Die Ver­hei­ßun­gen einer Welt ohne Likes

Ein sozia­les Netz­werk ohne Likes und Fol­lower? Ein Ort, an dem man inter­es­sante Ideen ent­deckt, die von einem Autor ent­wi­ckelt wur­den und die er ein­fach nur zum Ver­gnü­gen mit ande­ren tei­len möchte? Wo es nicht darum geht, mög­lichst viele Men­schen anzu­zie­hen? Das ist nicht mehr zeit­ge­mäß, wer­den man­che sagen. Doch die 27-jäh­rige Unter­neh­me­rin Tif­fany Zhong hatte eine andere Idee: Sie wollte zu den Ursprün­gen der sozia­len Netz­werke zurück­keh­ren – zu den ers­ten Web­sites wie MySpace aus den frü­hen 2000er Jah­ren, die eher an Blogs als an Face­book oder Insta­gram erin­ner­ten. Das Ergeb­nis ist „NoPlace”, ein neues Kon­zept, das sich auf echte Freund­schaf­ten und ehr­li­che Inhalte kon­zen­triert.

Ein bemer­kens­wer­tes Merk­mal von NoPlace ist, dass es weder Fol­lower noch Likes gibt. Das wurde von vie­len begrüßt. Dadurch ent­ste­hen jedoch keine per­sön­li­chen Bezie­hun­gen. Statt­des­sen ver­sucht jeder, die Anzahl der „Gefällt mir“-Angaben zu erhö­hen, indem er eine Rolle annimmt und ein digi­ta­les Dou­ble schafft, das nur wenig mit der Rea­li­tät zu tun hat. Dadurch wer­den soziale Netz­werke beschul­digt, ein Sys­tem unau­then­ti­scher Bezie­hun­gen zwi­schen Inter­net­nut­zern zu schaf­fen. Die Nut­zer sind dem­nach mehr um ihr Image besorgt als darum, Inhalte zu tei­len. Sie sind eher damit beschäf­tigt, ihr Essen zu foto­gra­fie­ren, als es zu genie­ßen. Sie sind eher Opfer als Gast­ge­ber. Und die Dia­gno­sen gehen mit­un­ter noch wei­ter. Einige Nut­zer sind auf der Suche nach Aner­ken­nung und beses­sen von „Gefällt mir“-Angaben und posi­ti­ven Kom­men­ta­ren. Sie ver­glei­chen ihre media­len Leis­tun­gen mit denen ihrer Mit­strei­ter. Die­ser Wett­be­werb kann sowohl zu einer Sucht als auch zu einer Beein­träch­ti­gung des Wohl­be­fin­dens füh­ren.

Weder Fol­lower noch „Dau­men hoch”

Jüngste For­schungs­er­geb­nisse deu­ten dar­auf hin, dass NoPlace ein gro­ßer Wurf gelun­gen sein könnte. Seit Jah­ren ana­ly­sie­ren mein Team und ich zusam­men mit einem Netz­werk von For­scher­kol­le­gen aus Ita­lien, den USA, Süd­afrika, China und Süd­ko­rea die trei­ben­den Kräfte hin­ter dem welt­weit meist­ge­nutz­ten sozia­len Netz­werk Face­book. Dabei sind wir wei­ter gegan­gen als viele ähn­li­che Stu­dien, die ledig­lich die Aus­sa­gen von Inter­net­nut­zern über ihre Akti­vi­tä­ten gesam­melt haben. Wir nutz­ten eine mit Face­book ver­bun­dene Anwen­dung, um die tat­säch­li­chen Online-Akti­vi­tä­ten von Hun­dert­tau­sen­den Teil­neh­mern zu erfas­sen.

Was haben wir her­aus­ge­fun­den? Wenn jemand mehr Bei­träge pos­tet, bekommt er mehr Likes, was sein Selbst­wert­ge­fühl vor­über­ge­hend stei­gert. Das Ergeb­nis ist ein gutes Gefühl, das jedoch zer­brech­lich ist: Um es auf­recht­zu­er­hal­ten, muss die Akti­vi­tät immer wie­der wie­der­holt wer­den. Laut Psy­cho­lo­gen fun­giert das Selbst­wert­ge­fühl in die­sem Fall als „Sozio­me­ter“: Wir schät­zen unse­ren eige­nen Wert anhand der Aner­ken­nung ein, die wir von unse­ren Mit­men­schen erhal­ten – ins­be­son­dere in sozia­len Netz­wer­ken. Jeder aner­ken­nende Kom­men­tar, jeder Zuspruch und jedes „Like“ trägt zu den vie­len Zei­chen der Wert­schät­zung in einer Gruppe bei und beein­flusst somit unser Selbst­wert­ge­fühl. Es ist daher nicht ver­wun­der­lich, dass ein „Like“ für einen Bei­trag die Beloh­nungs­schalt­kreise im Gehirn akti­viert. Das führt dazu, dass man sie um ihrer selbst wil­len sucht, da sie die­sen Beloh­nungs­kreis­lauf sti­mu­lie­ren.

Das Pro­blem ist, was mit Spon­ta­nei­tät und Auf­rich­tig­keit geschieht. Wenn man über einen län­ge­ren Zeit­raum eine hohe Anzahl von Bei­trä­gen ver­öf­fent­li­chen muss, um soziale Aner­ken­nung zu erlan­gen, ist es schwie­rig, bei dem zu blei­ben, was man wirk­lich inter­es­sant fin­det oder was der Rea­li­tät ent­spricht. Die Suche nach men­ta­len Beloh­nun­gen in Form von Unter­stüt­zung und Popu­la­ri­tät führt schnell zu Stra­te­gien, um diese zu maxi­mie­ren. Dazu gehö­ren Selbst­zen­sur, die Aus­wahl von Infor­ma­tio­nen nach aktu­el­len Trends, die Prä­sen­ta­tion eines fal­schen Selbst und die Schö­nung des All­tags. Vor allem ent­steht aber eine Sucht nach die­sen Beloh­nun­gen.

Online-Sucht als Selbst­wert­pro­blem

In die­sem Sinne ist die Idee hin­ter NoPlace ebenso ein­fach wie ein­leuch­tend. Durch den Weg­fall von Likes als Zei­chen der Mas­sen­zu­stim­mung soll ein authen­ti­sche­rer Aus­tausch geför­dert wer­den, wie es sich die Ent­wick­le­rin vor­stellt. Dies gilt sowohl für die Ver­fas­ser der Inhalte als auch für die Leser. Die pas­sive, also nicht inter­ak­tive Nut­zung von Face­book wurde in ande­ren Stu­dien mit einem gerin­ge­ren Wohl­be­fin­den in Ver­bin­dung gebracht. Diese Stim­mungs­ver­schlech­te­rung wird auf Neid­ge­fühle zurück­ge­führt, die durch den Ver­gleich mit ande­ren Inter­net­nut­zern ent­ste­hen. Man fühlt sich her­ab­ge­setzt durch die Zur­schau­stel­lung schein­bar per­fek­ter Leben, die öffent­lich gepos­tet wer­den.

Auf NoPlace scheint die Gefahr des sozia­len Abwärts­ver­gleichs wesent­lich gerin­ger zu sein, da die Popu­la­ri­tät der Autor:innen nicht her­vor­ge­ho­ben wird und man sich daher nicht beein­träch­tigt füh­len kann. Wer auf der Suche nach Ehr­lich­keit ist und die mit dem Neid auf die Face­book-Posts von Freun­den ver­bun­dene Sucht und die damit ein­her­ge­hen­den Pro­bleme ver­mei­den möchte, für den könnte diese Platt­form eine inter­es­sante Alter­na­tive sein. Es bleibt abzu­war­ten, ob ein weni­ger süch­tig machen­des Netz­werk ebenso attrak­tiv sein wird und ob es Wege fin­den wird, seine Nut­zer zu hal­ten.

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