Warum es wich­tig ist, über seine guten Taten zu spre­chen

Prahlst du vor dei­nen Kol­le­gen damit, wenn du einem Obdach­lo­sen eine Münze gege­ben hast? Wahr­schein­lich nicht. Wie die meis­ten Men­schen bleibst du ver­mut­lich dis­kret, was deine guten Taten angeht. Aus Beschei­den­heit oder aus Angst, als heuch­le­risch oder eigen­nüt­zig zu gel­ten. Dabei könnte es für alle von Vor­teil sein, offe­ner über diese freund­li­chen Ges­ten zu spre­chen. For­scher der Cor­nell Uni­ver­sity in den USA und der Uni­ver­sity of Toronto in Kanada haben kürz­lich gezeigt, dass es in vie­len Fäl­len hilf­reich ist, gute Taten öffent­lich zu machen.

Das Dilemma des Wohl­tä­ters

Gemein­sam unter­such­ten Jerry Richard­son, Paul Bloom, Shaun Nichols und David Pizarro das zwie­späl­tige Gefühl, das man­che von uns nach guten Taten emp­fin­den. Sie nen­nen es das „Dilemma des Wohl­tä­ters“: Wir tun Gutes, füh­len uns aber schlecht dabei, dar­über zu spre­chen. Die­ses Dilemma besteht aus zwei Pha­sen: Zunächst erle­ben wir ein posi­ti­ves Gefühl, das wir als wohl­tu­ende Wärme beschrei­ben. Doch sobald es darum geht, diese Groß­zü­gig­keit öffent­lich zu machen, ent­steht ein mora­li­scher Kon­flikt. Wir fürch­ten, in Ver­dacht zu gera­ten, ein posi­ti­ves Image erzeu­gen zu wol­len. Um die­ses innere Dilemma zu erfor­schen, befrag­ten die For­scher über 2.800 Per­so­nen zu ihren Gefüh­len.

Ers­tes Ergeb­nis: Die meis­ten Men­schen geben an, sich unwohl zu füh­len, wenn sie daran den­ken, ande­ren zu erklä­ren, was sie Lobens­wer­tes getan haben. Dies gilt ins­be­son­dere, wenn dies in den sozia­len Medien geschieht. Sie haben Angst, den Ein­druck zu erwe­cken, ein per­sön­li­ches Inter­esse zu ver­fol­gen, und unau­then­tisch zu wir­ken. Scham und Ver­le­gen­heit über­schat­ten dann die anfäng­li­che Freude über die posi­tive Hand­lung.

Es gibt jedoch eine Aus­nahme: Die Angst ist gerin­ger, wenn man einem engen Freund von einer guten Tat erzählt. Dann fürch­tet man weni­ger, von Frem­den ver­ur­teilt zu wer­den, die schnell Belei­di­gun­gen aus­sto­ßen oder Anschul­di­gun­gen erhe­ben.

Eine wei­tere Erkennt­nis die­ser Stu­die ist, dass wir Scham oder Pein­lich­keit eher für uns selbst erwar­ten, nicht aber für andere. Wir glau­ben, dass sich andere nicht schä­men wür­den, wenn sie offen über ihre Groß­zü­gig­keit sprä­chen. Diese Dis­kre­panz rührt von unse­rer begrenz­ten Fähig­keit her, die men­ta­len Zustände ande­rer nach­zu­voll­zie­hen. Wir kön­nen uns leicht in unsere eige­nen poten­zi­el­len Emo­tio­nen hin­ein­ver­set­zen, aber viel weni­ger in die ande­rer. Dabei ver­ges­sen wir, dass unsere Mit­men­schen die­sel­ben sozia­len Ängste tei­len wie wir!

Soll­ten wir also auf­hö­ren, über unsere guten Taten zu spre­chen? Stu­dien zei­gen, dass Men­schen, die mit ihren tugend­haf­ten Taten prah­len, im All­ge­mei­nen nega­tiv wahr­ge­nom­men wer­den. Es erscheint daher rat­sam, mit dem Spre­chen über die eige­nen guten Taten zu zögern. Es gibt jedoch Mög­lich­kei­ten, diese kol­lek­tive Stig­ma­ti­sie­rung zu umge­hen. Ins­be­son­dere, wenn nicht man selbst, son­dern eine dritte Per­son die lobens­wer­ten Taten erwähnt. In die­sem Fall zei­gen Stu­dien, dass die Reak­tion des Umfelds deut­lich posi­ti­ver aus­fällt.

Einen posi­ti­ven Kreis­lauf in Gang set­zen

Aber warum sollte man seine guten Taten über­haupt öffent­lich machen? Nun, es scheint, als hät­ten sie posi­tive Aus­wir­kun­gen, wenn sie öffent­lich gemacht wer­den. Eine gewisse Sicht­bar­keit von pro­so­zia­lem Han­deln ist wesent­lich für ein gemein­sa­mes Ver­ständ­nis von rich­tig und falsch. In einer Stadt, in der bei­spiels­weise nie­mand sieht, wie die Nach­barn die Recy­cling­be­häl­ter benut­zen, würde deren Nicht­be­nut­zung als nor­mal gel­ten.

Die Kom­mu­ni­ka­tion ethi­schen Ver­hal­tens bewirkt dar­über hin­aus, dass die­ses tie­fer in uns ver­an­kert wird, indem ein Gefühl der Ver­pflich­tung ent­steht. Wenn man sagt: „Ich habe mit dem Rau­chen auf­ge­hört“, moti­viert das dazu, die Anstren­gun­gen zur Errei­chung die­ses Ziels zu ver­dop­peln. Pro­so­zia­les Han­deln ist anste­ckend: Bei den Han­deln­den för­dert es die Ent­wick­lung einer altru­is­ti­schen Iden­ti­tät, wäh­rend es bei den Zuhö­rern den Wunsch ver­stär­ken kann, ähn­lich zu han­deln, um ein Zuge­hö­rig­keits­ge­fühl zu einer Gruppe zu ent­wi­ckeln, die die­sel­ben Werte teilt.

Die Psy­cho­lo­gin­nen Jen Shang von der Uni­ver­si­tät Indiana und Rachel Cro­son von der Uni­ver­si­tät Texas zeig­ten im Jahr 2009, dass Teil­neh­mer einer tele­fo­ni­schen Spen­den­kam­pa­gne ihre eige­nen Spen­den erhöh­ten, um sich dem Spen­den­be­trag ande­rer anzu­nä­hern. Dies galt ins­be­son­dere für neue Spen­der, die nach Anhalts­punk­ten such­ten, um die ange­mes­sene soziale Norm zu ver­ste­hen. Das Spre­chen über die eigene Spende dient somit als Ver­hal­tens­mo­dell, das die Unsi­cher­heit ande­rer ver­rin­gert.

Zuge­ge­ben, wenn man wohl­tä­tig ist, mag es einem zunächst selt­sam vor­kom­men, dar­über zu spre­chen. Das eigene Gefühl warnt einen viel­leicht davor, ego­zen­trisch oder eigen­nüt­zig zu wir­ken. Doch wenn es gelingt, diese Befürch­tung zu über­win­den, kann das Gute, das man gesät hat, weit­aus mehr Früchte tra­gen, als man sich je hätte vor­stel­len kön­nen.

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