Warum ist es gut, etwas zu ver­ges­sen?

Ver­gess­lich­keit kann eine Belas­tung dar­stel­len, denn ein gutes Gedächt­nis wird in unse­rer Gesell­schaft oft gelobt. Viele Prü­fun­gen beru­hen auf dem Aus­wen­dig­ler­nen von Fak­ten und Zah­len. Zudem gibt es zahl­lose Fern­seh­sen­dun­gen, in denen Men­schen Preise gewin­nen, indem sie ihr All­ge­mein­wis­sen unter Beweis stel­len. Es gibt sogar eine Ver­an­stal­tung namens „Welt­meis­ter­schaft des Gedächt­nis­ses”, bei der die Teil­neh­mer in zehn Dis­zi­pli­nen ver­su­chen, sich mög­lichst viel zu mer­ken, bei­spiels­weise lange Lis­ten von Wör­tern, Gesich­tern, his­to­ri­schen Daten oder die Rei­hen­folge eines Spiel­kar­ten­sat­zes.

Ange­sichts der hohen Wert­schät­zung, die wir dem Gedächt­nis ent­ge­gen­brin­gen, ist es nicht ver­wun­der­lich, dass das Ver­ges­sen nega­tiv besetzt ist. Wenn wir an das Ver­ges­sen den­ken, den­ken viele von uns an die Pein­lich­keit, sich nicht an den Namen eines Bekann­ten erin­nern zu kön­nen, oder an die Frus­tra­tion, wenn wir im Haus nach einem ver­leg­ten Schlüs­sel­bund suchen. Noch schlim­mer ist es, wenn wir an Demenz oder Hirn­ver­let­zun­gen den­ken, durch die wir ver­ges­sen, wer wir sind.

Tat­säch­lich gibt es viele ver­schie­dene Arten des Ver­ges­sens. Die meis­ten davon sind vor­über­ge­hend und umfas­sen Erfah­run­gen wie das Zun­gen­spit­zen­phä­no­men, bei dem man sich bei­spiels­weise nicht an einen bestimm­ten Namen erin­nern kann. Eine wei­tere Form des Ver­ges­sens sind Aus­fälle des pro­spek­ti­ven Gedächt­nis­ses. Dabei ver­ges­sen wir, etwas zu tun, das wir geplant hat­ten. Ein Bei­spiel hier­für ist, wenn wir fest­stel­len, dass wir den gan­zen Weg nach Hause gefah­ren sind, ohne an der Post zu hal­ten, obwohl wir es vor­hat­ten. Viele die­ser Arten des Ver­ges­sens hän­gen weni­ger mit dem Gedächt­nis als mit der Auf­merk­sam­keit zusam­men. Wir sind schlicht­weg auf andere Auf­ga­ben kon­zen­triert und den­ken nicht daran, eine bestimmte Hand­lung zum rich­ti­gen Zeit­punkt aus­zu­füh­ren.

Die Art des Ver­ges­sens, über die wir hier spre­chen, bezieht sich auf das Lang­zeit­ge­dächt­nis und unsere unter­schied­li­che Fähig­keit, uns an Ereig­nisse in unse­rem Leben zu erin­nern. Diese Art des Ver­ges­sens kann im All­tag sehr frus­trie­rend sein. Denk nur an die Ver­är­ge­rung, wenn du dich nicht mehr an die Ein­zel­hei­ten eines Gesprächs mit einem Freund erin­nern kannst oder wenn du nicht mehr weißt, ob du deine Auto­ver­si­che­rung erneu­ert hast oder ob du beim letz­ten Super­markt­be­such Nudeln gekauft hast. Aber Ver­ges­sen ist nicht nur schlecht.

Nimm dir eine Minute Zeit und stelle dir vor, wie dein Leben aus­se­hen würde, wenn das Gehirn tat­säch­lich wie eine Video­ka­mera oder ein Com­pu­ter funk­tio­nie­ren würde und sich an alles erin­nern könnte, was du je erlebt hast. Wie wür­den sich dadurch deine Aus­bil­dung, deine Arbeit und deine per­sön­li­chen Bezie­hun­gen ver­än­dern? Die meis­ten von uns stel­len sich vor, dass dies eine gute Sache wäre. Das Ler­nen wäre ein Kin­der­spiel, die Pro­duk­ti­vi­tät am Arbeits­platz würde durch die Decke schie­ßen und Freunde und Fami­lie wür­den sich über den unglaub­li­chen Intel­lekt wun­dern.

In Fil­men und Fern­seh­sen­dun­gen wer­den Men­schen mit einem foto­gra­fi­schen Gedächt­nis oft als Genies dar­ge­stellt, die jeden beein­dru­cken, den sie tref­fen. Ein foto­gra­fi­sches oder eide­ti­sches Gedächt­nis ist zwar ein Mythos, aber es gibt Men­schen, die sich unglaub­lich gut an Details aus ihrer eige­nen Ver­gan­gen­heit erin­nern kön­nen. Darf ich vor­stel­len: Jill Price.

Der Fall Jill Price

Unter Gedächt­nis­wis­sen­schaft­lern ist der Name Jill Price weit bekannt. Sie ist der erste doku­men­tierte Fall einer Erkran­kung, die sich durch eine unglaub­li­che Erin­ne­rungs­ge­nau­ig­keit aus­zeich­net. Wenn man ihr ein Datum aus ihrer Ver­gan­gen­heit nennt, kann sie sagen, auf wel­chen Wochen­tag es fiel, was sie an die­sem Tag tat und mit wem sie zusam­men war. Sie erin­nert sich auch an schein­bar unbe­deu­tende Momente in ihrem Leben, bei­spiels­weise wann und wo sie einen bestimm­ten Pop­song zum ers­ten Mal gehört hat oder wann sie zum drit­ten Mal Auto gefah­ren ist. Oft genießt sie die­sen erstaun­li­chen men­ta­len Erin­ne­rungs­ka­ta­log. Wenn sie sich bei­spiels­weise die Haare föhnt, ver­sucht sie, sich an jeden 4. Okto­ber zu erin­nern, an den sie sich erin­nern kann.

Das mag unglaub­lich klin­gen, aber wenn du schon ein­mal stun­den­lang ler­nen muss­test, um dich auf eine Prü­fung oder eine wich­tige Rede vor­zu­be­rei­ten, wirst du Price und ihren beein­dru­cken­den Ver­stand viel­leicht benei­den. Wenn wir an die Evo­lu­tion den­ken, kön­nen wir uns leicht vor­stel­len, dass Men­schen wie Price die bes­ser ent­wi­ckel­ten Ver­sio­nen der Mensch­heit sind. Warum haben wir nicht alle ein so gutes Gedächt­nis wie sie? Warum haben wir uns nicht so ent­wi­ckelt, dass wir diese schein­bar wert­volle Fähig­keit besit­zen? Betrach­tet man die Sache jedoch genauer, so erkennt man die kla­ren Nach­teile eines der­art detail­lier­ten, com­pu­ter­ähn­li­chen Gedächt­nis­ses.

Die meis­ten von uns haben die Erfah­rung gemacht, dass sie beim Hören eines bestimm­ten Lie­des oder beim Rie­chen eines bestimm­ten Duf­tes buch­stäb­lich ste­hen­blei­ben, so stark ist die damit aus­ge­löste Erin­ne­rung. Man­che von uns schme­cken ein bestimm­tes Gericht und füh­len sich sofort in die Küche ihrer Kind­heit zurück­ver­setzt. Andere rie­chen ein Par­füm und spü­ren den Rausch der Teen­ager-Ver­liebt­heit. Manch­mal sind diese Erin­ne­rungs­aus­lö­ser jedoch nicht so posi­tiv, denn sie rufen auf­rüt­telnde und unan­ge­nehme Erin­ne­run­gen an Ereig­nisse wach, die wir lie­ber ver­ges­sen wür­den.

Für die meis­ten von uns sind diese Erfah­run­gen jedoch sel­ten und beein­träch­ti­gen unsere all­täg­li­che Funk­ti­ons­fä­hig­keit nicht. Bei Price ist es anders: Ihr erstaun­li­cher Erin­ne­rungs­schatz ist nicht fein säu­ber­lich auf­be­wahrt, son­dern wird unwill­kür­lich durch Men­schen, Orte und Gegen­stände im All­tag aus­ge­löst. Er wird unwill­kür­lich durch Men­schen, Orte und Gegen­stände aus­ge­löst, denen sie im All­tag begeg­net. Das bedeu­tet, dass ihr Geist oft von Erin­ne­run­gen über­flu­tet wird, die bei jeder Gele­gen­heit in ihr Bewusst­sein drän­gen.

Price waren die damit ver­bun­de­nen Schwie­rig­kei­ten leid, wes­halb sie im Jahr 2000 eine E‑Mail an James McG­augh, den Direk­tor des Zen­trums für Neu­ro­bio­lo­gie des Ler­nens und des Gedächt­nis­ses der Uni­ver­sity of Cali­for­nia in Irvine, schickte. Sie schrieb: „Jedes Mal, wenn ich im Fern­se­hen (oder irgendwo anders) ein Datum auf­blit­zen sehe, gehe ich auto­ma­tisch zu die­sem Tag zurück und erin­nere mich daran, wo ich war, was ich gemacht habe, auf wel­chen Tag er fiel, und so wei­ter. Es ist unun­ter­bro­chen, unkon­trol­lier­bar und völ­lig erschöp­fend. Die meis­ten Men­schen wür­den es als Geschenk bezeich­nen, aber ich emp­finde es als Last. Ich lasse jeden Tag mein gan­zes Leben Revue pas­sie­ren, und das macht mich ver­rückt!“

McG­augh war fas­zi­niert, begann, Price zu unter­su­chen, und ver­öf­fent­lichte ihren Fall schließ­lich in einer wis­sen­schaft­li­chen Zeit­schrift. Ihr Zustand wurde frü­her als Hyper­thy­me­sie (von den grie­chi­schen Wör­tern für „bes­ser als nor­mal“ und „Gedächt­nis“) bezeich­net, heute ist er als hoch­gra­dig über­le­ge­nes auto­bio­gra­fi­sches Gedächt­nis (HSAM) bekannt. Price ist zwar nicht ein­zig­ar­tig, aber sie war das erste Mit­glied eines sehr exklu­si­ven Clubs. Bis­lang wur­den welt­weit weni­ger als hun­dert Men­schen mit die­ser Fähig­keit iden­ti­fi­ziert, wobei es mög­li­cher­weise noch viel mehr gibt, die den For­schern nicht bekannt sind.

Men­schen mit HSAM schnei­den bei Gedächt­nis­auf­ga­ben in einer expe­ri­men­tel­len Umge­bung nicht unbe­dingt bes­ser ab. Oft sind sie nicht bes­ser als der Durch­schnitt, wenn es darum geht, sich Zah­len­rei­hen oder bedeu­tungs­lose For­men zu mer­ken. Einige von ihnen (dar­un­ter auch Price) sind durch­schnitt­li­che Schüler:innen und haben Schwie­rig­kei­ten, ihre Fähig­kei­ten auf Unter­richts­ma­te­ria­lien anzu­wen­den. Ihr spek­ta­ku­lä­res Erin­ne­rungs­ver­mö­gen gilt nur für Ereig­nisse aus ihrem eige­nen Leben, also für ihr auto­bio­gra­fi­sches Gedächt­nis. Dazu gehö­ren per­sön­li­che Erfah­run­gen (was sie an einem bestimm­ten Tag zu einer bestimm­ten Zeit taten, aßen und tru­gen) sowie öffent­li­che Ereig­nisse, für die sie sich per­sön­lich inter­es­sier­ten.

In einer Stu­die wur­den Teil­neh­mern mit HSAM sowie Kon­troll­teil­neh­mern zehn zufäl­lig gene­rierte Daten aus meh­re­ren Jahr­zehn­ten vor­ge­legt. Sie wur­den gebe­ten, den Wochen­tag zu nen­nen, auf den jedes Datum fiel, sowie ein nach­weis­ba­res öffent­li­ches Ereig­nis und ein per­sön­li­ches Erleb­nis zu beschrei­ben, die inner­halb eines Monats nach die­sem Datum statt­ge­fun­den hat­ten. Die Gesamt­ge­nau­ig­keit bei den über­prüf­ba­ren Ereig­nis­sen lag bei der Gruppe mit HSAM bei 85 %, in der Kon­troll­gruppe hin­ge­gen nur bei 8 %. Bei der Erin­ne­rung an Ereig­nisse, die nur wenige Tage zurück­lie­gen, schnitt die Kon­troll­gruppe genauso gut ab wie die Gruppe mit HSAM, sodass die Unter­schiede in der Genau­ig­keit zwi­schen den bei­den Grup­pen kurz­fris­tig nicht erkenn­bar sind. Je wei­ter das Datum jedoch zurück­lag (ein Monat, ein Jahr, zehn Jahre), desto deut­li­cher wurde die unglaub­li­che Erin­ne­rungs­leis­tung der Men­schen mit HSAM.

In jün­ge­rer Zeit wur­den Men­schen ent­deckt, deren Gedächt­nis das ent­ge­gen­ge­setzte Mus­ter zu dem von Men­schen mit HSAM auf­weist. Men­schen mit einem schwe­ren auto­bio­gra­fi­schen Gedächt­nis­de­fi­zit (SDAM). Sie lei­den unter einer lebens­lan­gen Unfä­hig­keit, sich aus der Ich-Per­spek­tive an ver­gan­gene Erleb­nisse zu erin­nern oder diese wie­der­zu­er­le­ben. Ansons­ten sind sie gesund und kön­nen Fak­ten, Spra­chen und Fer­tig­kei­ten ler­nen. Sie unter­schei­den sich von der All­ge­mein­be­völ­ke­rung ledig­lich dadurch, dass sie die Ver­gan­gen­heit nicht sub­jek­tiv wie­der­erle­ben kön­nen. Wenn die meis­ten von uns bei­spiels­weise gefragt wer­den, was sie am letz­ten Wochen­ende gemacht haben, erin­nern sie sich nicht nur an die Fak­ten, son­dern bege­ben sich auf eine Art men­tale Zeit­reise, bei der sie das, was sie getan haben, noch ein­mal erle­ben.

Für man­che fühlt es sich so an, als wür­den sie einen Film aus der Ich-Per­spek­tive sehen. Wir erin­nern uns daran, wo wir waren, was wir gese­hen, gehört und gefühlt haben. Genau diese Ich-Per­spek­tive fehlt Men­schen mit SDAM: Sie wis­sen zwar, wie sie ihr Wochen­ende ver­bracht haben, berich­ten aber, dass sie sich an das Erleb­nis erin­nern, als ob es jemand ande­rem pas­siert wäre. Einige von ihnen sagen, dass sie sich nur des­halb an Details eines Ereig­nis­ses erin­nern kön­nen, weil sie Fotos davon gese­hen oder sich müh­sam eine Geschichte dazu ein­ge­prägt haben. Sie kön­nen sich nicht vor­stel­len, dabei gewe­sen zu sein, und erin­nern sich nicht daran, was sie gefühlt haben oder mit wem sie gespro­chen haben.

Dar­über hin­aus haben Neu­ro­ima­ging-Stu­dien gezeigt, dass die typi­sche Gehirn­ak­ti­vi­tät, die mit dem Erin­nern ver­gan­ge­ner Ereig­nisse ver­bun­den ist, bei die­sen Per­so­nen nicht vor­han­den ist. Ihre Erin­ne­run­gen unter­schei­den sich funk­tio­nell von denen der meis­ten Men­schen, und zwar auf eine Weise, die sich mit dem Zustand der Aphan­ta­sie, also dem Man­gel an visu­el­len Bil­dern, über­schnei­det.

Nicho­las Wat­kins hat seine Erfah­run­gen mit Aphan­ta­sie wie folgt beschrie­ben: „Ich sehe, was um mich herum ist. Es sei denn, meine Augen sind geschlos­sen. Dann ist immer alles schwarz. Ich höre, schme­cke, rie­che usw., aber ich habe nicht die Erfah­rung, die Men­schen beschrei­ben, die eine Melo­die oder eine Stimme in ihrem Kopf hören.“ Er beschrieb auch seine beson­dere Erfah­rung mit SDAM: „SDAM mani­fes­tiert sich in der Art und Weise, wie ich die Ver­gan­gen­heit und die Zukunft erlebe. Was ich nicht habe, ist das Gefühl, in eine andere Zeit zurück­zu­keh­ren und sie erneut zu erle­ben. Das bedeu­tet nicht, dass ich von der Ver­gan­gen­heit oder der Zukunft unbe­hel­ligt bin – ganz im Gegen­teil –, es bedeu­tet nur, dass die Ver­gan­gen­heit wirk­lich ein ‚ande­res Land‘ ist, für das ich kei­nen Pass habe.“

Es ist klar, dass HSAM und SDAM sel­ten sind und die Extreme der Gedächt­nis­leis­tung dar­stel­len. Warum fal­len die meis­ten von uns also in die Mitte? Warum ver­ges­sen wir so viel von unse­ren Erfah­run­gen? Ist das nicht eigent­lich nütz­lich und anpas­sungs­fä­hig? Ver­ges­sen ist zwei­fel­los eine wich­tige Fähig­keit, die uns die meiste Zeit über gute Dienste leis­tet. Einige For­scher haben sogar argu­men­tiert, dass Men­schen mit HSAM nicht als Men­schen mit einer erhöh­ten Erin­ne­rungs­fä­hig­keit betrach­tet wer­den soll­ten, son­dern als Men­schen mit einer beson­de­ren Unfä­hig­keit zu ver­ges­sen.

Wenn wir hier von den Vor­tei­len des Ver­ges­sens spre­chen, dann mei­nen wir nicht den oft ver­hee­ren­den Gedächt­nis­ver­lust, wie er bei Krank­hei­ten wie Demenz auf­tritt. Es geht auch nicht darum, etwas bewusst zu ver­ges­sen, bei­spiels­weise die Ein­nahme eines Medi­ka­ments. Wir spre­chen über die natür­li­chen Pro­zesse des Ver­ges­sens, die wir jeden Tag erle­ben, wenn die all­täg­li­chen Details unse­res Lebens ver­blas­sen oder inein­an­der über­ge­hen. Diese Art des Ver­ges­sens hat einen schlech­ten Ruf, ist aber keine Schwä­che unse­res Gedächt­nis­ses, son­dern laut For­schungs­er­geb­nis­sen sogar mit eini­gen nütz­li­chen Eigen­schaf­ten und Fähig­kei­ten ver­bun­den.

Ver­ges­sen macht uns effi­zi­en­ter

Die viel­leicht wich­tigste Funk­tion des Ver­ges­sens besteht darin, dass wir uns wich­tige Dinge bes­ser mer­ken kön­nen. Erin­nerst du dich zum Bei­spiel daran, wann du letz­ten Diens­tag auf­ge­wacht bist? Weißt du noch, was du vor einem Monat zu Mit­tag geges­sen hast? Und wie sah das Gesicht der Per­son aus, neben der du heute Mor­gen im Zug geses­sen hast? Wahr­schein­lich nicht. Aber musst du das wis­sen? Eher nicht. Sol­che All­tags­sze­na­rien sind Erfah­run­gen, die wir ent­we­der gar nicht wahr­neh­men oder schnell wie­der ver­ges­sen.

Das Ver­ges­sen ermög­licht es uns, Erin­ne­run­gen an all­täg­li­che Erfah­run­gen los­zu­wer­den, die wir wahr­schein­lich nie wie­der benö­ti­gen wer­den. Wir kön­nen uns die­sen Pro­zess wie eine men­tale Ent­rüm­pe­lung vor­stel­len. Er bewahrt uns vor geis­ti­ger Über­las­tung und sorgt dafür, dass die wirk­lich wich­ti­gen Dinge, an die wir uns erin­nern müs­sen, nicht in einem Heu­hau­fen bana­ler Erin­ne­run­gen unter­ge­hen.

Unser Gehirn ist ein äußerst ener­gie­in­ten­si­ves Organ. Des­halb sind unser Kör­per und unser Gehirn so auf­ge­baut, dass sie mög­lichst effi­zi­ent arbei­ten. Wel­chen Sinn hätte es schließ­lich, eine große Menge an Res­sour­cen für die Ver­ar­bei­tung und Spei­che­rung unwich­ti­ger Infor­ma­tio­nen im Detail auf­zu­wen­den? Men­schen mit HSAM wie Jill Price geben uns einen Ein­blick in die Nütz­lich­keit des Ver­ges­sens. Ver­gleicht man ihre All­tags­er­fah­run­gen mit denen des Durch­schnitts­men­schen, so wird deut­lich, dass sie stän­dig von einer Flut von Erin­ne­run­gen über­rollt wird.

Ver­ges­sen ist ein „men­ta­ler Ver­dau­ungs­pro­zess“, bei dem zwar bestimmte Details ver­lo­ren gehen, wir aber das Wesent­li­che behal­ten. Dadurch kön­nen wir leich­ter Mus­ter oder Gemein­sam­kei­ten bei ähn­li­chen Erfah­run­gen erken­nen. Im Falle per­sön­li­cher Bezie­hun­gen erin­nerst du dich viel­leicht nur an einige kon­krete Vor­fälle, in denen ein Freund etwas Ver­let­zen­des gesagt hat. Die Details die­ser Inter­ak­tio­nen sind ver­schwom­men, aber du weißt, dass es sich um jeman­den han­delt, der oft unfreund­lich ist.

Ver­ges­sen kann uns glück­li­cher machen

Viele Jahr­zehnte der For­schung haben gezeigt, dass wir nega­tive Aspekte unse­rer Ver­gan­gen­heit schnel­ler ver­ges­sen als posi­tive. Diese posi­tive Ten­denz bedeu­tet, dass wir uns an posi­tive Ereig­nisse leich­ter und detail­lier­ter erin­nern kön­nen. Das ver­bes­sert unser all­ge­mei­nes Glück und unsere Zufrie­den­heit mit dem Leben.

Das heißt jedoch nicht, dass wir nega­tive Erfah­run­gen völ­lig ver­ges­sen soll­ten, denn sie sind oft lehr­reich. Die Erin­ne­rung daran hilft uns, dar­aus zu ler­nen. Ein Kind lernt bei­spiels­weise, den Herd nicht anzu­fas­sen, weil er heiß ist und es sich beim letz­ten Mal ver­brannt hat. Sich jedoch stän­dig mit nega­ti­ven Erfah­run­gen zu beschäf­ti­gen und diese häu­fi­ger zu erle­ben als posi­tive, wäre nicht gut für unsere geis­tige Gesund­heit. For­schungs­er­geb­nisse deu­ten dar­auf hin, dass eine Fixie­rung auf nega­tive Erin­ne­run­gen mit psy­chi­schen Stö­run­gen wie Depres­sio­nen in Ver­bin­dung steht.

Oft sagt man: Die Zeit heilt alle Wun­den. Die meis­ten Men­schen, die eine schwie­rige Tren­nung oder einen Trau­er­fall erlebt haben, kön­nen bestä­ti­gen, dass die Gefühle mit der Zeit abklin­gen – egal, wie inten­siv sie unmit­tel­bar danach waren. Dabei spielt das Ver­ges­sen eine Rolle. Einige Men­schen mit HSAM berich­ten jedoch, dass es ihnen schwer­fällt, die Ver­gan­gen­heit los­zu­las­sen, und dass sie sich viel lang­sa­mer von nega­ti­ven Erfah­run­gen lösen kön­nen als ihre Alters­ge­nos­sen. Die Erin­ne­rung an den Schmerz und das Trauma ist für sie noch so prä­sent, als wäre es erst ges­tern pas­siert. Das macht es schwie­rig, sich davon zu erho­len.

Manch­mal stu­fen wir das Ver­ges­sen nega­ti­ver Erfah­run­gen als etwas Schlech­tes ein. Ein Bei­spiel hier­für ist, wenn sich das Opfer eines Ver­bre­chens bei einer poli­zei­li­chen Befra­gung nicht an alle Ein­zel­hei­ten des Gesche­hens erin­nern kann. Dies kann jedoch auch etwas sehr Gutes sein. Das Ver­ges­sen einer Erin­ne­rung kann eine schüt­zende Wir­kung haben und die poten­zi­ell nega­ti­ven Aus­wir­kun­gen des immer wie­der­keh­ren­den Wie­der­erle­bens des Ereig­nis­ses ver­rin­gern. Letz­te­res ist ein häu­fi­ges Sym­ptom der post­trau­ma­ti­schen Belas­tungs­stö­rung (PTBS).

Die meis­ten von uns kön­nen sich zwar an etwas Pein­li­ches erin­nern, das sie getan haben, und den­ken viel­leicht unwill­kür­lich daran, wenn sie nachts nicht schla­fen kön­nen. Mit der Zeit wer­den diese Erin­ne­run­gen jedoch weni­ger schmerz­haft und gera­ten schließ­lich in Ver­ges­sen­heit. Stelle dir vor, du müss­test dich jeden Mor­gen in Farbe an jede demü­ti­gende Erfah­rung erin­nern, die du je gemacht hast. Ein gesun­der Ver­ges­sens­me­cha­nis­mus ermög­licht es uns, den Tag zu bewäl­ti­gen, ohne unter der Last von Scham und Pein­lich­keit zusam­men­zu­bre­chen. Zudem wis­sen wir, dass die Men­schen in unse­rem Umfeld unsere Miss­ge­schi­cke wahr­schein­lich eben­falls ver­ges­sen haben.

Das Ver­ges­sen hilft uns, sowohl uns selbst als auch die Welt um uns herum zu ver­ste­hen

Dein Selbst­kon­zept ist im Wesent­li­chen das, was du über dich selbst glaubst. Dazu gehö­ren deine Werte, deine Hand­lun­gen, die du für akzep­ta­bel hältst, deine Cha­rak­ter­ei­gen­schaf­ten, deine Fähig­kei­ten usw. Wir wis­sen, dass es für uns wich­tig ist, unser Selbst­kon­zept auf­recht­zu­er­hal­ten. Wenn wir etwas tun, von dem wir glau­ben, dass es im Wider­spruch zu dem steht, wer wir wirk­lich sind, füh­len wir uns unwohl.

Das Ver­ges­sen kann uns dabei hel­fen, ein sta­bi­les Selbst­kon­zept auf­recht­zu­er­hal­ten. Es ermög­licht uns, Dinge zu ver­ges­sen, an die wir nicht den­ken möch­ten. So ver­ges­sen Men­schen bei­spiels­weise Situa­tio­nen, in denen sie betro­gen wur­den oder sich schlecht benom­men haben – ins­be­son­dere, wenn ihnen Werte wie Ehr­lich­keit wich­tig sind. In einer Stu­die wur­den Col­lege-Stu­die­rende gebe­ten, sich an ihre High­school-Noten zu erin­nern. Die Teil­neh­mer wuss­ten, dass die For­scher Zugang zu ihren tat­säch­li­chen Noten hat­ten, sodass es kei­nen Anreiz zum Lügen gab. Im Durch­schnitt erin­ner­ten sich die Teil­neh­mer schlech­ter an ihre Noten: A‑Noten wur­den in 89 % der Fälle rich­tig erin­nert, D‑Noten dage­gen nur in 29 %.

Ähn­li­che Stu­dien haben erge­ben, dass wir dazu nei­gen, kri­ti­sches Feed­back, das wir von ande­ren erhal­ten, selek­tiv zu ver­ges­sen und uns statt­des­sen auf die posi­ti­ven Eigen­schaf­ten zu kon­zen­trie­ren. Eine Mög­lich­keit, dies zu unter­su­chen, besteht darin, den Teil­neh­mern eine Beschrei­bung einer Per­son zu geben, die posi­tive und nega­tive Eigen­schaf­ten ent­hält (zum Bei­spiel „freund­lich” und „unehr­lich”). Den Teil­neh­mern wird ent­we­der gesagt, dass die Beschrei­bung eine Zusam­men­fas­sung des­sen ist, wie andere sie selbst beschrie­ben haben, oder eine Zusam­men­fas­sung des­sen, wie andere eine dritte Per­son („Chris“) beschrie­ben haben. Kurze Zeit spä­ter wer­den die Teil­neh­mer gebe­ten, sich an so viel wie mög­lich aus der Beschrei­bung zu erin­nern. Viele Stu­dien haben gezeigt, dass sich die Teil­neh­mer weni­ger an nega­tive Details erin­nern, aller­dings nur, wenn diese sich auf sie selbst bezie­hen. Sie haben keine sol­chen Schwie­rig­kei­ten, sich an nega­tive Details über Chris zu erin­nern. Man geht davon aus, dass diese Ten­denz dem Selbst­schutz dient und uns letzt­lich dabei hilft, ein posi­ti­ve­res Selbst­bild zu bewah­ren.

In einer ande­ren Stu­die unter­such­ten For­scher, ob die wahr­ge­nom­mene Ver­än­der­bar­keit der in der Zusam­men­fas­sung ent­hal­te­nen Merk­male die Ver­ges­sens­rate beein­flusst. Die eine Hälfte der Teil­neh­mer wurde dar­über infor­miert, dass die For­schung ein­deu­tig bewie­sen habe, dass diese Eigen­schaf­ten fest und unver­än­der­lich sind. Der ande­ren Hälfte teil­ten sie mit, dass die For­schung bewie­sen habe, dass diese Eigen­schaf­ten beson­ders fle­xi­bel und ver­än­der­bar seien. Die Ergeb­nisse zeig­ten eine ein­deu­tige Ver­ges­sens­nei­gung für nega­tive Eigen­schaf­ten, die als fest­ste­hend beschrie­ben wur­den. Dies war jedoch nicht der Fall bei nega­ti­ven Eigen­schaf­ten, die als ver­än­der­bar beschrie­ben wur­den. Die Autoren fass­ten ihre Ergeb­nisse augen­zwin­kernd in Form des Gelas­sen­heits­ge­bets zusam­men: „Gott, gib mir die Gelas­sen­heit, die Dinge zu akzep­tie­ren, die ich nicht ändern kann, den Mut, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weis­heit, den Unter­schied zu erken­nen.“

Ich kann dir ver­si­chern, dass Ver­ges­sen nor­mal, natür­lich und sogar nütz­lich ist. Trotz­dem kann es zu erheb­li­chen Pro­ble­men füh­ren. Viele von uns erwar­ten, dass wir uns an etwas erin­nern, wenn es für uns wich­tig ist. Wenn ein Bekann­ter unse­ren Namen oder unser Ehe­part­ner unse­ren Geburts­tag ver­gisst, führt diese Erwar­tungs­hal­tung oft zu Belei­di­gun­gen. Noch schwer­wie­gen­der ist es, wenn jemand, der ein Alibi vor­wei­sen muss, ver­gisst, wo er sich zu einer bestimm­ten Zeit auf­ge­hal­ten hat, denn das kann vor Gericht Kon­se­quen­zen haben. Wird jemand eines Ver­bre­chens ver­däch­tigt, wird er oft auf­ge­for­dert, sei­nen Auf­ent­halts­ort zu einer bestimm­ten Uhr­zeit und an einem bestimm­ten Datum anzu­ge­ben. Wenn du unschul­dig bist, kann es schwie­rig sein, sich an einen ganz gewöhn­li­chen Tag vor Tagen, Wochen oder Mona­ten zu erin­nern. Du kannst das jetzt aus­pro­bie­ren: Was hast du am vor­letz­ten Diens­tag zwi­schen 13 und 16 Uhr gemacht? Erin­nere dich genau daran, wo du warst, mit wem du zusam­men warst und was du getan hast.

Viele For­schungs­stu­dien haben gezeigt, wie schwie­rig diese Auf­gabe ist und dass selbst unschul­dige Men­schen Pro­bleme damit haben, genaue und kon­sis­tente Ali­bis zu geben. In einer Stu­die wur­den die Teil­neh­mer bei­spiels­weise gebe­ten, zu beschrei­ben, wo sie sich an einem bestimm­ten Nach­mit­tag drei Wochen vor der Stu­die auf­ge­hal­ten haben und was sie dort getan haben. Eine Woche spä­ter kehr­ten sie zurück und wur­den gebe­ten, ihr Alibi zu wie­der­ho­len und Belege für ihre Aus­sa­gen zu lie­fern. Die Leis­tung war sehr schlecht: Die Hälfte der Teil­neh­mer war zwi­schen den bei­den Sit­zun­gen inkon­sis­tent und viele konn­ten keine Belege für ihr Alibi lie­fern.

Ein Bei­spiel für ein Alibi, das in der ers­ten Sit­zung der Stu­die genannt wurde, war: „Ich bin um 10:30 Uhr auf­ge­wacht, habe Say Yes to the Dress geschaut und etwas geges­sen. Ich habe meine täg­li­che halbe Stunde Sport getrie­ben, geduscht und mich für mei­nen ers­ten Tag in einem neuen Job ange­zo­gen. Ich musste um 13 Uhr dort sein, also bin ich um 12:30 Uhr los­ge­gan­gen, war um 13 Uhr bei der Arbeit und habe um 18 Uhr Fei­er­abend gemacht.“ Ich bin nach Hause gelau­fen und habe Dun­kin’ Donuts für meine Eltern geholt. Ich kam nach Hause und aß zu Abend.“

Eine Woche spä­ter änderte die­ser Teil­neh­mer sein Alibi voll­stän­dig: „Ich habe in der Woche nach dem frag­li­chen Datum mei­nen neuen Job ange­tre­ten. Ich bin mir des­halb nicht sicher, was ich genau gemacht habe. Diens­tags habe ich frei, also war ich auf jeden Fall zu Hause, aber was ich genau gemacht habe, weiß ich nicht.“

Stu­dien haben gezeigt, dass Ermitt­ler und Geschwo­rene wider­sprüch­li­chen Ali­bis miss­trau­isch gegen­über­ste­hen und sie oft als Zei­chen von Schuld wer­ten. Viele Men­schen glau­ben fälsch­li­cher­weise, dass Moti­va­tion die Erin­ne­rungs­ge­nau­ig­keit erhöht, d. h., dass man sich in einer Situa­tion, in der viel auf dem Spiel steht (z. B. wenn man eines Ver­bre­chens beschul­digt wird), bes­ser an Details erin­nern kann. Tat­säch­lich ergab eine Stu­die, dass mehr als 88 % der Teil­neh­mer der Mei­nung waren, dass ein Ange­klag­ter, der seine Alibi-Geschichte nach einer poli­zei­li­chen Befra­gung ändert, wahr­schein­lich lügt. Diese Annah­men beru­hen jedoch auf einer feh­ler­haf­ten Vor­stel­lung von Gedächt­nis und Ver­ges­sen. Dem­nach ist Ver­ges­sen eine Stö­rung unse­res Gedächt­nis­sys­tems, die nur bei unwich­ti­gen Details auf­tritt.

Tat­säch­lich ver­ges­sen wir die meis­ten unse­rer Erfah­run­gen und bewah­ren keine per­fekte Biblio­thek der Ver­gan­gen­heit in unse­rem Gedächt­nis auf. Dies ist jedoch kein Ver­sa­gen der Evo­lu­tion, denn das Ver­ges­sen ist nicht immer von Nach­teil: Die meis­ten von uns wür­den es vor­zie­hen, nicht die glei­chen Schwie­rig­kei­ten zu haben wie Jill Price.

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