Besteht ein Zusam­men­hang zwi­schen Migräne und epi­lep­ti­schen Anfäl­len?

Äußer­lich ähneln sich Migräne und epi­lep­ti­sche Anfälle über­haupt nicht. Eine Über­ak­ti­vi­tät bestimm­ter Hirn­re­gio­nen löst die cha­rak­te­ris­ti­schen Anfalls­sym­ptome wie Krämpfe und Bewusst­lo­sig­keit aus. Typi­sche Migräne äußert sich dage­gen durch pochende Kopf­schmer­zen, Übel­keit sowie Licht- und Geräusch­emp­find­lich­keit. Trotz ihrer unter­schied­li­chen Sym­ptome kön­nen sowohl Migrä­ne­at­ta­cken als auch epi­lep­ti­sche Anfälle auf ähn­li­che Stö­run­gen der Gehirn­ak­ti­vi­tät zurück­zu­füh­ren sein.

Besteht ein Zusam­men­hang zwi­schen Migräne und Krampf­an­fäl­len?

Eine wich­tige Gemein­sam­keit von Migräne und Epi­lep­sie ist, dass es sich bei bei­den um soge­nannte epi­so­dische Erkran­kun­gen han­delt. Das bedeu­tet, dass die Betrof­fe­nen im All­ge­mei­nen beschwer­de­frei sind und dann in unre­gel­mä­ßi­gen Abstän­den spon­tane Anfälle erlei­den. Meist ist nicht genau bekannt, was einen bestimm­ten Anfall oder eine Migrä­ne­at­ta­cke aus­ge­löst hat, doch es gibt Aus­lö­ser, die die Wahr­schein­lich­keit eines Anfalls erhö­hen kön­nen.

Sowohl Migräne als auch epi­lep­ti­sche Anfälle gehen mit abnor­ma­ler elek­tri­scher Akti­vi­tät im Gehirn ein­her. Bei vie­len epi­so­dischen Erkran­kun­gen wird diese abnorme Hirn­ak­ti­vi­tät durch Ver­än­de­run­gen der Ionen­ka­näle ver­ur­sacht. Dabei han­delt es sich um Poren in Zell­mem­bra­nen, die den Fluss gela­de­ner Teil­chen in und aus Neu­ro­nen ermög­li­chen und die elek­tri­sche Signal­über­tra­gung steu­ern. Dies trifft ein­deu­tig auf bestimmte Epi­lep­sie­for­men zu, die mit Muta­tio­nen in ver­schie­de­nen Ionen­ka­nä­len asso­zi­iert sind. Diese Muta­tio­nen beein­flus­sen die Signal­über­tra­gung im Gehirn. Die Ursa­che der meis­ten Migrä­ne­fälle ist uns zwar noch unbe­kannt, doch in eini­gen sehr schwe­ren Fäl­len konn­ten wir bereits Defekte in Ionen­ka­nä­len und ver­wand­ten Pro­te­inen nach­wei­sen.

Dar­über hin­aus gibt es zwei bis drei Epi­lep­sie­me­di­ka­mente, die auch bei Migräne wirk­sam sind. Eines davon ist Topi­ra­mat, das ursprüng­lich für die Behand­lung von Epi­lep­sie ent­wi­ckelt wurde, aber heute häu­fi­ger gegen Migräne ein­ge­setzt wird. Nicht jedes Epi­lep­sie­me­di­ka­ment eig­net sich zur Behand­lung von Migräne. Zwar gibt es deut­li­che Unter­schiede zwi­schen den bei­den Erkran­kun­gen, aber auch einige bemer­kens­werte Gemein­sam­kei­ten.

Gibt es Ähn­lich­kei­ten bei den Vor­gän­gen im Gehirn?

Das grund­le­gende Ereig­nis bei einem epi­lep­ti­schen Anfall ist eine abnorme, hyper­syn­chrone Ent­la­dung von Neu­ro­nen. Diese kön­nen wir durch das Anbrin­gen von Elek­tro­den auf der Kopf­haut des Pati­en­ten im Rah­men einer Elek­tro­en­ze­pha­logra­fie (EEG) sicht­bar machen. Bei Migräne ist dies nicht der Fall.

Es gibt starke Hin­weise dar­auf, dass zumin­dest Migräne mit Aura durch ein Phä­no­men namens kor­ti­kale Aus­brei­tungs­de­pres­sion ver­ur­sacht wird. Nor­ma­ler­weise befin­den sich Ner­ven­zel­len in einem stark hyper­po­la­ri­sier­ten Zustand, d. h., das elek­tri­sche Poten­zial im Zell­in­ne­ren ist nega­ti­ver als außer­halb der Zelle. Wenn erre­gende Signale in die Neu­ro­nen ein­tref­fen, depo­la­ri­siert sich das Mem­bran­po­ten­zial, es wird also posi­ti­ver. Dadurch wer­den Akti­ons­po­ten­ziale in den Neu­ro­nen aus­ge­löst und die Signal­über­tra­gung im Gehirn funk­tio­niert.

Wäh­rend der kor­ti­ka­len Aus­brei­tungs­de­pres­sion brei­tet sich eine Welle star­ker Depo­la­ri­sa­tion über die Ober­flä­che der Hirn­rinde aus. Das betrof­fene Hirn­ge­webe ist für kurze Zeit so stark depo­la­ri­siert, dass keine wei­tere Depo­la­ri­sa­tion mög­lich ist und keine Akti­ons­po­ten­ziale gene­riert wer­den kön­nen. Diese kor­ti­kale Aus­brei­tungs­de­pres­sion klingt zwar ab, wir gehen jedoch davon aus, dass sie Migräne aus­löst. Sie regt das Gehirn zur Frei­set­zung von Media­to­ren an, wel­che die schmerz­emp­find­li­chen Ner­ven in der Hirn­haut akti­vie­ren. Anschlie­ßend setzt der Migrä­ne­kopf­schmerz ein, der bis zu drei Tage andau­ern kann.

Bei Migräne kommt es vor allem zu einer vor­über­ge­hen­den Hem­mung des Hirn­ge­we­bes. Bevor es zu die­ser Hem­mung kommt, ist das Gewebe jedoch hoch­ak­tiv. Am Beginn einer kor­ti­ka­len Aus­brei­tungs­de­pres­si­ons­welle beob­ach­ten wir eine Über­er­reg­bar­keit, die der eines epi­lep­ti­schen Anfalls ähnelt. Meine Hypo­these ist, dass nach die­ser anfäng­li­chen Über­er­reg­bar­keit bei Epi­lep­sie ein Pfad mit vie­len syn­chro­ni­sier­ten Ent­la­dun­gen ein­ge­schla­gen wird, wäh­rend bei Migräne ein ande­rer Pfad folgt, der zur kor­ti­ka­len Aus­brei­tungs­de­pres­sion führt. Warum Migräne in man­chen Situa­tio­nen und Epi­lep­sie in ande­ren auf­tritt, ist uns noch nicht bekannt.

Könnte die Erfor­schung die­ser Gemein­sam­kei­ten dabei hel­fen, bes­sere Behand­lungs­me­tho­den für beide Erkran­kun­gen zu ent­wi­ckeln?

Ich glaube, das wäre hilf­reich. In der Migrä­ne­the­ra­pie gab es sowohl in jüngs­ter Zeit als auch vor etwa 20 Jah­ren bedeu­tende Fort­schritte. Diese Durch­brü­che haben jedoch nicht zu wirk­sa­men Behand­lun­gen für Epi­lep­sie geführt, da sie erst im letz­ten Sta­dium der Migräne, der Akti­vie­rung des Schmerz­sys­tems, anset­zen. Wenn wir jedoch unter­su­chen und nach­wei­sen kön­nen, dass es eine grund­le­gende Gemein­sam­keit bei der Aus­lö­sung die­ser Atta­cken gibt, könn­ten wir mög­li­cher­weise mehr Medi­ka­mente ent­wi­ckeln, die bei bei­den Erkran­kun­gen wir­ken.

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