Was kann ich kon­trol­lie­ren? Was liegt außer­halb mei­ner Kon­trolle?

Grund­sätz­lich kann man sagen, dass es zwei Typen von Men­schen gibt: die­je­ni­gen, die glau­ben, dass sie nur sich selbst etwas schul­den, und die­je­ni­gen, die glau­ben, dass alles von oben bestimmt wird. Aus­ge­hend von die­ser Über­le­gung hat der ame­ri­ka­ni­sche Psy­cho­loge Julian Rot­ter seine Theo­rie des sozia­len Ler­nens ent­wi­ckelt.

Julian Rot­ter bezeich­net diese bei­den Arten, mit dem Leben umzu­ge­hen, als Kon­troll­über­zeu­gun­gen. Men­schen mit inter­na­len Kon­troll­über­zeu­gun­gen sind der Mei­nung, dass Ereig­nisse von ihnen selbst abhän­gen. Men­schen mit exter­na­len Kon­troll­über­zeu­gun­gen sind hin­ge­gen der Mei­nung, dass Ereig­nisse das Werk exter­ner Fak­to­ren sind. Wenn du bei der Arbeit beför­dert wirst und eine interne Kon­troll­über­zeu­gung hast, wirst du sagen, dass dies das Ergeb­nis dei­ner eige­nen Bemü­hun­gen ist. Wenn du hin­ge­gen eine externe Kon­troll­über­zeu­gung hast, wirst du die Beför­de­rung dem Glück oder dem Feh­len von Kon­kur­ren­ten zuschrei­ben.

Ich möchte nun klar­stel­len, dass der Grad der Kon­troll­über­zeu­gung keine binäre Varia­ble ist: Wir haben nie zu 100 % eine interne oder externe Kon­troll­über­zeu­gung, son­dern nei­gen eher zur einen oder zur ande­ren. Dies kann sich im Laufe unse­res Lebens und in Abhän­gig­keit von unse­ren Erfah­run­gen ändern.

Im Jahr 1955 führte Jerry Pha­res, einer von Rot­ters Schü­lern, ein Ver­suchs­pro­to­koll ein, um zu zei­gen, wel­chen gro­ßen Ein­fluss der Ort, an dem wir uns befin­den, auf unsere Leis­tung und unser Selbst­wert­ge­fühl hat. Er beauf­tragte zwei Grup­pen von Per­so­nen, die glei­che, sehr ein­fa­che Auf­gabe zu lösen: Sie soll­ten unter ver­schie­de­nen Win­keln die­je­ni­gen fin­den, die gleich waren. Der ers­ten Gruppe sagte er, dass diese Auf­gabe sehr schwie­rig sei und viel Glück erfor­dere. Der zwei­ten Gruppe sagte er, dass es eine Frage der Kom­pe­tenz sei. Anschlie­ßend bat Pha­res die Teil­neh­mer bei­der Grup­pen, den Pro­zent­satz ihrer Erfolgs­chan­cen bzw. ihres Risi­kos ein­zu­schät­zen. Die Ergeb­nisse zeig­ten, dass ihre Selbst­ein­schät­zung a priori davon abhing, was sie für mach­bar hiel­ten und was nicht. Die­je­ni­gen, die glaub­ten, dass Glück eine Rolle spiele, waren weni­ger zuver­sicht­lich, die Auf­gabe zu bewäl­ti­gen, als die­je­ni­gen, die glaub­ten, ihr Erfolg hänge nur von ihren eige­nen Fähig­kei­ten ab.

Im All­tag haben wir nicht immer jeman­den wie Pha­res, der uns sagt, was von uns abhängt und was eine Frage des Glücks ist. Wir müs­sen selbst beur­tei­len, wie viel Kon­trolle wir über unsere Hand­lun­gen haben. Wenn wir das falsch ein­schät­zen, kann das weit­rei­chende Fol­gen haben. Ein Bei­spiel ist die weit ver­brei­tete Vor­stel­lung, dass Frauen schlech­ter in Mathe­ma­tik sind als Män­ner, obwohl es nie einen bio­lo­gi­schen Unter­schied zwi­schen den Geschlech­tern gab, der einen Unter­schied in den mathe­ma­ti­schen Fähig­kei­ten recht­fer­ti­gen würde. Ein sol­ches Ste­reo­typ bezeich­nen wir als nega­tiv, da wir einer Bevöl­ke­rungs­gruppe unbe­wusst nega­tive Eigen­schaf­ten zuschrei­ben, obwohl es dafür keine Grund­lage gibt.

Ste­ven J. Spen­cer, Pro­fes­sor für Psy­cho­lo­gie an der Ohio State Uni­ver­sity, wollte mit dem fol­gen­den Expe­ri­ment her­aus­fin­den, ob sich diese Vor­ein­ge­nom­men­heit besei­ti­gen lässt: Dazu stellte er zunächst eine Gruppe von Män­nern und Frauen mit ähn­li­chen mathe­ma­ti­schen Fähig­kei­ten zusam­men und unter­zog sie einem Stan­dard­test. Das Ergeb­nis zeigte, dass die Män­ner bes­ser abschnit­ten als die Frauen. Anschlie­ßend wie­der­holte er das Expe­ri­ment mit zwei gemisch­ten Grup­pen, aller­dings mit einem Unter­schied: Der ers­ten Gruppe sagte er, dass der Test bereits durch­ge­führt wor­den sei und die Män­ner bes­ser abge­schnit­ten hät­ten als die Frauen. Der zwei­ten Gruppe teilte er mit, dass die Ergeb­nisse frü­he­rer Tests dar­auf hin­deu­te­ten, dass Män­ner und Frauen ähn­li­che Leis­tun­gen erbrach­ten. Es sei daran erin­nert, dass beide Grup­pen genau den glei­chen Test absol­vier­ten.

Wenn die Leis­tun­gen auf ange­bo­rene Unter­schiede zwi­schen den Geschlech­tern zurück­zu­füh­ren wären, müss­ten die Ergeb­nisse des zwei­ten Expe­ri­ments logi­scher­weise denen des ers­ten ähneln. Wäh­rend die Ergeb­nisse der ers­ten Gruppe deut­li­che Unter­schiede zwi­schen den Geschlech­tern zeig­ten, deu­te­ten die Ergeb­nisse der zwei­ten Gruppe dar­auf hin, dass Män­ner und Frauen nahezu iden­ti­sche Erfolgs­quo­ten hat­ten. Ein ein­zi­ger Satz reichte aus, um den Leis­tungs­un­ter­schied zu besei­ti­gen. Die Ergeb­nisse der zwei­ten Gruppe zei­gen somit, dass es mög­lich ist, die Leis­tung von Frauen auf eine eher interne Achse „umzu­ka­li­brie­ren“, indem die durch soziale Ste­reo­type ver­ur­sachte Ver­zer­rung besei­tigt wird. Diese Ver­zer­rung ist nicht auf Mathe­ma­tik beschränkt.

Über­zeu­gung von Kon­trolle

Unsere Kon­troll­über­zeu­gung bestimmt unser Han­deln und somit auch die Ergeb­nisse die­ses Han­delns. Je nach­dem, ob wir eher zu inter­nen oder exter­nen Kon­troll­über­zeu­gun­gen nei­gen, füh­len wir uns in unter­schied­li­chem Maße ver­ant­wort­lich.

  • Eine interne Kon­troll­über­zeu­gung führt zu mehr Selbst­ver­ant­wor­tung und einem höhe­ren Selbst­wert­ge­fühl. Men­schen mit inter­ner Kon­troll­über­zeu­gung schrei­ben ihren Erfolg den eige­nen Fähig­kei­ten zu und ent­wi­ckeln ein gutes Selbst­wert­ge­fühl. Bei Miss­erfolg sagen sie sich, dass sie beim nächs­ten Mal alles tun wer­den, um erfolg­reich zu sein.
  • Je mehr du dich an exter­nen Kon­troll­punk­ten ori­en­tierst, desto mehr wirst du dei­nen Erfolg exter­nen Fak­to­ren zuschrei­ben und desto weni­ger Zufrie­den­heit wirst du dar­aus zie­hen. Du wirst fata­lis­ti­scher und neigst dazu, Miss­erfolge Fak­to­ren zuzu­schrei­ben, die du nicht kon­trol­lie­ren kannst und auch nie kon­trol­lie­ren wirst.

Eine zu starke inter­nale Kon­troll­über­zeu­gung kann jedoch nega­tive Fol­gen haben. Bei Ereig­nis­sen, die nicht von der eige­nen Per­son abhän­gen, bei­spiels­weise einer betriebs­be­ding­ten Kün­di­gung, wird man das eigene Ver­sa­gen inter­na­li­sie­ren und so reagie­ren, als wäre man selbst für das Gesche­hene ver­ant­wort­lich. Dies kann zu Angst­sym­pto­men bis hin zu Depres­sio­nen füh­ren. Wer dage­gen eher zu exter­na­len Kon­troll­über­zeu­gun­gen neigt, wird die Dinge in einer sol­chen Situa­tion eher ins rechte Licht rücken und den durch die Kün­di­gung aus­ge­lös­ten Schock gelas­se­ner ver­ar­bei­ten.

Betrach­ten wir nun den Ein­fluss, den unsere Kon­troll­über­zeu­gun­gen auf unsere Gesund­heit haben. Eine an Krebs erkrankte Per­son, die sich selbst für ihre Krank­heit ver­ant­wort­lich fühlt, wird anders auf die Dia­gnose und die Behand­lung reagie­ren als eine Per­son, die glaubt, dass die Krank­heit nur eine Frage des Pechs ist. Die Art und Weise, wie wir unsere Gesund­heit betrach­ten, beein­flusst also auch unse­ren Umgang mit Krank­heit. Ein Pati­ent, der zu einer inter­nen Kon­troll­über­zeu­gung neigt, wird wahr­schein­lich mehr Ener­gie in sei­nen Gene­sungs­pro­zess inves­tie­ren und seine Medi­ka­mente gewis­sen­haf­ter ein­neh­men als ein Pati­ent, der glaubt, dass alles „von oben bestimmt“ ist. Letz­te­rer wird eine eher pas­sive Hal­tung gegen­über der Krank­heit ein­neh­men, eine Hal­tung der erlern­ten Hilf­lo­sig­keit. Diese lässt sich wie folgt zusam­men­fas­sen: „Wenn nichts von mir abhängt, wel­chen Sinn hat es dann, zu kämp­fen und zu ver­su­chen, es durch­zu­ste­hen?”

Erlernte Hilf­lo­sig­keit

Wie kön­nen sich nach einem Trauma Hilf­lo­sig­keits­syn­drome ent­wi­ckeln? Der ame­ri­ka­ni­sche For­scher Mar­tin Selig­man führte dazu Expe­ri­mente mit Hun­den durch. Jeder Hund befand sich in einem Käfig, des­sen Boden elek­tri­sche Schläge über­tra­gen konnte. In jedem Käfig befand sich außer­dem ein klei­ner Hebel, den die Hunde betä­ti­gen konn­ten.

Zunächst ver­setzte Selig­man bei­den Hun­den einen Schock. Vor jedem Schock wurde eine kleine Lampe ein­ge­schal­tet. Im Moment des Schocks ver­such­ten beide Hunde zunächst, die Ursa­che zu sehen, und dann ihr Glück mit dem Hebel. In Käfig 1 funk­tio­nierte der Hebel, sodass die Schocks sofort auf­hör­ten. In Käfig 2 war der Hebel eine Attrappe und die Schocks gin­gen wei­ter, selbst wenn der Hund den Hebel drückte. Nach meh­re­ren Elek­tro­schocks beob­ach­tete Selig­man, dass der Hund in Käfig 1 den Elek­tro­schock vor­weg­nahm und sofort auf den Hebel sprang, sobald das Licht anging. Der andere Hund hin­ge­gen gab nach und nach auf und legte sich bei jedem Elek­tro­schock auf den Boden, da er ver­stan­den hatte, dass er nichts dage­gen tun konnte.

Dann sperrte Selig­man jeden Hund in einen Dop­pel­kä­fig, der durch eine kleine Wand in eine Hälfte mit und eine Hälfte ohne elek­tri­schen Boden geteilt war. Selig­man wie­der­holte das Expe­ri­ment. Hund 1 ver­suchte, die kleine Trenn­wand zu über­que­ren, in der Hoff­nung, so dem Strom­schlag zu ent­ge­hen. Es gelang ihm, den Schock zu ver­mei­den. Hund 2 tat hin­ge­gen nichts, obwohl er jetzt die Mög­lich­keit dazu hatte: Er legte sich auto­ma­tisch hin, sobald er den Strom­schlag kom­men sah. Als „erlernte Hilf­lo­sig­keit” wird die Unfä­hig­keit eines Indi­vi­du­ums bezeich­net, einer ungüns­ti­gen Situa­tion zu ent­kom­men, obwohl es die Mög­lich­keit dazu hat.

Donald Hiroto, ein Kol­lege Selig­mans, wollte her­aus­fin­den, wie sich erlernte Hilf­lo­sig­keit bei Men­schen mani­fes­tiert. Zu die­sem Zweck wie­der­holte er Selig­mans Expe­ri­ment, wobei er die Hunde durch Men­schen und den Elek­tro­schock durch einen Knall ersetzte. Wie zuvor bestand das Expe­ri­ment aus zwei Pha­sen mit zwei Teil­neh­mern, von denen einer die Mög­lich­keit hatte, das Geräusch zu stop­pen, wäh­rend dies dem ande­ren nicht mög­lich war.

Die Ergeb­nisse waren die­sel­ben wie bei den Hun­den. Der Teil­neh­mer, der ver­stan­den hatte, dass er den Lärm durch vier­ma­li­ges Drü­cken eines Knop­fes stop­pen konnte, schaffte dies im zwei­ten Teil des Expe­ri­ments pro­blem­los. Die zweite Ver­suchs­per­son hin­ge­gen, die zu Beginn keine Kon­trolle über den Lärm hatte, zeigte ähn­li­che Reak­tio­nen wie die Hunde in Selig­mans Expe­ri­ment. Sie ver­suchte im zwei­ten Teil des Expe­ri­ments nicht ein­mal, den Knopf zu drü­cken, obwohl sie damit den Lärm hätte stop­pen kön­nen.

Erlernte Hilf­lo­sig­keit geht bei Men­schen häu­fig mit Depres­sio­nen ein­her.

In depres­si­ven Pha­sen haben wir das Gefühl, keine Kon­trolle mehr über unser Leben zu haben. Erlernte Hilf­lo­sig­keit zeigt sich auch in ande­ren schreck­li­chen Situa­tio­nen, bei­spiels­weise bei häus­li­cher Gewalt. Die trau­ma­ti­schen Erfah­run­gen, also die fast all­täg­li­che Gewalt, füh­ren dazu, dass das Opfer ein extre­mes exter­nes Kon­troll­ge­fühl ent­wi­ckelt. Es ist schließ­lich davon über­zeugt, dass es unmög­lich ist, den Part­ner zu ver­las­sen oder auch nur etwas zu unter­neh­men, um die Gewalt zu been­den und aus der toxi­schen Bezie­hung aus­zu­stei­gen.

Tat­säch­lich füh­ren wie­der­holte Über­griffe dazu, dass das Opfer in einen Zustand der Dis­so­nanz gerät, da es sich nichts hat zuschul­den kom­men las­sen. Dies kann dazu füh­ren, dass es zusätz­lich zu der erlern­ten Hilf­lo­sig­keit Schuld­ge­fühle ent­wi­ckelt, um die Aggres­sio­nen zu recht­fer­ti­gen und wie­der in einen kohä­ren­ten Zustand zu gelan­gen: „Wenn ich geschla­gen werde, bin ich schuld, also ist es nor­mal.“ Die Betrof­fe­nen wer­den auch ver­su­chen, die Aggres­sion zu ratio­na­li­sie­ren, indem sie diese akzep­ta­bel machen, um unbe­wusst ihre man­gelnde Reak­tion zu recht­fer­ti­gen: „Er/sie macht das nicht absicht­lich, er/sie liebt mich trotz allem.“

Neben den kör­per­li­chen und see­li­schen Schmer­zen, die durch den täg­li­chen Miss­brauch ver­ur­sacht wer­den, hat die erlernte Hilf­lo­sig­keit auch schwer­wie­gende Fol­gen für die beruf­li­che Leis­tungs­fä­hig­keit und die sozia­len Bezie­hun­gen des Opfers. Denn sie min­dert des­sen Selbst­wert­ge­fühl dras­tisch. Das Pro­blem der häus­li­chen Gewalt ist offen­sicht­lich sehr kom­plex und mul­ti­fak­to­ri­ell und lässt sich nicht allein auf erlernte Hilf­lo­sig­keit oder die Reduk­tion kogni­ti­ver Dis­so­nan­zen redu­zie­ren. Den­noch sind dies wich­tige Ele­mente, die berück­sich­tigt wer­den müs­sen, um zu ver­ste­hen, wie schwer es für eine Frau (oder einen Mann), die (oder der) Opfer häus­li­cher Gewalt gewor­den ist, ist, den Schritt zu wagen und das Haus der Fami­lie – und damit die gewalt­tä­tige Per­son – zu ver­las­sen oder auch nur eine Not­ruf­num­mer für Opfer anzu­ru­fen.

Erlernte Hilf­lo­sig­keit spielt auch bei gesell­schaft­li­chen Pro­ble­men wie der glo­ba­len Erwär­mung eine Rolle. For­scher stel­len tat­säch­lich die Hypo­these auf, dass die Mensch­heit ange­sichts der glo­ba­len Erwär­mung eine erlernte Hilf­lo­sig­keit ent­wi­ckelt hat. Diese führt zu einer fast all­ge­mei­nen Untä­tig­keit und könnte letzt­lich das Ende der Welt, wie wir sie ken­nen, sowie das Ende unse­rer Spe­zies bedeu­ten.

Die Tat­sa­che, dass viele Men­schen glau­ben, ihr Han­deln habe kei­nen Ein­fluss auf das Klima, führt zu einer all­ge­mei­nen Demo­ra­li­sie­rung und behin­dert jeg­li­ches umwelt­po­li­ti­sche Han­deln. Immer mehr Stu­dien bele­gen, dass groß­flä­chi­ger Kli­ma­schutz nur mög­lich ist, wenn jeder Ein­zelne sei­nen Bei­trag leis­tet. Es liegt an uns, gegen die erlernte Hilf­lo­sig­keit anzu­kämp­fen, unsere Apa­thie zu über­win­den und end­lich zu han­deln. Das ent­bin­det uns natür­lich nicht von der Not­wen­dig­keit, unsere Regie­rungs­sys­teme auf glo­ba­ler Ebene zu ändern und zu einem natur­ver­träg­li­che­ren Sys­tem über­zu­ge­hen.

Auch andere kogni­tive Ver­zer­run­gen hin­dern uns am Han­deln, ohne dass wir uns des­sen bewusst sind. Im Falle der glo­ba­len Erwär­mung erschwert uns bei­spiels­weise die Gegen­warts­ver­zer­rung die Vor­stel­lung von zukünf­ti­gen Ereig­nis­sen. Tat­säch­lich sind wir viel emp­fäng­li­cher für Ereig­nisse mit unmit­tel­ba­ren und sicht­ba­ren Aus­wir­kun­gen als für sol­che, die in wei­ter Ferne lie­gen. Wenn die Wahr­schein­lich­keit, drei­ßig Minu­ten nach dem Rau­chen einer Ziga­rette an Krebs zu erkran­ken, bei eins zu zehn läge, gäbe es wahr­schein­lich kei­nen Rau­cher mehr auf der Welt. Im Zusam­men­hang mit der glo­ba­len Erwär­mung bedeu­tet dies, dass es schwie­rig ist, sich vor­zu­stel­len, wie die Welt in eini­gen Jahr­zehn­ten aus­se­hen wird. Wenn man hört, dass die Pol­kap­pen in hun­dert Jah­ren geschmol­zen sein wer­den, hat man nicht das Gefühl, dass es einen selbst betrifft, weil man sich das nicht vor­stel­len kann. Warum sollte man sich also jetzt schon Sor­gen machen?

Ein wei­te­res Pro­blem ist, dass viele Unter­neh­men die Aus­wir­kun­gen ihrer umwelt­schäd­li­chen Akti­vi­tä­ten auf die glo­bale Erwär­mung her­un­ter­zu­spie­len ver­su­chen. Sie recht­fer­ti­gen sich damit, dass bis dahin ohne­hin eine tech­no­lo­gi­sche Lösung gefun­den sein werde. Sie sehen die Lösung des Kli­ma­pro­blems nicht bei sich selbst, son­dern bei Regie­run­gen, Politiker:innen oder ande­ren Unter­neh­men. Damit wei­sen sie jeg­li­che Ver­ant­wor­tung für die Schä­di­gung unse­rer Umwelt von sich. Die­ses Ver­hal­ten wird als „Ver­ant­wor­tungs­ver­schie­bung“ bezeich­net.

Die Illu­sion der Kon­trolle

Wenn wir den Bei­spie­len Glau­ben schen­ken, dass ein exter­ner Ort unser Han­deln hemmt und unsere Wil­lens­kraft sowie unse­ren freien Wil­len beein­träch­tigt, scheint ein inter­ner Ort der Kon­trolle im Ver­gleich dazu eine gute Sache zu sein. Die Ten­denz, sich jedoch zu sehr auf einen inter­nen Ort der Kon­trolle zu ver­las­sen, kann jedoch zu einer Illu­sion von Kon­trolle und Selbst­kon­trolle füh­ren. Das kann schäd­li­che Fol­gen für unsere psy­chi­sche Gesund­heit und die unse­rer Mit­men­schen haben.

Wer glaubt, alles kon­trol­lie­ren zu kön­nen, neigt dazu, sich selbst die Schuld für Feh­ler zu geben, die er nicht direkt began­gen hat. Er wird auch ande­ren gegen­über unnach­gie­big sein, da er annimmt, dass sie zu der­sel­ben abso­lu­ten Kon­trolle fähig sind. Nicht umsonst ver­wen­den wir den Aus­druck „Kon­troll­freak“. Kon­troll­freaks sind oft Per­fek­tio­nis­ten im nega­ti­ven Sinne, was sie anfäl­li­ger für binä­res Den­ken macht. Ein Kon­troll­freak kann bei­spiels­weise den­ken, dass alles, was nicht abso­lut per­fekt ist, wert­los ist und weg­ge­wor­fen wer­den sollte. Sie ver­lie­ren die Fähig­keit, Nuan­cen wahr­zu­neh­men, die für eine kri­ti­sche Argu­men­ta­tion not­wen­dig sind, und errei­chen eine Art geis­tige Starre. Dies wird oft fälsch­li­cher­weise mit Arro­ganz ver­wech­selt. Men­schen mit einer aus­ge­präg­ten inne­ren Kon­troll­über­zeu­gung haben des­halb oft Schwie­rig­kei­ten, gesunde und erfül­lende soziale Bezie­hun­gen zu füh­ren.

Eine wei­tere Gefahr besteht darin, dass Men­schen mit einer über­trie­be­nen inne­ren Kon­troll­über­zeu­gung ein soge­nann­tes Ret­ter­syn­drom ent­wi­ckeln kön­nen. Sie wol­len die Pro­bleme ande­rer lösen, bis hin zur Auf­dring­lich­keit. Sie wei­gern sich, ande­ren Feh­ler zu las­sen, damit diese dar­aus ler­nen und ihren eige­nen Weg fin­den kön­nen. Wir kön­nen nie­man­den gegen sei­nen Wil­len ret­ten.

Eine über­mä­ßige Selbst­kon­trolle kann eine echte Hürde für die Teil­habe am gesell­schaft­li­chen Leben dar­stel­len. Wenn du glaubst, alles unter Kon­trolle zu haben, wirst du in einer Not­si­tua­tion nicht um Hilfe bit­ten. Wenn du wäh­rend dei­nes Stu­di­ums oder bei der Arbeit in einem Team arbei­test, wirst du nicht in der Lage sein, Auf­ga­ben zu dele­gie­ren oder deine Team­kol­le­gen ihren Teil der Arbeit erle­di­gen zu las­sen.

Es ist eine Falle, zu glau­ben, dass wir unsere Umwelt nicht kon­trol­lie­ren kön­nen und des­halb untä­tig oder gar apa­thisch wer­den müs­sen. Genauso ist es eine Falle, zu glau­ben, wir seien all­mäch­tig und alles hänge von unse­rem Wil­len ab. Es gibt also kei­nen Ort, der von Natur aus gut oder schlecht ist, was die Kon­trolle angeht. Wich­tig ist, sich nicht zu sehr auf das eine oder das andere zu ver­las­sen. Die ein­zige Mög­lich­keit, die­ses Gleich­ge­wicht zu fin­den, besteht darin, Situa­tio­nen so gut wie mög­lich zu ana­ly­sie­ren, um fest­zu­stel­len, wie viel oder wie wenig von uns abhängt. Doch die­ses Wis­sen über die Welt und Situa­tio­nen ist alles andere als ein­fach, vor allem, weil wir oft Opfer einer Illu­sion des Wis­sens sind.

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