Als ich ein Kind war, sagte meine Mutter immer: „Kratz dich nicht, das macht es nur schlimmer.“ Mehrere Grundschullehrer sagten mir außerdem, dass es nicht hilft, eine Verletzung mit dem Finger zu berühren. „Lass sie in Ruhe.“ Aber anscheinend wusste mein Körper mehr über Neurowissenschaften als meine Eltern und Lehrer: Kratzen und Greifen helfen tatsächlich, weshalb die Evolution uns diese Verhaltensweisen quasi angeboren hat.
Beginnen wir mit dem Juckreiz
Juckreiz kann durch lokale Entzündungen, beispielsweise infolge eines Insektenstichs, einer Allergie oder durch andere Reizstoffe, entstehen. Die Empfindungen werden über dünne, langsame Nervenzellen zum Rückenmark und von dort über den Tractus spinothalamicus zum Gehirn geleitet. Zudem besitzt jede juckende Hautpartie Mechanorezeptoren, die Berührung und Vibration wahrnehmen. Deren Signale gelangen über schnelle, dicke Nervenzellen zum Rückenmark und von dort über die Hinterstränge an das Gehirn.
Im Rückenmark bilden langsame Juckreiz- und schnelle Berührungssensorische Neuronen der Haut Synapsen mit Interneuronen, die die beiden Bahnen miteinander verbinden. Mechanorezeptoren für Berührung und Vibration aktivieren Neuronen, welche die Signale aus der Juckreizbahn hemmen. „Juckreiz“-Rezeptoren wiederum hemmen diese hemmenden Neuronen.
Ein ungestörter Juckreiz, bei dem keine Mechanorezeptoren aktiviert werden, breitet sich ungehindert von der Haut zum Gehirn aus und hemmt die juckreizhemmende Aktivität im Rückenmark. Sobald der Juckreiz das Gehirn erreicht, kratzt man sich, wodurch die Mechanorezeptoren aktiviert werden. Dies verstärkt die Juckreizhemmung und lindert das unangenehme Gefühl. Dieser Prozess wird als Gate-Control-Theorie bezeichnet. Nach dieser Theorie wird Juckreiz durch gleichzeitige Aktivierung von Berührungsempfindungen „unterdrückt“.
Doch hinter dem Kratzen steckt mehr, als nur die Hemmung von Reizsignalen im Rückenmark. Durch Berührung stimulierte tiefe Hirnstrukturen senden Signale zurück ins Rückenmark, um die Weiterleitung des Juckreizes nach oben weiter zu unterdrücken. Darüber hinaus zeigen fMRT-Studien, dass Kratzen positive Belohnungszentren im Gehirn aktiviert, sodass das Kratzen als „angenehm“ empfunden wird.
Fazit: Die moderne Neurowissenschaft bestätigt, was viele bereits wussten: Kratzen hilft und verschlimmert die Beschwerden nicht zwangsläufig.
Das Festhalten an einer Verletzung ist ähnlich, aber nicht ganz dasselbe
Lange Zeit gingen Neurowissenschaftler davon aus, dass Juckreiz lediglich eine Form von schwachem Schmerz ist, der über dieselben Bahnen weitergeleitet wird wie stärkere Schmerzempfindungen. Neuere Forschungsergebnisse zeigen jedoch, dass Juckreiz und Schmerz zwar ähnliche, aber dennoch unterschiedliche neuronale Bahnen nutzen. Während Juckreiz juckreizspezifische primäre sensorische Neuronen (zum Beispiel MrgprA3-Rezeptoren) aktiviert, wird Schmerz von anderen nozizeptiven primären Nervenfasern (zum Beispiel A‑delta- und C‑Nozizeptivfasern) wahrgenommen. Diese sind mit verschiedenen Interneuronen im Rückenmark verbunden.
Ähnlich wie bei Juckreiz werden Schmerzsignale durch Reize von Mechanorezeptoren (Tast- und Vibrationssinn) in spinalen Interneuronen unterdrückt. Dies erfolgt jedoch durch eine spezielle Gruppe von Interneuronen. Zusätzlich hemmen absteigende Signale aus tieferen Hirnregionen, wie demperiaquäduktalen Grau, die Schmerzempfindung im Rückenmark.
Kratzen und Berühren helfen auch bei Juckreiz und Schmerzen, die man sich „nur einbildet“
Verschiedene neurologische Erkrankungen wie Neuropathie und thalamischer Schlaganfall können Juckreiz und Schmerzen verursachen. Diese gehen nicht von gereizter oder geschädigter Haut, sondern von Schädigungen neuronaler Schaltkreise nachgeschalteter Hautrezeptoren aus. Diese unangenehmen Empfindungen werden als zentraler Juckreiz bzw. zentraler Schmerz bezeichnet, da sie im zentralen Nervensystem entstehen. Interessanterweise lindern das Kratzen juckender und das Berühren schmerzender Haut die unangenehmen Empfindungen. Dies legt nahe, dass die Aktivität hemmender spinaler Interneurone, die Juckreiz und Schmerz „abschalten”, eine Rolle bei der Linderung von Juckreiz und Schmerz spielt – selbst wenn die Ursache der Beschwerden im Gehirn liegt.
Schlussfolgerung
Zentraler Juckreiz und Schmerzen beschäftigen mich gerade sehr. Während ich dies schreibe, juckt meine Haut am ganzen Körper wie verrückt. Das liegt einfach daran, dass ich über Juckreiz schreibe und mir dadurch Empfindungen bewusst werde, die ich sonst ignorieren würde. Ob der Juckreiz nun eingebildet ist oder nicht, Kratzen hilft definitiv. Daher mein persönlicher Rat: Wer Juckreiz vermeiden will, sollte nicht darüber schreiben.
