Wie das Gehirn aus Ableh­nung lernt

Stell dir vor, du erfährst, dass deine Freunde eine Din­ner­party ver­an­stal­tet haben, ohne dich ein­zu­la­den, oder dass du für einen Job, auf den du dich gefreut hast, über­gan­gen wur­dest. Sol­che Momente sind schmerz­haft und Men­schen beschrei­ben Ableh­nung oft mit den Wor­ten, die sie für kör­per­li­che Schmer­zen ver­wen­den wür­den. Trotz der emo­tio­na­len Schmer­zen, die Ableh­nung mit sich bringt, kann sie uns auch etwas leh­ren und beein­flus­sen, wie wir Bezie­hun­gen gestal­ten und mit wem wir in Zukunft Kon­takt auf­neh­men möch­ten.

Was ist über soziale Ableh­nung bekannt?

Die emo­tio­nale Belas­tung durch soziale Ableh­nung ist in der For­schung seit Lan­gem bekannt. Stu­dien zei­gen, dass Erfah­run­gen von Ableh­nung Stress aus­lö­sen, den Cor­ti­sol­spie­gel erhö­hen, das Zuge­hö­rig­keits­ge­fühl ver­rin­gern und zu erhöh­ter Aggres­si­vi­tät füh­ren kön­nen. Lang­fris­tig kön­nen chro­ni­sche Gefühle der Ableh­nung die geis­tige und kör­per­li­che Gesund­heit schä­di­gen.

Doch warum tut Aus­gren­zung so weh? Aus evo­lu­tio­nä­rer Sicht hat sich unser Gehirn ver­mut­lich so ent­wi­ckelt, dass es soziale Ableh­nung als Bedro­hung wahr­nimmt. Für unsere Vor­fah­ren bedeu­tete der Ver­lust sozia­ler Bin­dun­gen den Ver­lust von Schutz, Res­sour­cen und Zusam­men­ar­beit. Soziale Ver­bun­den­heit und Zuge­hö­rig­keit wur­den somit zu einem grund­le­gen­den mensch­li­chen Bedürf­nis.

Mit ande­ren Wor­ten: Ableh­nung schmerzt, um uns dar­auf auf­merk­sam zu machen, dass unser Wohl­erge­hen gefähr­det ist.

Frühe neu­ro­wis­sen­schaft­li­che Stu­dien schie­nen diese Theo­rie zu stüt­zen. Wur­den Per­so­nen bei­spiels­weise bei einem ein­fa­chen vir­tu­el­len Ball­wurf­spiel aus­ge­schlos­sen, ver­rin­gerte sich ihre Gehirn­ak­ti­vi­tät im Ver­gleich zu kör­per­li­chen Schmer­zen. Dies deu­tet auf die Akti­vie­rung einer Hirn­re­gion namens ante­rio­rer cin­g­u­lä­rer Cor­tex hin. Spä­tere Stu­dien leg­ten jedoch eine andere Erklä­rung nahe: Viel­leicht löste nicht nur der Schmerz der Ableh­nung, son­dern auch die Über­ra­schung dar­über diese Gehirn­ak­ti­vi­tät aus. Dem­nach reagiert das Gehirn unter­schied­lich auf nega­ti­ves und uner­war­te­tes Feed­back. Was könnte dein Gehirn mit die­ser uner­war­te­ten Reak­tion anfan­gen?

Das soziale Leben wird nicht durch ein­zelne Momente der Ableh­nung bestimmt. Durch Inter­ak­tion lernt man Men­schen ken­nen, erkennt ihre Absich­ten, revi­diert seine Annah­men und ver­sucht, mit wider­sprüch­li­chen Signa­len umzu­ge­hen. Men­schen kön­nen aus den unter­schied­lichs­ten Grün­den ableh­nen – man­che Gründe sind ver­ständ­lich, andere sind schwe­rer zu akzep­tie­ren. Dann reflek­tiert man, was diese Erfah­run­gen bedeu­ten, passt sein Ver­hal­ten an und hat, wenn man den Men­schen erneut begeg­net, die Chance, sich neu zu ent­schei­den.

Die For­schung geht hier den nächs­ten Schritt und unter­sucht, wie Men­schen aus sozia­ler Ableh­nung und Akzep­tanz ler­nen und wie sie diese Erfah­run­gen nut­zen, um zukünf­tige Bezie­hun­gen auf­zu­bauen sowie zu ent­schei­den, in wen sie inves­tie­ren und wen sie gehen las­sen.

Ene Erfah­rung, aus der man ler­nen kann

Mein Team und ich haben ein dyna­mi­sches Expe­ri­ment ent­wi­ckelt, das die Struk­tur rea­ler sozia­ler Ent­schei­dun­gen nach­ahmt. Mit­hilfe von Ver­hal­tens­tests, Gehirn­ab­bil­dun­gen und com­pu­ter­ge­stütz­ter Model­lie­rung haben wir ana­ly­siert, wie Men­schen aus wie­der­hol­tem sozia­lem Feed­back ler­nen.

Die Teil­neh­mer im Alter von 18 bis 25 Jah­ren spiel­ten ein mehr­stu­fi­ges Wirt­schafts­spiel, wäh­rend sie sich Gehirn­scans unter­zo­gen. Zunächst erstell­ten sie per­sön­li­che Pro­file, indem sie Fra­gen zu Situa­tio­nen beant­wor­te­ten, in denen sie ehr­lich und ver­trau­ens­wür­dig gehan­delt hat­ten. Ihnen wurde gesagt, dass andere Spie­ler diese Pro­file lesen wür­den, um sie bes­ser ken­nen­zu­ler­nen. Die ande­ren Spie­ler, die die Rolle der „Ent­schei­der“ über­nah­men, ord­ne­ten die Teil­neh­mer, die die Rolle der „Ant­wor­ten­den“ über­nah­men, dann in der Rei­hen­folge, in der sie mit ihnen spie­len woll­ten.

In jeder Runde wur­den die Teil­neh­men­den von den Ent­schei­dern ent­we­der akzep­tiert oder abge­lehnt. Dies hing von zwei Fak­to­ren ab: ihrer Rang­folge und der vom Com­pu­ter für die jewei­lige Runde vor­ge­se­he­nen Platz­an­zahl. Tat­säch­lich wur­den die Ant­wor­ten­den nicht mit ech­ten Men­schen gepaart: Sowohl die Rang­folge der Ent­schei­der als auch die Anzahl der Plätze wur­den vom Com­pu­ter gene­riert.

Teil­neh­mer kön­nen einen hohen Rang errei­chen und trotz­dem abge­lehnt wer­den, wenn es nicht genü­gend freie Plätze gibt. Das ist ver­gleich­bar damit, auf­grund eines sehr knap­pen Bud­gets keine Ein­la­dung zu einer Hoch­zeit zu erhal­ten. Das Ergeb­nis ist zwar ent­täu­schend, aber nach­voll­zieh­bar, da die Umstände bekannt sind und die Freund­schaft bestehen bleibt. Ande­rer­seits kön­nen Teil­neh­mer einen nied­ri­gen Rang erhal­ten und trotz­dem ange­nom­men wer­den, obwohl es viele freie Plätze gibt. Das wäre ver­gleich­bar damit, als Letz­ter für ein Team aus­ge­wählt zu wer­den – man bekommt trotz­dem die Chance zu spie­len, auch wenn man weiß, dass man den Vor­stel­lun­gen nicht ent­spricht.

Mit­hilfe die­ses ein­zig­ar­ti­gen Designs konn­ten wir zwei Arten von Feed­back ana­ly­sie­ren. Diese hel­fen uns zu ver­ste­hen, wie Men­schen ler­nen. Wenn man akzep­tiert wird, regis­triert das Gehirn, dass das Gefühl, dazu­zu­ge­hö­ren, eine berei­chernde Erfah­rung ist. Außer­dem berech­net das Gehirn den soge­nann­ten Bezie­hungs­wert, der angibt, wie sehr man sich von ande­ren wert­ge­schätzt fühlt. In unse­rer Stu­die wurde der Bezie­hungs­wert durch die Bewer­tung der Ant­wor­ten­den durch den Ent­schei­der bestimmt.

Bei Annahme durch einen Ent­schei­der erhal­ten die Ant­wor­ten­den einen Geld­topf, des­sen Inhalt sich ver­drei­facht. Sie kön­nen dann ent­schei­den, ob sie die Hälfte des Betrags an den Ent­schei­der zurück­ge­ben oder den gesam­ten Betrag für sich behal­ten möch­ten. Dies stellt Ver­trauen und Gegen­sei­tig­keit auf die Probe.

Wir stell­ten fest, dass die Befrag­ten eher Ent­schei­der wähl­ten, die sie akzep­tiert und hoch bewer­tet hat­ten, da diese aus bei­den Arten von Feed­back lern­ten. Mit­tels bild­ge­ben­der Ver­fah­ren konn­ten wir nach­wei­sen, dass diese Lern­me­cha­nis­men von unter­schied­li­chen Hirn­re­gio­nen gesteu­ert wer­den.

Wie bereits in Stu­dien zur sozia­len Ableh­nung fest­ge­stellt wurde, wur­den bei der Bewer­tung des eige­nen Wer­tes auch Hirn­areale wie der ante­riore cin­g­u­läre Cor­tex akti­viert. Inter­es­san­ter­weise spie­gelte diese Akti­vi­tät nicht nur Schmerz oder Über­ra­schung wider, son­dern auch eine Neu­ka­li­brie­rung des wahr­ge­nom­me­nen sozia­len Wer­tes. Dies ist dar­auf zurück­zu­füh­ren, dass diese Hirn­ak­ti­vi­tät auf­trat, wenn die Teil­neh­mer ihre Ansich­ten dar­über änder­ten, wie andere sie ein­schätz­ten. Gleich­zei­tig wurde bei Erfah­run­gen von Akzep­tanz eine Akti­vi­tät im ven­tra­len Stria­tum beob­ach­tet. Die­ses ist für die Ver­ar­bei­tung finan­zi­el­ler und sozia­ler Beloh­nun­gen wie Geld, Lob oder ein Lächeln bekannt.

Zusam­men­ge­fasst deu­ten diese Ergeb­nisse dar­auf hin, dass das Gehirn nicht nur auf Ableh­nung oder Beloh­nung reagiert, son­dern tat­säch­lich dar­aus lernt. Jede soziale Inter­ak­tion hilft Men­schen, ihre inne­ren Modelle dar­über zu aktua­li­sie­ren, wer sie wert­schätzt und wer nicht. Dies hat Ein­fluss auf ihre zukünf­ti­gen Ent­schei­dun­gen dar­über, wem sie ver­trauen, wen sie anspre­chen oder wen sie mei­den.

Auf­bau stär­ke­rer Ver­bin­dun­gen

In sozia­len Bezie­hun­gen spie­len die bei­den unter­such­ten Lern­sys­teme, die erklä­ren, wie Men­schen auf Beloh­nun­gen reagie­ren und den Bezie­hungs­wert erfas­sen, eine wich­tige Rolle bei der Inter­pre­ta­tion sozia­ler Inter­ak­tio­nen und der Anpas­sung des Ver­hal­tens. Um gesunde Bezie­hun­gen zu pfle­gen, soll­ten Sie soziale Beloh­nun­gen davon tren­nen, wie sehr Sie sich von ande­ren wert­ge­schätzt füh­len.

Manch­mal musst du erken­nen, dass dein Freund dich trotz einer Ent­täu­schung – bei­spiels­weise, wenn du aus einem trif­ti­gen Grund seine Geburts­tags­feier ver­passt – immer noch schätzt. Ohne die­ses Ver­ständ­nis kön­nen Bezie­hun­gen insta­bil wer­den.

Tat­säch­lich spie­geln einige psy­chi­sche Erkran­kun­gen Pro­bleme in genau die­sen Pro­zes­sen wider. Die Bor­der­line-Per­sön­lich­keits­stö­rung ist bei­spiels­weise oft durch insta­bile Bezie­hun­gen und inten­sive Reak­tio­nen auf Freund­lich­keit sowie wahr­ge­nom­mene Krän­kun­gen gekenn­zeich­net. Die Sen­si­bi­li­tät für soziale Beloh­nun­gen in Form von Lächeln, Kom­pli­men­ten oder Ein­la­dun­gen kann jedoch auch dazu ermu­ti­gen, sol­che Kon­takte zu suchen und bestehende Bin­dun­gen zu stär­ken. Andere For­men psy­chi­scher Erkran­kun­gen wie Depres­sio­nen gehen hin­ge­gen oft mit sozia­lem Rück­zug und einer ver­min­der­ten Sen­si­bi­li­tät für posi­tive soziale Beloh­nun­gen ein­her.

Unsere Stu­die bil­det die Grund­lage für ein bes­se­res Ver­ständ­nis sowohl von gesun­dem Sozi­al­ver­hal­ten als auch von den Schwie­rig­kei­ten, Bin­dun­gen auf­zu­bauen.

Latest articles

Related articles

spot_img