Wenn die Blätter fallen, der Schnee liegt oder die Blumen blühen, verändern sich die Menschen auf messbare Weise. Untersuchungen zeigen, dass sich unser emotionaler Zustand, unsere Ess- und Bewegungsgewohnheiten, unsere sexuelle Aktivität und sogar unsere Farbvorlieben im Laufe des Jahres verändern. Nun zeigt eine aktuelle Studie, dass auch moralische Werte sich verändern können.
Für die Studie analysierten die Forscher mehr als 230.000 Antworten aus Online-Umfragen von Menschen in den USA sowie kleineren Gruppen in Kanada und Australien, die über einen Zeitraum von zehn Jahren erhoben wurden. Die Fragen basierten auf einem standardisierten Rahmen, den Sozialwissenschaftler verwenden, um Urteile von Menschen über Gut und Böse zu bewerten. Dieser Rahmen, die sogenannte Theorie der moralischen Grundlagen, stellt eine Taxonomie von fünf grundlegenden Werten auf, die das menschliche Sozialverhalten bestimmen.
Die Werte Loyalität (Hingabe an die eigene Gruppe), Autorität (Respekt vor Führungspersonen und Regeln) sowie Reinheit (Sauberkeit und Frömmigkeit) gelten als verbindlich. Sie fördern den Zusammenhalt und die Konformität der Gruppe. Diese Prinzipien, die oft mit politischem Konservatismus in Verbindung gebracht werden, wurden sowohl im Sommer als auch im Winter durchweg schwächer befürwortet. Im Sommer war dieser Effekt umso ausgeprägter, je extremer die jahreszeitlichen Wetterunterschiede waren.
Fürsorge (Vermeidung von Schaden für andere) und Fairness (Gleichbehandlung) werden als „individualisierende“ Werte angesehen, die mit den Rechten des Individuums zusammenhängen. Diese Prinzipien zeigen kein konsistentes saisonales Muster.
Eine mögliche Erklärung für diese saisonalen Schwankungen könnte die Angst sein. Die Forscher stellten anhand von Umfragedaten von 90.000 Personen und Daten zur Häufigkeit von Internetrecherchen fest, dass die Angst im Frühjahr und Herbst ihren Höhepunkt erreicht. Zwischen Angst und Bedrohung besteht ein enger Zusammenhang. Andere Studien haben gezeigt, dass Menschen, die anfälliger für saisonale Krankheiten sind, dazu neigen, misstrauischer, fremdenfeindlicher und anpassungsbereiter zu sein. Menschen, die sich bedroht fühlen, suchen den Schutz ihrer Gruppe. Laut den Autoren der Studie deuten diese Ergebnisse darauf hin, dass der saisonale Zeitpunkt Entscheidungen von Geschworenen, Impfkampagnen und sogar Wahlergebnisse beeinflussen könnte.
Es wird jedoch darauf hingewiesen, dass die Studie auf Daten von gebildeten, industrialisierten, wohlhabenden und demokratischen Bevölkerungsgruppen aus westlichen Ländern basiert. Es wird davor gewarnt, diese Ergebnisse zu verallgemeinern, da dabei die einzigartigen moralischen Erfahrungen marginalisierter Gruppen außer Acht gelassen werden könnten. Ein solches Muster würde nicht alle Menschen in gleicher Weise betreffen. Es sei jedoch betont, dass die Studie die Auswirkungen von Gründen auf die menschliche Psychologie hervorhebt.
