­ter hat einen star­ken Anstieg der Pola­ri­sie­rung und einen Rück­gang des Ver­trau­ens in Insti­tu­tio­nen doku­men­tiert, da die Medi­en­um­ge­bung immer per­so­na­li­sier­ter wird. Dies zeigt, dass Tech­no­lo­gie unser Gefühl für eine gemein­same Bedeu­tung zer­stö­ren kann.

Da unser Gehirn dar­auf aus­ge­rich­tet ist, uns vor Unsi­cher­heit zu schüt­zen, neigt es bei Inter­ak­tio­nen, denen es an Kon­text oder Klar­heit man­gelt, dazu, lie­ber auf Num­mer sicher zu gehen und uns in höchste Alarm­be­reit­schaft zu ver­set­zen. Text­nach­rich­ten wer­den häu­fig falsch inter­pre­tiert, da ihnen non­ver­bale Hin­weise feh­len. Das lässt nega­ti­ven Inter­pre­ta­tio­nen reich­lich Raum, um die Lücken zu fül­len.

Diese Ten­denz, nega­tive Inter­pre­ta­tio­nen zu bevor­zu­gen, beglei­tet uns auch im öffent­li­chen Leben. Wir unter­stel­len ande­ren ver­steckte Motive, betrach­ten Fremde als Bedro­hung und inter­pre­tie­ren Unter­schiede als Gefahr. Infol­ge­des­sen zie­hen wir vor­ei­lige Schlüsse und sind nur zöger­lich bereit, im Zwei­fels­fall zuguns­ten der ande­ren Per­son zu ent­schei­den. Tech­no­lo­gie ver­stärkt Miss­ver­ständ­nisse, ermög­licht aber sel­ten die glei­che Art der Wie­der­gut­ma­chung wie per­sön­li­che Inter­ak­tion. Wir schwim­men in einer Flut von Brü­chen ohne Lösung.

Die Tech­no­lo­gie ver­mit­telt zwar den Anschein von sozia­lem Kon­takt, jedoch nicht die beru­hi­gende Wir­kung auf das Ner­ven­sys­tem, die in der Gegen­wart einer ande­ren Per­son ent­steht. Stu­dien zei­gen, dass eine ver­stärkte Nut­zung sozia­ler Medien mit einem höhe­ren emp­fun­de­nen Maß an Ein­sam­keit und gerin­ge­rem Ver­trauen ein­her­geht. Men­schen, die von star­ker Ein­sam­keit berich­ten, nei­gen dazu, soziale Signale nega­ti­ver zu inter­pre­tie­ren und Ableh­nung sowie Aus­nut­zung zu erwar­ten. Ein­sam­keit führt also dazu, dass wir ande­ren weni­ger ver­trauen.

Als Gesell­schaft befin­den wir uns in einem Teu­fels­kreis: Die Tech­no­lo­gie macht uns ein­sam, und diese Ein­sam­keit führt dazu, dass wir weni­ger Ver­trauen fas­sen. Das wie­derum führt dazu, dass wir uns immer mehr iso­lie­ren.

Das Ver­trauen in einer digi­tal gepräg­ten Welt wie­der­her­stel­len

Auch wenn das Miss­trauen immer wei­ter um sich greift, kön­nen wir Ver­trauen in unse­rem eige­nen Leben bewusst auf­bauen. Der Mensch ist von Natur aus auf Ver­bun­den­heit aus­ge­rich­tet und Ver­trauen wächst, wenn wir die ent­spre­chen­den Vor­aus­set­zun­gen wie­der­her­stel­len. Wir müs­sen nur jene klei­nen, bestän­di­gen und hei­len­den Erfah­run­gen wie­der in unser Leben ein­füh­ren, die uns das Gefühl geben, bei ein­an­der sicher zu sein.

Um Ver­trauen auf­zu­bauen, sind echte per­sön­li­che Bezie­hun­gen not­wen­dig. Unser Ner­ven­sys­tem ent­spannt sich, wenn wir das Gesicht einer Per­son sehen, ihre Stimme hören und ihre Prä­senz spü­ren. Bereits wenige ver­läss­li­che per­sön­li­che Bezie­hun­gen kön­nen unser Sicher­heits­ge­fühl ver­än­dern und die durch chro­ni­sche Unge­wiss­heit ent­ste­hende Wach­sam­keit mil­dern. Durch­bre­che die­sen Kreis­lauf, indem du deine Nach­barn bewusst begrüßt, mit dem Barista im Café ins Gespräch kommst oder einen Mit­rei­sen­den im Bus fragst, wie sein Tag ver­läuft.

Dies ist auch ein Auf­ruf, dar­auf zu ach­ten, wel­che Aus­wir­kun­gen Mehr­deu­tig­keit auf deine Bezie­hun­gen und deine Sicht­weise auf andere haben könnte. Ein wenig Groß­zü­gig­keit kann viel bewir­ken. Wenn die Unsi­cher­heit groß und das Ver­trauen gering ist, neigt man leicht dazu, das Schlimmste anzu­neh­men. Wenn du dich jedoch auch nur ein­mal am Tag dafür ent­schei­dest, jeman­dem den Vor­teil des Zwei­fels zu geben, durch­brichst du den Kreis­lauf des Miss­trau­ens und erin­nerst dich daran, dass die meis­ten Men­schen ihr Bes­tes geben und gute Absich­ten haben.

Die Tech­no­lo­gie hat zwar ver­än­dert, wie wir mit­ein­an­der umge­hen, aber nicht, was uns ein Gefühl der Sicher­heit gibt. Der ein­zige Weg, um wirk­li­ches Ver­trauen auf­zu­bauen, führt über Prä­senz, Herz­lich­keit und bestän­dige Zuwen­dung, die sich oft in den klei­nen Momen­ten des All­tags zei­gen. Wenn wir diese Momente wie­der in unser Leben zurück­ho­len – wenn auch nur schritt­weise –, kann unser Ver­trauen wie­der wach­sen.

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