Warum lang­weilt man sich? Und warum ist das wich­tig?

Wenn du ein paar Minu­ten lang nichts Bes­se­res zu tun hast, weil du von der Dra­ma­tik der Fei­er­tage oder den Rou­ti­nen des All­tags gelang­weilt bist, dann pass gut auf. Ich gehe näm­lich einer Frage nach, die nie gestellt wird: Warum lang­wei­len wir uns über­haupt so leicht?

Lan­ge­weile ist eine mensch­li­che Eigen­schaft, die wir wie die Vor­liebe für Humor, Musik oder den Anblick des Mee­res als selbst­ver­ständ­lich anse­hen, ohne uns zu fra­gen, warum wir diese Nei­gun­gen haben. Die Folge ist, dass wir durchs Leben gehen, man­che Dinge bevor­zu­gen, andere mei­den und wie­der andere völ­lig igno­rie­ren, ohne uns nach dem Warum zu fra­gen.

Wenn du dir weni­ger Lan­ge­weile in dei­nem Leben wünschst und bes­ser ver­ste­hen möch­test, warum du so bist, wie du bist, lies wei­ter.

Es gibt zwei Ansätze, um Lan­ge­weile zu ver­ste­hen: die sen­so­ri­sche Neu­ro­wis­sen­schaft und die Evo­lu­ti­ons­psy­cho­lo­gie. Begin­nen wir mit der sen­so­ri­schen Neu­ro­wis­sen­schaft.

Die sen­so­ri­sche Neu­ro­wis­sen­schaft der Lan­ge­weile

Unser Gehirn benö­tigt Infor­ma­tio­nen, um wich­tige Ent­schei­dun­gen über Nah­rung, Unter­kunft, Part­ner, soziale Bin­dun­gen und phy­si­sche Bedro­hun­gen zu tref­fen. Infor­ma­tio­nen dre­hen sich defi­ni­ti­ons­ge­mäß um Ver­än­de­rung: ver­än­derte Licht­mus­ter und ‑far­ben, ver­än­derte Laut­stärke und Ton­höhe, ver­än­derte Gerü­che sowie ver­än­derte Ober­flä­chen­be­schaf­fen­hei­ten von Din­gen, die wir berüh­ren. Des­halb ist unser Gehirn dar­auf aus­ge­legt, gleich­blei­bende Zustände aus­zu­blen­den und Ver­än­de­run­gen zu ver­stär­ken.

Ein ein­fa­ches Bei­spiel hier­für ist das bekannte Weber-Fech­ner-Gesetz: ∆I/I = K. Dem­nach bleibt der Pro­zent­satz der Reiz­in­ten­si­tät (∆I/I), der nötig ist, um einen gerade noch merk­li­chen Unter­schied in der Wahr­neh­mung gegen­über dem Grund­reiz­ni­veau her­vor­zu­ru­fen, über einen wei­ten Bereich von Reiz­in­ten­si­täts­un­ter­schie­den kon­stant. Bei den meis­ten Reiz­stär­ken liegt die­ser Wert bei etwa 2 Pro­zent.

Des­halb sehen wir die Sterne nachts, wenn sie einige Pro­zent hel­ler als der Nacht­him­mel sind, aber nicht bei vol­lem Tages­licht, obwohl sie nie ver­schwin­den. Mit Ein­bruch der Däm­me­rung gewöhnt sich unser Gehirn an das schwa­che Ster­nen­licht und blen­det es zuguns­ten des hel­le­ren Hori­zonts aus.

Die evo­lu­tio­näre Psy­cho­lo­gie der Lan­ge­weile

Du bist am Leben, liest das hier und fragst dich unge­dul­dig, wann ich end­lich zur Sache komme, weil dei­nen fer­nen Vor­fah­ren lang­wei­lig war. Laut Evo­lu­ti­ons­psy­cho­lo­gen moti­vierte Lan­ge­weile deine Vor­fah­ren in Zei­ten gerin­ger Ver­än­de­run­gen (also rela­tiv ruhi­ger und siche­rer Ver­hält­nisse), keine Zeit mehr zu ver­geu­den, son­dern zu jagen, zu erkun­den, Werk­zeuge her­zu­stel­len, Unter­künfte zu bauen und Auf­ga­ben zu erle­di­gen. All dies berei­tete sie auf Zei­ten vor, in denen die Lage unwei­ger­lich gefähr­lich wurde, bei­spiels­weise wenn die Nah­rung knapp wurde, Stürme auf­zo­gen oder ein riva­li­sie­ren­der Stamm zum Angriff bereit­stand. Mit ande­ren Wor­ten: Sie woll­ten pro­duk­tiv sein, anstatt unpro­duk­tiv, denn Unpro­duk­ti­vi­tät hätte das Aus­ster­ben ihres Gen­pools bedeu­tet.

Die Kehr­seite der Lan­ge­weile ist das Stre­ben nach Neuem. Um Lan­ge­weile zu ver­mei­den, seh­nen wir uns unauf­hör­lich nach neuen Fil­men, Lie­dern, Video­spie­len, Mode­trends, Film­stars, Dro­gen, Rei­se­zie­len, Poli­ti­kern, tech­ni­schen Gerä­ten, Bei­trä­gen in den sozia­len Medien und, nun ja, nach neuen Nach­rich­ten statt alten. Diese Neu­gier und die­ses Stre­ben nach Neuem hal­fen unse­ren Vor­fah­ren, lebens­wich­tige Res­sour­cen zu fin­den, dro­hende Gefah­ren zu erken­nen und lebens­be­droh­li­che Über­ra­schun­gen im All­ge­mei­nen zu ver­mei­den.

End­lich ist der Punkt erreicht

Unsere Sucht nach Neuem ent­stand vor Mil­lio­nen von Jah­ren, als Lan­ge­weile noch töd­lich sein konnte. In der moder­nen Welt kann man nicht mehr an Lan­ge­weile ster­ben. Doch unser Gehirn, das immer noch mit uralten „dar­wi­nis­ti­schen Über­le­bens­mus­tern“ pro­gram­miert ist, weiß das nicht. So zieht es uns und unsere Kin­der in die digi­tale Welt (Spiele, soziale Medien, Strea­ming-Serien), als hinge unser Leben von einer Flut an Rei­zen ab.

Unser Leben hängt jedoch nicht von stän­di­ger Reiz­über­flu­tung ab. Im Gegen­teil: Die Sucht nach schnel­len Klicks kann zu sozia­ler Iso­la­tion, Depres­sio­nen, Angst­zu­stän­den, Stress und man­geln­der Pro­duk­ti­vi­tät füh­ren. Reiz­über­flu­tung wirkt sich auf unsere Stim­mung aus wie Donuts auf unsere Figur: Sie hat zwar eine solide evo­lu­tio­näre Grund­lage – unsere Vor­fah­ren, die stän­dig am Rande des Hun­ger­tods stan­den, ver­lang­ten nach kalo­rien­rei­chen Fet­ten und Süßig­kei­ten –, ist in der moder­nen Welt aber schäd­lich.

Die Gefah­ren über­mä­ßi­ger Bild­schirm­zeit sind bekannt. Hier jedoch eine echte Neu­ig­keit: Die Schä­den, die die digi­tale Reiz­über­flu­tung unse­rem psy­chi­schen Wohl­be­fin­den zufügt, wer­den sich mit Sicher­heit ver­schlim­mern. Warum? Lan­ge­weile ent­steht durch Anpas­sung und Gewöh­nung. Neue Erfah­run­gen wer­den so „nor­mal“, ähn­lich wie Dro­gen­ab­hän­gige ihre Dosis ste­tig erhö­hen müs­sen, um einen Rausch zu erzie­len. Wir gie­ren nach mehr Geld, doch sobald wir es haben, sind wir wie­der unzu­frie­den und wol­len noch mehr. Wir flie­hen vor kal­ten Regio­nen in wär­mere, doch nach­dem wir uns an das schöne Wet­ter gewöhnt haben, sind wir nicht glück­li­cher. Wir malen uns aus, wie glück­lich wir sein wer­den, wenn wir eine unbe­frie­di­gende Bezie­hung been­den, nur um dann in neuen Bezie­hun­gen wie­der unglück­lich zu sein.

Es ist daher nahezu unver­meid­lich, dass wir – und vor allem unsere Kin­der – den schnell geschnit­te­nen Videos, dem hek­ti­schen Sur­fen im Inter­net und den rasan­ten Video­spie­len über­drüs­sig wer­den. Das ver­lei­tet uns dazu, immer grö­ßere Men­gen „digi­ta­len Koka­ins“ zu kon­su­mie­ren. Die damit ein­her­ge­hende soziale Iso­la­tion sowie Angst­zu­stände, Stress und Depres­sio­nen wer­den mit ziem­li­cher Sicher­heit eben­falls zuneh­men.

Fazit

Auch wenn man die Gesell­schaft nicht aus dem Teu­fels­kreis der digi­ta­len Sucht befreien kann, so kann man sich selbst und seine Fami­lie davor schüt­zen. Wie es in den Zwölf-Schritte-Pro­gram­men heißt, ist der erste Schritt, das Pro­blem anzu­er­ken­nen und zu ver­ste­hen, dass es sich, wenn man es sich selbst über­lässt, wahr­schein­lich ver­schlim­mern wird.

Das heißt jedoch nicht, dass du nicht wei­ter­hin nach neuen Din­gen suchen kannst, um Lan­ge­weile zu ver­mei­den. Doch anstatt dich sofort der Befrie­di­gung durch einen Bild­schirm hin­zu­ge­ben, soll­test du per­sön­li­che Begeg­nun­gen mit ande­ren Men­schen suchen, um der Iso­la­tion ent­ge­gen­zu­wir­ken. Geh in eine Biblio­thek und tau­che in ein gedruck­tes Buch ein. Schnup­pere jeden Tag neue Gerü­che, fahre unter­schied­li­che Stre­cken zur Arbeit, suche dir neue Hob­bys, lerne ein Instru­ment, wechsle regel­mä­ßig deine Gar­de­robe, pro­biere neue Gerichte aus und knüpfe vor allem neue Freund­schaf­ten.

Dein Gehirn wird es dir dan­ken, auch wenn dein Com­pu­ter, dein Tele­fon, deine Video­spiel­kon­sole und dein Inter­net­an­bie­ter es nicht tun wer­den.

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