Das ängst­li­che Gehirn

Die Neu­ro­wis­sen­schaf­ten hel­fen uns zu ver­ste­hen, wie Angst funk­tio­niert und wie wir damit umge­hen kön­nen. Wenn wir eine angst­aus­lö­sende Erfah­rung machen, die uns an ein längst ver­gan­ge­nes Trauma erin­nert, dann emp­fin­den wir sie so, als würde sie gerade jetzt statt­fin­den. Alle Emo­tio­nen, ins­be­son­dere Angst, haben eine phy­sio­lo­gi­sche Kom­po­nente. Bei Angst signa­li­siert unsere Amyg­dala unse­rem auto­no­men Ner­ven­sys­tem sofort, höchste Alarm­be­reit­schaft ein­zu­neh­men. Wir spü­ren dann eine ver­stärkte Fähig­keit zu kämp­fen oder zu flie­hen.

Manch­mal ist die Erstar­rungs­re­ak­tion auf Angst die siche­rere Reak­tion als Kampf oder Flucht. Diese Reak­tion wird durch unser para­sym­pa­thi­sches Ner­ven­sys­tem aus­ge­löst. Bei all die­sen Reak­tio­nen fließt das Blut zu unse­ren äuße­ren Orga­nen und weg von unse­rem Gehirn. Dadurch ver­lie­ren wir die volle Leis­tungs­fä­hig­keit unse­res Ver­stan­des. Wenn unser Ner­ven­sys­tem jedoch gelernt hat, mit Angst umzu­ge­hen, über­le­ben wir und kön­nen inner­halb kur­zer Zeit unsere volle geis­tige Leis­tungs­fä­hig­keit wie­der­erlan­gen.

Die Amyg­dala in unse­rem lim­bi­schen Sys­tem spei­chert Erin­ne­run­gen an Gefah­ren und Bedro­hun­gen. Sie unter­schei­det jedoch nicht zwi­schen Ver­gan­gen­heit und Gegen­wart. Damit unsere Kampf- oder Flucht­re­ak­tion sofort aus­ge­löst wird, müs­sen wir eine Bedro­hung als hier und jetzt wahr­neh­men. Dabei hilft uns Acht­sam­keit.

Dar­über hin­aus unter­schei­det die Amyg­dala nicht zwi­schen dem Aus­maß der Aus­wir­kun­gen: Jedes Ereig­nis ist eine Kata­stro­phe. Das führt eben­falls zu einem Adre­na­lin­schub. All die Jahre unse­rer Ent­wick­lung im Erwach­se­nen­al­ter und all unsere Errun­gen­schaf­ten in puncto gesun­dem Men­schen­ver­stand machen jetzt kei­nen Unter­schied mehr. So füh­len wir uns durch die Ängste von heute genauso macht­los wie in unse­rer Kind­heit. Wir ver­lie­ren unsere erwach­se­nen Fähig­kei­ten aus den Augen. Sie sind zwar in unse­rem prä­fron­ta­len Kor­tex vor­han­den, doch die­ser Teil unse­res Gehirns ist off­line, wenn die Amyg­dala aktiv ist.

Die Amyg­dala schal­tet unser logi­sches Den­ken aus. Man könnte sagen, dass sie unse­ren IQ um 50 Punkte senkt. Wenn sich die Lage beru­higt hat, den­ken wir oft: „Ich hätte dies oder jenes sagen oder tun sol­len …” Aber wir konn­ten buch­stäb­lich nicht klar den­ken oder ver­nünf­tig han­deln, weil das lim­bi­sche Sys­tem die Kon­trolle über­nom­men hatte.

Kein Wun­der, dass wir uns macht­los füh­len. Wir geben uns jetzt keine Schuld mehr. Wir ver­ste­hen, dass es zum Mensch­sein dazu­ge­hört, dass unsere Lebens­ge­schichte und die Alt­las­ten der Ver­gan­gen­heit uns wei­ter­hin beein­flus­sen.

Wir wis­sen auch, dass es moderne Metho­den gibt, mit denen sich Ängste mit­hilfe eines Pro­gramms behan­deln las­sen. Die neu­ro­wis­sen­schaft­li­che For­schung hat gezeigt, dass wir unse­rem lim­bi­schen Sys­tem nicht aus­ge­lie­fert sein müs­sen. Unser Gehirn ist plas­tisch. Das bedeu­tet, dass wir unsere gewohn­ten neu­ro­lo­gi­schen Mus­ter umpro­gram­mie­ren kön­nen. Wir kön­nen neue Ner­ven­bah­nen in unse­rem Gehirn erschlie­ßen und so bei Auf­tre­ten von Angst eine Pause zwi­schen Reiz und Reak­tion ein­le­gen.

Diese Pause ist ein Akt der Frei­heit, denn sie schafft eine Wahl­mög­lich­keit, anstatt einen skla­vi­schen Reflex aus­zu­lö­sen. Jede neue Art zu den­ken oder zu han­deln kann zur Bil­dung neuer Ner­ven­bah­nen füh­ren. Nun hat sich auch unser Gehirn unse­rer Selbst­hei­lungs­ar­beit ange­schlos­sen.

Wäh­rend der acht­sa­men Pause kann uns unser prä­fron­ta­ler Kor­tex daran erin­nern, dass wir in der Gegen­wart sind. Wir sind keine Opfer der Ver­gan­gen­heit, wir sind keine macht­lo­sen Kin­der, wir haben Alter­na­ti­ven und Res­sour­cen. Lei­der ver­schwin­det unsere auto­ma­ti­sche Nei­gung, der Angst zum Opfer zu fal­len, nicht so leicht. Selbst mit einer neu­ro­na­len Umver­drah­tung kön­nen wir immer noch Angst vor Din­gen haben, die in Wirk­lich­keit nicht gefähr­lich sind. Hier kön­nen wir Mit­ge­fühl für uns selbst emp­fin­den und unse­ren Weg best­mög­lich gehen. Dann kön­nen wir uns unse­ren Ängs­ten ohne Abwehr oder Wider­stand stel­len. Nach und nach kön­nen wir stär­ker wer­den.

Das wird mit Sicher­heit gesche­hen, wenn wir uns immer wie­der der spi­ri­tu­el­len Pra­xis der gewalt­freien Liebe zuwen­den. So wer­den wir sowohl wehr­los als auch ein­falls­reich – eine gewinn­brin­gende Kom­bi­na­tion, um uns aus dem Griff der Angst zu befreien. Je mehr wir lie­ben, desto weni­ger fürch­ten wir uns. Du wirst dann fest­stel­len, dass sich vie­les in dei­nem Leben ver­än­dert: Du hast weni­ger Angst, mehr Liebe, weni­ger Ego-Ter­ri­to­ri­a­li­tät, mehr Groß­zü­gig­keit, weni­ger Selbst­sucht, mehr Mit­ge­fühl und vor allem mehr Freude dar­über, dass sich Türen öff­nen, ohne dass du dage­gen drü­cken musst.

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