Warum wir trat­schen

Es war Simons ers­ter Arbeits­tag und er war ner­vös bei der Team­be­spre­chung, in der sein Chef ihn vor­stel­len sollte. Sein Blick huschte durch den Kon­fe­renz­raum, von einem unbe­kann­ten Gesicht zum nächs­ten, und er ver­suchte ein­zu­schät­zen, wer ver­trau­ens­wür­dig wirkte und wer nicht, was sich jedoch als schwie­rig her­aus­stel­len würde. Simon hatte sei­nen letz­ten Job wegen bös­ar­ti­ger Gerüchte über sein Pri­vat­le­ben kün­di­gen müs­sen. Diese Gerüchte beruh­ten auf einem win­zi­gen Körn­chen Wahr­heit und wur­den von einem Kol­le­gen ver­brei­tet, dem Simon ver­traut hatte und der auf den ers­ten Blick sehr freund­lich gewirkt hatte.

Wäh­rend Simon seine neuen Kol­le­gen wei­ter mus­terte, wurde ihm klar, dass die Gesich­ter zwar neu waren, die Men­schen im Grunde aber die­sel­ben wie in sei­nem letz­ten Job waren: eine krei­schende, hek­ti­sche Kam­mer, in der Ver­zer­run­gen und Halb­wahr­hei­ten ihn zer­stö­ren konn­ten. Oder ihn zumin­dest dazu zwin­gen wür­den, sich erneut einen neuen Job zu suchen.

Wäh­rend er sich im Geiste ein paar Worte zur Begrü­ßung zurecht­legte, mus­terte er zum letz­ten Mal den Raum und hoffte wider alle Ver­nunft, dass seine neue Gruppe anders sein würde. Er fragte sich: Wie viel trat­schen diese Leute eigent­lich?

Wie viel trat­schen wir?

Simon hatte recht damit, dass die Men­schen über­all ziem­lich gleich sind und er damit rech­nen musste, dass über ihn getratscht wurde. Aber wie viel Pro­zent unse­rer Gesprä­che bestehen eigent­lich aus Klatsch und Tratsch?

Wenn du wie die meis­ten Men­schen bist, siehst du dich wahr­schein­lich nicht als Klatsch­maul. Daher glaubst du ver­mut­lich, dass der Anteil des Klat­sches in dei­nen eige­nen Gesprä­chen unter 10 Pro­zent liegt, wenn nicht sogar bei 0 Pro­zent. Unter­su­chun­gen zu infor­mel­len Unter­hal­tun­gen zei­gen jedoch, dass mehr als 60 Pro­zent der Gesprä­che Klatsch oder der Aus­tausch damit ver­bun­de­ner „sozia­ler Infor­ma­tio­nen“ sind, also Gesprä­che über Per­so­nen und Bezie­hun­gen (z. B. wer mit wem ver­wandt ist, wer mit wem ver­bün­det ist, wer mit wem ver­hei­ra­tet ist). Ein enger gefass­ter Teil die­ser sozia­len Gesprä­che stellt rei­nen Klatsch dar, der eine Wer­tung oder Bewer­tung einer abwe­sen­den drit­ten Per­son ent­hält. Nach die­ser enge­ren Defi­ni­tion ent­fal­len durch­schnitt­lich etwa 15 Pro­zent der Gesprä­che auf Klatsch.

Das bedeu­tet, dass fast jeder von uns tratscht – je nach­dem, wie weit man den Begriff „Klatsch“ defi­niert. Ja, wirk­lich jeder. Meta­ana­ly­sen meh­re­rer Stu­dien zei­gen, dass Frauen ent­ge­gen man­cher Ste­reo­type nicht mehr trat­schen als Män­ner.

Warum Klatsch unsere Gesprä­che beherrscht

Der Mensch ist ein sozia­les Wesen, des­sen Wohl­be­fin­den heute von inner­ge­mein­schaft­li­cher Koope­ra­tion abhängt. Doch für unsere fer­nen Vor­fah­ren waren soziale Bezie­hun­gen nicht nur für ihr Wohl­erge­hen wich­tig, son­dern auch für ihre bloße Exis­tenz. Ohne den Schutz der Gruppe vor Raub­tie­ren und riva­li­sie­ren­den Clans sowie ohne die Mög­lich­keit, Res­sour­cen zu tei­len, hat­ten soziale Außen­sei­ter ein hohes Ster­be­ri­siko. Zudem pflanz­ten sie sich mit hoher Wahr­schein­lich­keit fort und ver­erb­ten ihre anti­so­zia­len Ten­den­zen an ihre Nach­kom­men.

Doch wie wur­den Außen­sei­ter in pri­mi­ti­ven Jäger- und Samm­ler­ge­sell­schaf­ten zu Außen­sei­tern und wie konn­ten die Glück­li­che­ren in der Gruppe blei­ben?

Evo­lu­tio­när-psy­cho­lo­gisch betrach­tet prak­ti­zier­ten frühe Men­schen, wie alle sozia­len Arten, impli­zite soziale Ver­träge, in denen von den Grup­pen­mit­glie­dern erwar­tet wurde, dass sie genauso viel gaben, wie sie erhiel­ten. Betrü­ger, die andere zynisch aus­nutz­ten, oder Fau­len­zer, die ihren Bei­trag nicht leis­te­ten, wur­den aus der Gemein­schaft aus­ge­schlos­sen. Durch Gesprä­che über andere Men­schen, ihre Bezie­hun­gen, ihr Ver­hal­ten und ins­be­son­dere über ihren Ruf erfuh­ren die Men­schen, wer die fei­er­li­chen sozia­len Ver­träge erfüllte und wer sie ver­letzte.

Wir exis­tie­ren also heute unter ande­rem des­halb, weil die alten Gerüchte über unsere Vor­fah­ren ent­we­der posi­tiv oder neu­tral genug waren, um deren Zuge­hö­rig­keit zu einer Gruppe zu gewähr­leis­ten. Außer­dem erhöh­ten Gerüchte dar­über, wem sie ver­trauen konn­ten und wem nicht, ihre Über­le­bens­chan­cen.

Die Anthro­po­lo­gie und die Evo­lu­ti­ons­psy­cho­lo­gie behaup­ten, dass Klatsch in den ent­schei­den­den sozia­len Dyna­mi­ken unse­rer Vor­fah­ren auch andere wich­tige Rol­len gespielt hat. Dazu gehö­ren:

  • Stei­ge­rung des sozia­len Zusam­men­halts: Klatsch und Tratsch erfül­len beim Men­schen eine ähn­li­che Funk­tion wie die gegen­sei­tige Fell­pflege bei ande­ren Pri­ma­ten. Sie tra­gen zur gegen­sei­ti­gen Beru­hi­gung bei und stär­ken die Bezie­hun­gen.
  • Ver­mitt­lung von Grup­pen­nor­men: Klatsch, ins­be­son­dere wer­ten­der Natur, ver­mit­telt und ver­brei­tet sowohl expli­zite als auch impli­zite Regeln für akzep­ta­bles und inak­zep­ta­bles Ver­hal­ten.
  • Iden­ti­fi­zie­rung von Koalitionen/Cliquen von Mit­glie­dern mit ähn­li­chen Über­zeu­gun­gen und Ein­stel­lun­gen
  • För­de­rung und Stär­kung des gegen­sei­ti­gen (rezi­pro­ken) Altru­is­mus über Fami­li­en­gren­zen hin­weg zum Wohle der gesam­ten Gruppe.

Ist Klatsch heute noch wich­tig?

Die kurze Ant­wort lau­tet: Nein, zumin­dest für uns in ent­wi­ckel­ten Län­dern, die wir nicht täg­lich ums Über­le­ben kämp­fen müs­sen, wenn man „wich­tig“ als lebens­ent­schei­dend defi­niert. In wohl­ha­ben­den, moder­nen Gesell­schaf­ten kann ein schlech­ter Ruf, der durch Gerüchte ver­brei­tet wird, zwar zum Ver­lust des Arbeits­plat­zes oder zur Tren­nung vom Ehe­part­ner füh­ren, aber er wird einem wohl kaum das Leben kos­ten.

Betrach­tet man es aus die­ser Per­spek­tive, steht unsere gegen­wär­tige Vor­liebe für Klatsch im Wider­spruch zum moder­nen Leben in ent­wi­ckel­ten Län­dern, in denen der Ruf – abge­se­hen von weni­gen Aus­nah­men wie Kri­mi­na­li­tät und Krieg – keine exis­ten­zi­el­len Fol­gen hat. Das könnte der Grund sein, warum Klatsch heute einen schlech­ten Ruf hat.

Doch Klatsch und Tratsch – und vor allem die dahin­ter ste­cken­den anthro­po­lo­gi­schen Kräfte – sind aus vie­ler­lei Grün­den ent­schei­dend für den Erfolg und das Glück eines Men­schen in der heu­ti­gen Welt. Hier einige Bei­spiele: Auch wenn der Über­le­bens­wert von Klatsch und Tratsch stark abge­nom­men hat, trat­schen Freunde, Fami­lie und Kol­le­gen, deren Gehirne immer noch nach stein­zeit­li­chen Mus­tern funk­tio­nie­ren, über dich. Wie bei ande­ren Infor­ma­ti­ons­aus­tau­schen wird auch hier nega­ti­ven Infor­ma­tio­nen über dich unver­hält­nis­mä­ßig viel Auf­merk­sam­keit und Gewicht bei­gemes­sen.

For­scher im Bereich der Infor­ma­ti­ons­ver­zer­rung argu­men­tie­ren, dass Men­schen nega­ti­ven Infor­ma­tio­nen über Ihren Ruf eher Glau­ben schen­ken als posi­ti­ven, da in den gefähr­li­chen prä­his­to­ri­schen Jäger- und Samm­ler­ge­sell­schaf­ten das Igno­rie­ren nega­ti­ver Infor­ma­tio­nen – wie etwa der Unzu­ver­läs­sig­keit oder Unehr­lich­keit einer Per­son – fatale Fol­gen haben konnte. Im Gegen­satz dazu führte das Igno­rie­ren posi­ti­ver Infor­ma­tio­nen über eine Per­son „ledig­lich” zu einer ver­pass­ten Gele­gen­heit. Wenn du dich also unge­recht behan­delt fühlst, könnte ver­zerr­ter, abwer­ten­der Klatsch der Grund dafür sein. Wer vor die­sem unglück­li­chen Miss­ver­hält­nis zwi­schen anti­ker und moder­ner Welt gewarnt ist, ist bes­tens gerüs­tet.

Es gibt noch über­zeu­gen­dere Gründe, der Psy­cho­lo­gie des Klat­sches beson­dere Auf­merk­sam­keit zu schen­ken. Sie lie­gen in den tie­fer­lie­gen­den Ursa­chen sei­ner wei­ten Ver­brei­tung: Unser Gehirn ist evo­lu­tio­när so geprägt, dass wir die Mimik, Kör­per­spra­che, Bezie­hun­gen, das Ver­hal­ten und den Ruf ande­rer Men­schen genau­es­tens beob­ach­ten. Um dies zu ver­deut­li­chen, halte einen Moment inne und über­lege, was dir am wich­tigs­ten ist und was die meis­ten dei­ner stärks­ten Emo­tio­nen aus­löst: Fami­lie, Freunde, Kol­le­gen und ab und zu auch der eine oder andere Poli­ti­ker. Kurz gesagt: andere Men­schen.

Men­schen sind von Natur aus dar­auf pro­gram­miert, sich um andere zu küm­mern. Wenn du also andere infor­mie­ren oder über­zeu­gen willst – ob beruf­lich oder pri­vat –, dann soll­test du dich nicht auf Fak­ten und Logik ver­las­sen, son­dern die Infor­ma­tio­nen als Geschich­ten über Men­schen prä­sen­tie­ren. Um zu ler­nen, wie das geht, nimmst du eine belie­bige Zeit­schrift oder Zei­tung zur Hand (oder du besuchst eine belie­bige Nach­rich­ten­web­site) und beob­ach­test, wie die meis­ten Repor­ta­gen begin­nen: mit der bewe­gen­den Geschichte einer ein­zel­nen Per­son, die von den berich­te­ten Ereig­nis­sen betrof­fen ist.

Wenn wir in der heu­ti­gen, stark pola­ri­sier­ten Infor­ma­ti­ons­welt des „Post­fak­ti­schen“ etwas gelernt haben, dann das: Es gibt keine unver­än­der­li­chen Fak­ten oder logi­schen Argu­mente mehr, mit denen man andere infor­mie­ren und über­zeu­gen könnte. Doch dank der Evo­lu­tion gibt es einen uni­ver­sel­len Weg, um andere zu errei­chen: indem man wich­tige Gesprä­che beginnt und über Men­schen spricht. Mit ande­ren Wor­ten: indem man tratscht.

Latest articles

Related articles

spot_img