Was funk­tio­niert in den sozia­len Medien im poli­ti­schen Bereich? Und was nicht?

Bis zur nächs­ten US-Wahl im Jahr 2028 wer­den die Mil­len­ni­als und die Gene­ra­tion Z, die bereits heute täg­lich mehr als sechs Stun­den Medi­en­in­halte kon­su­mie­ren, die Mehr­heit der Wäh­ler­schaft stel­len. Da auch die Gene­ra­tion Alpha, also Men­schen, die zwi­schen 2010 und 2024 gebo­ren wur­den, das Wahl­al­ter errei­chen wird, kön­nen Social-Media-Platt­for­men wie Tik­Tok und Insta­gram oder ihre zukünf­ti­gen Pen­dants eine Rolle für den poli­ti­schen Erfolg spie­len – vor­aus­ge­setzt, die Politiker:innen kön­nen sie rich­tig nut­zen.

Auf die­sen Platt­for­men ver­mi­schen sich Poli­tik und Unter­hal­tung. Das schafft einen guten Nähr­bo­den für Memes und virale Inhalte, die die öffent­li­che Mei­nung in Echt­zeit beein­flus­sen – vor allem in den USA. Es ist jedoch nicht ein­fach, viral zu gehen, und poli­ti­schen Akteu­ren ist es bis­her nicht gelun­gen, das Beste dar­aus zu machen. Inhalte, die nicht echt wir­ken, keine klare Bot­schaft haben oder nicht an die ver­schie­de­nen Platt­for­men ange­passt sind, wer­den höchst­wahr­schein­lich nicht erfolg­reich sein.

Außer­dem ver­brei­ten sich virale Inhalte schnell und manch­mal unvor­her­seh­bar über ver­schie­dene Platt­for­men hin­weg, die alle unter­schied­lich funk­tio­nie­ren. Die Algo­rith­men, die hin­ter der vira­len Ver­brei­tung ste­hen, sind spe­zi­fisch für jede Platt­form und nicht trans­pa­rent. Das macht es schwie­rig, die Aus­wir­kun­gen vira­ler Akti­vi­tä­ten zu mes­sen und zu ver­fol­gen. Das ist eine Her­aus­for­de­rung für Poli­ti­ker und Kam­pa­gnen, die davon pro­fi­tie­ren möch­ten.

Ich habe mir das genauer ange­schaut. Im Vor­feld der US-Wahl 2024 habe ich das „Kamala IS Brat“-Phänomen auf den Platt­for­men X, Insta­gram und Tik­Tok beob­ach­tet und doku­men­tiert. Mein Ziel war es, die Anony­mi­tät einer vira­len Bewe­gung zu unter­su­chen. Dazu habe ich fol­gende Fra­gen unter­sucht: Was wurde auf den ein­zel­nen Platt­for­men ver­brei­tet, wie lange hielt die Bewe­gung an und wer trieb sie voran?

Ich habe fest­ge­stellt, dass sich virale poli­ti­sche Inhalte, die auf X auf­tau­chen, durch eine Mischung aus stra­te­gi­scher Kom­mu­ni­ka­tion und dem Über­las­sen des Rests dem Publi­kum ver­brei­ten. Oft ver­brei­ten sie sich zunächst auf Tik­Tok und anschlie­ßend etwas lang­sa­mer auf Insta­gram. „Erklär­in­halte” mit Bil­dern, die häu­fig von einer Mischung aus all­täg­li­chen Nut­zern und Main­stream-Medien stam­men, sor­gen dafür, dass sie sicht­bar blei­ben.

Virale Inhalte bewe­gen sich zwi­schen ver­schie­de­nen Platt­for­men und pas­sen sich dabei an die jewei­lige Umge­bung an, indem sie in Audio- und Video­for­mate umge­wan­delt wer­den. Meine For­schung hat gezeigt, dass die Ver­wen­dung von Audio beson­ders wir­kungs­voll ist: Das Umwan­deln von Zita­ten in Sound­bi­tes und das Über­la­gern von Tanz­trends mit poli­ti­schen Hin­ter­grün­den ergab Kom­bi­na­tio­nen, die sich her­vor­ra­gend tei­len lie­ßen – je sur­rea­ler, desto bes­ser.

Die meis­ten Men­schen glau­ben, dass virale Inhalte nur von kur­zer Dauer sind. Es hat sich jedoch gezeigt, dass digi­tale Inhalte einen Long Tail haben. Sie tau­chen auch Tage, Wochen oder Monate spä­ter wie­der auf und bie­ten so immer wie­der neue Chan­cen, mit dem Publi­kum in Kon­takt zu tre­ten.

Dies zeigt sich beson­ders deut­lich auf X, wo Inhalte auf sati­ri­sche und humor­volle Weise wie­der­ver­wen­det und in einen neuen Kon­text gesetzt wer­den. Das ist jedoch nicht immer posi­tiv. In den von mir ana­ly­sier­ten Daten ver­wen­de­ten Anhän­ger der Repu­bli­ka­ner den Aus­druck „Kamala IS brat” (Kamala IST ein Balg), um die Erzäh­lung in etwas Nega­ti­ves umzu­wan­deln. Dies hat ihre Sicht­bar­keit wahr­schein­lich erhöht, da die Ansich­ten ein­fluss­rei­cher Per­sön­lich­kei­ten des öffent­li­chen Lebens vor­an­ge­trie­ben und von Meme-Accounts geteilt wer­den.

Die­ses Poten­zial für ein Wie­der­auf­le­ben bedeu­tet für Politiker:innen, dass es bei einem erfolg­rei­chen Enga­ge­ment in den sozia­len Medien nicht nur um stra­te­gi­sche Pla­nung geht. Sie müs­sen auch ver­ste­hen, wie das Publi­kum Inhalte auf schwer vor­her­seh­bare Weise neu zusam­men­stellt und wei­ter­ver­brei­tet.

Es geht nicht darum, Inhalte starr an jede Platt­form anzu­pas­sen, son­dern sich an deren Stil zu ori­en­tie­ren. Effek­tive digi­tale Stra­te­gien arbei­ten mit ihrem Publi­kum zusam­men und nut­zen Momente, die sich nicht immer im Vor­aus pla­nen las­sen. Der heu­tige kana­di­sche Pre­mier­mi­nis­ter und ehe­ma­lige Pre­mier­mi­nis­ter­kan­di­dat Mark Car­ney nutzte bei­spiels­weise wäh­rend sei­ner erfolg­rei­chen Kam­pa­gne im Jahr 2025 den Hash­tag #elbows­up­Ca­nada.

Es hat sich auch gezeigt, dass es wich­tig ist, die rich­ti­gen Inhalte zu ver­öf­fent­li­chen – am bes­ten kurze. Social-Media-Platt­for­men ver­wen­den eine Mischung aus Emp­feh­lungs- und sozia­len Algo­rith­men, die poli­tisch intui­tiv sind. Zwar kann eine hohe Anzahl von Fol­lo­wern nach wie vor die Sicht­bar­keit erhö­hen, doch die rich­ti­gen Inhalte kön­nen die virale Reich­weite ver­grö­ßern – unab­hän­gig davon, wie viele Fol­lower ein Account hat.

Ins­be­son­dere der Algo­rith­mus von Tik­Tok ist auf Ent­de­ckung aus­ge­legt. Auch Insta­gram Threads zeigt Nut­zern bereits poli­ti­sche Inhalte an, die nicht unbe­dingt von Accounts stam­men, denen sie fol­gen. Unter­su­chun­gen zei­gen, dass Nut­zer jeder Platt­form poli­ti­sche Inhalte erwar­ten, unab­hän­gig davon, ob sie aktiv danach suchen.

Ange­sichts des Poten­zi­als, mit vira­len Akti­vi­tä­ten ein rie­si­ges und poli­tisch zuneh­mend bedeu­ten­des Publi­kum zu errei­chen, ist es für poli­ti­sche Akteure nach wie vor eine Her­aus­for­de­rung, ihr Enga­ge­ment in den sozia­len Medien in Wahl­ge­winne umzu­wan­deln. Viele ver­su­chen dies mit unter­schied­li­chem Erfolg. Har­ris’ Digi­tal-First-Stra­te­gie ver­folgte einen inno­va­ti­ven Ansatz: Ein 25-köp­fi­ges Rapid-Response-Team erhielt krea­tive Frei­heit. Die digi­tale Kam­pa­gne selbst galt als Blau­pause für PR-Erfolg, konnte letzt­lich jedoch nicht in Stim­men umge­münzt wer­den. Dies lag wahr­schein­lich daran, dass sie nicht von kla­ren, prä­gnan­ten Bot­schaf­ten beglei­tet wurde.

Auch andere poli­ti­sche Hoffnungsträger:innen wie die Akti­vis­tin Deja Foxx aus Ari­zona und der demo­kra­ti­sche Bür­ger­meis­ter­kan­di­dat Zohran Mamdani nut­zen die Mög­lich­kei­ten der sozia­len Medien. Obwohl Foxx kürz­lich bei ihrem Ver­such geschei­tert ist, als erste Frau der Gene­ra­tion Z in den Kon­gress gewählt zu wer­den, hat sie mit ihrem Ansatz, der auf ein­gän­gi­gen Inhal­ten und Influen­cer-Tak­ti­ken basiert, eine aus­sichts­lose Kan­di­da­tur in einen sehr wett­be­werbs­fä­hi­gen Wahl­kampf ver­wan­delt.

Mamdani hat greif­ba­rere Erfolge erzielt. Durch den effek­ti­ven Ein­satz von Bil­dern in den sozia­len Medien und sein mehr­spra­chi­ges Enga­ge­ment konnte er seine Reich­weite ver­grö­ßern. Im Juni gewann er die Vor­wah­len der Demo­kra­ten für das Amt des Bür­ger­meis­ters von New York City.

Es gibt immer mehr Hin­weise dar­auf, dass sich der poli­ti­sche Erfolg von Poli­ti­kern durch die rich­tige Nut­zung vira­ler Effekte beein­flus­sen lässt.

Soziale Medien wer­den zwar keine Wahl allein gewin­nen, aber mit Blick auf das Jahr 2028 wer­den sie zuneh­mend Teil einer erfolg­rei­chen Wahl­kam­pa­gne sein. Junge Wäh­ler sind zwar keine homo­gene Gruppe, aber sie haben eines gemein­sam: Sie ver­brin­gen viel Zeit in den sozia­len Medien. Tik­Tok ist nach wie vor die am schnells­ten wach­sende Platt­form in die­ser Alters­gruppe. Viele nut­zen sie nicht nur zur Unter­hal­tung, son­dern auch, um sich zu infor­mie­ren und poli­tisch zu enga­gie­ren. Wahl­kampf­teams kön­nen es sich nicht leis­ten, dies zu igno­rie­ren.

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