Oft wird das Wort „Gewohnheit“ negativ assoziiert. Das ist der Fall, wenn wir über Nägelkauen, Rauchen oder exzessives Scrollen in den sozialen Medien sprechen. Doch in Wirklichkeit haben Gewohnheiten keinen moralischen Wert an sich. Eine Gewohnheit ist weder gut noch schlecht, sie ist neutral. Einige unserer Gewohnheiten bringen uns unseren Zielen näher – diese bezeichnen wir als „gut“, beispielsweise regelmäßiges Training. Andere Gewohnheiten entfernen uns von unseren Zielen – diese bezeichnen wir als „schlecht“, wie beispielsweise zu wenig Schlaf. Und wieder andere Gewohnheiten sind weder „gut” noch „schlecht”, wie etwa die Tür mit der rechten statt der linken Hand zu öffnen (oder umgekehrt). Diese neutralen Gewohnheiten bringen weder Nutzen noch Schaden in unser Leben; sie erleichtern es uns lediglich.
Genauso kann eine Gewohnheit, die für den einen als „gut” gilt, für den anderen als „schlecht” angesehen werden. Nehmen wir als Beispiel das Essen eines Stücks Kuchen: Je nach Kontext und unseren Zielen kann dies eine positive oder negative Gewohnheit sein. Für jemanden, der sich von einer Essstörung erholt, kann es ein Fortschritt sein, für jemanden mit Typ-2-Diabetes hingegen nicht. Gewohnheiten können viele Formen annehmen. Im Grunde sind es unbewusste Handlungen oder Handlungsabfolgen, mentale Reaktionen oder sogar emotionale Reaktionen oder Überzeugungen.
Verhalten lässt sich leicht in einem Satz definieren: Es ist die Art und Weise, wie man handelt oder sich verhält. Es ist eine bewusste Handlung. Beispiele hierfür sind das achtsame (d. h. bewusste) Bewegen von einem Ort zum anderen, das Zubereiten eines neuen Gerichts oder das angemessene Verhalten in einer Besprechung. Eine Gewohnheit erfordert eine etwas genauere Definition.
Frühe Autoren von der Antike bis ins 19. Jahrhundert beschrieben Gewohnheiten als erworbene Neigungen. Eine Neigung kann als Veranlagung, Tendenz, Prädisposition, Empfänglichkeit oder Bereitschaft definiert werden. Gewohnheiten entstehen durch klassische Konditionierung: Ein anfänglich neutraler Auslöser wird durch wiederholte Verknüpfung mit einer bestimmten Reaktion mit dieser verbunden. Wenn wir eine Handlung in einem beständigen Kontext wiederholen – beispielsweise zur gleichen Zeit, am gleichen Ort oder als Reaktion auf eine bestimmte Emotion, soziale Situation oder eine vorherige Handlung –, bilden sich in unserem Gehirn neuronale Verbindungen zwischen der Handlung und dem Kontext. Je öfter wir die Handlung im gleichen Kontext wiederholen, desto stärker werden die entsprechenden Verbindungen, bis sich die Verknüpfung schließlich verankert und der Kontext die zugehörige Gewohnheit auslöst.
Eine Gewohnheit wird daher als der Prozess definiert, bei dem die Konfrontation mit einem Kontext einen Handlungsimpuls auslöst, der auf Kontext-Handlungs-Assoziationen basiert, die wir durch wiederholte Ausführung erlernt haben. Mit anderen Worten:
Eine Gewohnheit ist ein Verhalten, das durch häufige Wiederholung im selben Kontext automatisiert wurde.
Mit der Zeit kann allein der Kontext eine Reaktionsgewohnheit auslösen, ohne dass bewusst darüber nachgedacht wird. Diese Handlungen werden als „Gewohnheitsmäßiges Verhalten“ bezeichnet.
— In der Langversion erfährst du, was Gewohnheiten auszeichnet, wie Automatisierung entsteht und wie sie durchbrochen werden kann. Außerdem lernst du die Unterschiede zu Sucht kennen. —
