Wenn Worte wan­dern

Die Art und Weise, wie Nach­rich­ten von einer Per­son zur ande­ren gelan­gen, ist alles andere als linear. Auf ihrem Weg kön­nen sie sich ver­än­dern, abwan­deln oder völ­lig anders wer­den. Ein per­fek­tes Bei­spiel dafür ist das Kin­der­spiel „Stille Post“: Man beginnt mit einem ein­fa­chen Satz, doch wenn die­ser von Per­son zu Per­son wei­ter­ge­ge­ben wird, ver­än­dert er sich bis zum letz­ten Teil­neh­mer kom­plett. Ähn­li­ches erle­ben Erwach­sene täg­lich im Beruf, in der Fami­lie, im Freun­des­kreis und in sozia­len Inter­ak­tio­nen.

Dies wirft eine wich­tige Frage auf: Warum wer­den schein­bar ein­deu­tige Bot­schaf­ten so leicht miss­ver­stan­den? Die Ergeb­nisse jahr­zehn­te­lan­ger Kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­schung legen nahe, dass das mensch­li­che Gehirn kein neu­tra­les Über­tra­gungs­sys­tem ist. Es inter­pre­tiert, bear­bei­tet und formt Infor­ma­tio­nen viel­mehr aktiv um, wäh­rend sie emp­fan­gen und wei­ter­ge­ge­ben wer­den.

Wie das Gedächt­nis das Gehörte umschreibt

Ein wesent­li­cher Fak­tor für die Ver­än­de­rung von Bot­schaf­ten ist, dass das mensch­li­che Gedächt­nis keine per­fekte Kopie spei­chert. Es arbei­tet rekon­struk­tiv. Im Gegen­satz zu ande­ren Auf­zeich­nungs­ge­rä­ten spei­chert das mensch­li­che Gehirn Infor­ma­tio­nen nicht so, dass sie jeder­zeit abruf­bar wären. Viel­mehr erstellt jeder Mensch eine innere Reprä­sen­ta­tion des­sen, was er durch seine Akti­vi­tä­ten und Reak­tio­nen auf sei­nen emo­tio­na­len und kogni­ti­ven Zustand gelernt hat. Wenn sich jemand also an etwas erin­nern möchte, dann tut er dies auf der Grund­lage eines ver­in­ner­lich­ten Rah­mens aus Vor­wis­sen, Erfah­rung und Emo­tio­nen.

Auf­grund die­ses Rekon­struk­ti­ons­pro­zes­ses wird eine Nach­richt bereits durch kogni­tive Pro­zesse ver­än­dert und durch kogni­tive Fil­ter im Rekon­struk­ti­ons­pro­zess neu gestal­tet, bevor die Per­son das wei­ter­gibt, was sie ursprüng­lich mit­tei­len wollte. Daher bemüht sich die Per­son, die die Infor­ma­tion wei­ter­gibt, sehr darum, das Gesagte kor­rekt wie­der­zu­ge­ben. Die Art und Weise, wie sie die Infor­ma­tion wei­ter­gibt, führt jedoch oft dazu, dass sie diese unbe­wusst ver­än­dert und somit ihr eige­nes Ver­ständ­nis des Gesag­ten als die ursprüng­li­che Nach­richt prä­sen­tiert. Folg­lich teilt sie der ande­ren Per­son nicht die ursprüng­li­che Nach­richt mit, son­dern eine rekon­stru­ierte Ver­sion davon, so wie sie diese ver­stan­den hat.

Wie Vor­ein­ge­nom­men­heit die Bot­schaft ver­än­dert

Neben dem rekon­struk­ti­ven Gedächt­nis spielt die kogni­tive Ver­zer­rung eine wich­tige Rolle bei der Umge­stal­tung der Kom­mu­ni­ka­tion. Kogni­tive Ver­zer­rung beschreibt poli­ti­sche oder mora­li­sche Vor­ur­teile sowie die Art und Weise, wie Men­schen unbe­kannte Infor­ma­tio­nen ver­ar­bei­ten. Dabei nut­zen sie men­tale „Abkür­zun­gen“ (Heu­ris­ti­ken), da sie die täg­lich ein­strö­men­den Infor­ma­ti­ons­men­gen nicht effi­zi­ent ver­ar­bei­ten kön­nen. Obwohl kogni­tive Abkür­zun­gen schnelle Ent­schei­dun­gen ermög­li­chen, kön­nen sie die Ver­ar­bei­tung neuer Bot­schaf­ten ver­zer­ren.

Die For­schung zu Kom­mu­ni­ka­tion und Wahr­neh­mung legt nahe, dass Men­schen Infor­ma­tio­nen in der Regel nicht wort­ge­treu wie­der­ge­ben, son­dern anhand ihrer eige­nen vor­ge­fass­ten Mei­nun­gen Aspekte davon aus­wäh­len. Die­ser Aus­wahl­pro­zess ver­zerrt die Erin­ne­rung an das ursprüng­li­che Ereig­nis. Wenn die Per­son die Nach­richt spä­ter wei­ter­gibt, hat sie diese nicht absicht­lich ver­än­dert, son­dern teilt ledig­lich ihre Inter­pre­ta­tion der Wahr­heit mit. Sobald die Nach­richt an eine andere Per­son wei­ter­ge­ge­ben wurde, prä­gen die rekon­stru­ier­ten und kogni­tiv ver­zerr­ten Aspekte die Wahr­neh­mung der Wahr­heit der ursprüng­li­chen Nach­richt durch den neuen Emp­fän­ger. Mit jeder Wei­ter­gabe wird die aus­ge­tauschte Infor­ma­tion zuneh­mend kom­ple­xer.

Wie Kon­text und soziale Dyna­mi­ken die Bedeu­tung ver­än­dern

Die Ent­wick­lung von Bot­schaf­ten wird vom Kon­text beein­flusst. Kom­mu­ni­ka­tion fin­det zwi­schen Men­schen statt. Sie ist nicht iso­liert. Sie fin­det im Kon­text von Bezie­hun­gen statt, die Erwar­tun­gen, soziale Nor­men und Emo­tio­nen umfas­sen. Men­schen pas­sen ihre Spra­che natur­ge­mäß an die Per­son an, mit der sie spre­chen. Sie las­sen mög­li­cher­weise Details aus oder ver­ein­fa­chen sie, um Kon­flikt­po­ten­zial zu mini­mie­ren. Sie stei­gern die Span­nung, um das Inter­esse der Zuhö­rer auf­recht­zu­er­hal­ten, oder ver­ein­fa­chen Infor­ma­tio­nen, wenn sie ver­mu­ten, dass die Zuhö­rer das Gesagte nicht ver­ste­hen wer­den.

Laut sozi­al­ko­gni­ti­ver For­schung fun­gie­ren Men­schen als „Redak­teure“ der Infor­ma­tio­nen, die sie ver­brei­ten. Sie pas­sen den Inhalt ihrer Kom­mu­ni­ka­tion an das an, was sie für wich­tig hal­ten. Diese Bear­bei­tungs­pro­zesse lau­fen auto­ma­tisch und meist unbe­wusst ab, sodass jede Nach­richt an das jewei­lige soziale Umfeld ange­passt wird.

Auch die Art und Weise der Kom­mu­ni­ka­tion ist wich­tig. Gespro­chene Bot­schaf­ten, ins­be­son­dere infor­melle, ber­gen das größte Risiko, ver­fälscht zu wer­den. Gespro­chene Kom­mu­ni­ka­tion hin­ter­lässt keine dau­er­hafte Auf­zeich­nung. Was ein­mal aus­ge­spro­chen wurde, exis­tiert nur noch im Gedächt­nis. Wenn sich jemand an etwas Gesag­tes aus einem Gespräch erin­nert, muss er sich auf seine Rekon­struk­ti­ons­pro­zesse ver­las­sen. Das kann zu Feh­lern, Aus­las­sun­gen oder unvoll­stän­di­gen Infor­ma­tio­nen füh­ren.

Die­ser Effekt wird durch kogni­tive Belas­tung ver­stärkt. Wenn wir an meh­re­ren Pro­jek­ten gleich­zei­tig arbei­ten müs­sen, ängst­lich oder über­for­dert sind, nei­gen wir dazu, Infor­ma­tio­nen ver­ein­facht auf­zu­neh­men, um sie leich­ter ver­ar­bei­ten zu kön­nen. Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft­li­che Stu­dien zur kogni­ti­ven Belas­tung zei­gen, dass Men­schen bei hoher kogni­ti­ver Belas­tung die Nuan­cen der Bedeu­tung des Gesag­ten ver­nach­läs­si­gen. Diese Ver­ein­fa­chung führt zu einer abge­speck­ten Ver­sion der ursprüng­li­chen Aus­sage, wodurch wich­ti­ger Kon­text und/oder sub­tile Bedeu­tungs­nu­an­cen ver­lo­ren gehen kön­nen.

Die Rolle des Geschich­ten­er­zäh­lens

Ein Grund für die weit­ver­brei­tete Ver­zer­rung der ursprüng­li­chen Bot­schaft ist die mensch­li­che Nei­gung zum Geschich­ten­er­zäh­len. Geschich­ten­er­zäh­len beinhal­tet die Inter­pre­ta­tion von Infor­ma­tio­nen und ihre Anpas­sung an die jewei­lige Situa­tion. Oft­mals ver­än­dern Men­schen die wei­ter­ge­ge­be­nen Infor­ma­tio­nen, um sie zu ver­deut­li­chen oder anspre­chen­der und/oder rele­van­ter für die Bedürf­nisse eines bestimm­ten Zuhö­rers zu gestal­ten. Dazu heben sie bestimmte Teile der ursprüng­li­chen Bot­schaft her­vor und schwä­chen andere ab oder las­sen sie ganz weg. Diese Ver­än­de­run­gen sind sel­ten bewusste Täu­schungs­ver­su­che, son­dern resul­tie­ren typi­scher­weise aus dem Bedürf­nis, Rele­vanz her­zu­stel­len oder eine soziale Ver­bin­dung auf­zu­bauen. Die Gesamt­wir­kung die­ser rela­tiv klei­nen Ände­run­gen ver­stärkt sich mit der Zeit. Jeder, der eine Geschichte erzählt oder wei­ter­erzählt, ver­leiht ihr seine per­sön­li­che Note, sei­nen emo­tio­na­len Ton­fall und sei­nen eige­nen Kon­text.

Was als eine ein­zige Bot­schaft begann, führt durch die Wei­ter­gabe an ver­schie­dene Erzäh­ler im Laufe der Zeit schließ­lich zu meh­re­ren Ver­sio­nen der­sel­ben ursprüng­li­chen Bot­schaft. Jede die­ser Ver­sio­nen ist geprägt von den Erin­ne­run­gen, Vor­ur­tei­len sowie dem jewei­li­gen Kon­text und den sozia­len Aus­hand­lungs­pro­zes­sen der ein­zel­nen Per­so­nen. Wich­tig ist, dass die­ser Pro­zess kei­nen Man­gel in der mensch­li­chen Kom­mu­ni­ka­tion wider­spie­gelt. Viel­mehr zeigt er, wie Men­schen die Welt ver­ste­hen. Kom­mu­ni­ka­tion ist kein rein mecha­ni­scher Daten­aus­tausch, son­dern ein inter­pre­ta­ti­ver Pro­zess, der von Kogni­tion und sozia­ler Inter­ak­tion geprägt ist.

Warum wir die Dinge nie wie­der genauso hören wer­den

„Unge­naue“ Äuße­run­gen sind nicht auto­ma­tisch Kom­mu­ni­ka­ti­ons­feh­ler. Sie sind eine natür­li­che Folge mensch­li­cher Denk- und Inter­ak­ti­ons­wei­sen. Wenn man sich die­ser Tat­sa­che bewusst ist, för­dert das mehr Geduld und Acht­sam­keit in Gesprä­chen, ins­be­son­dere wenn es um wich­tige Bot­schaf­ten geht – sei es im Beruf, in Bezie­hun­gen oder in der Gemein­schaft. Miss­ver­ständ­nisse las­sen sich redu­zie­ren, indem Bedeu­tun­gen geklärt, Fra­gen gestellt und Feed­back ein­ge­holt wird.

Selbst bei größ­ter Sorg­falt sind Ver­än­de­run­gen unver­meid­lich. Jede Bot­schaft ver­än­dert sich, wenn sie von Per­son zu Per­son wei­ter­ge­ge­ben wird. Diese Ver­än­de­rung wird durch vier Haupt­fak­to­ren geprägt: die Rekon­struk­tion der Bot­schaft im Gedächt­nis des Emp­fän­gers, seine Wahr­neh­mun­gen, Vor­ur­teile und Vor­er­fah­run­gen, der Kon­text der Inter­ak­tion und das soziale Umfeld.

Anstatt nach uner­reich­ba­rer Per­fek­tion in der Kom­mu­ni­ka­tion zu stre­ben, ermög­licht das Ver­ständ­nis die­ser Kräfte eine über­leg­tere Kom­mu­ni­ka­tion. Die Erkennt­nis, dass Erin­ne­run­gen rekon­stru­iert wer­den, Ver­zer­run­gen gefil­tert wer­den, der Kon­text die Wahr­neh­mung ver­än­dert und die kogni­tive Belas­tung ver­ein­facht wird, kann Men­schen dabei hel­fen, vor einer Reak­tion inne­zu­hal­ten und bei Bedarf um Klä­rung zu bit­ten.

Bot­schaf­ten ver­lau­fen nie gerad­li­nig. Sie ver­än­dern sich, wäh­rend sie das mensch­li­che Gehirn pas­sie­ren. Diese Ver­än­de­rung ist jedoch keine bloße Ver­zer­rung, son­dern ein natür­li­ches Ergeb­nis mensch­li­cher Kogni­tion und des sozia­len Lebens.

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