Warum nega­tive Ver­stär­kung nicht schlecht ist

Der Begriff „nega­tive Ver­stär­kung” wird häu­fig miss­braucht und unter­schätzt seine Wirk­sam­keit als Instru­ment zur Ver­hal­tens­än­de­rung. Viel­leicht erstaunt es dich, dass nega­tive Ver­stär­kung tat­säch­lich etwas Gutes sein soll. Was spricht dafür, auf Unbe­ha­gen, Druck oder stän­di­ges Nör­geln zu set­zen, um Ver­än­de­run­gen zu bewir­ken? Warum nicht statt­des­sen posi­tive Ver­stär­kung nut­zen? Stu­dien bele­gen die Wirk­sam­keit der nega­ti­ven Ver­stär­kung in vie­len ver­schie­de­nen Berei­chen und Kon­tex­ten. Lob, Beloh­nun­gen und Unter­stüt­zung sind deut­lich effek­ti­ver als Kri­tik, Stra­fen und als harte Liebe getarnte Grau­sam­keit.

Hier beginnt das Miss­ver­ständ­nis. Zwar wis­sen wir, was posi­tive Ver­stär­kung bedeu­tet und wie man sie anwen­det, jedoch nei­gen wir dazu, nega­tive Ver­stär­kung als ihr Gegen­teil zu betrach­ten. Das stimmt jedoch nur teil­weise. Schauen wir uns an, warum das so ist.

Stelle dir das fol­gende Bei­spiel vor:

Um sich das Lesen anzu­ge­wöh­nen, trittst du einem Buch­club bei. Du hoffst, dass die Zutei­lung eines Buches und die gesetz­ten Abga­be­ter­mine dich zum Wei­ter­le­sen moti­vie­ren. Du erhältst deine erste Auf­gabe und beginnst zu lesen, kommst aber auf­grund von Arbeit und Fami­lie nicht weit. Der Tag des Tref­fens rückt näher und du musst dich ent­schei­den, ob du über­haupt hin­gehst. Einer­seits weißt du, dass die Teil­nahme ein wich­ti­ger Schritt ist, um dir das Lesen anzu­ge­wöh­nen. Ande­rer­seits befürch­test du, von den ande­ren Mit­glie­dern für faul, respekt­los oder nicht ernst genom­men zu wer­den.

Was tun? Im Fol­gen­den ste­hen einige Mög­lich­kei­ten, wie du wei­ter vor­ge­hen kannst.

  • Option A: Du nimmst an dem Tref­fen teil, sagst aber nie­man­dem, dass du das Buch nicht gele­sen hast. Du bleibst still, schwitzt und pocht vor Auf­re­gung und hoffst, dass nie­mand deine Mei­nung erfragt.
  • Option B: Du gehst nicht zum Tref­fen. Du mel­dest dich statt­des­sen krank und sagst, dass du dich auf die nächste Buch­lek­türe freust.
  • Option C: Du gehst zum Tref­fen, beich­test dei­nen Feh­ler und der Orga­ni­sa­tor sagt dir, dass es gegen­über den ande­ren unfair ist, weil du unvor­be­rei­tet gekom­men bist. Du soll­test künf­tig von Tref­fen fern­blei­ben, wenn du deine Arbeit nicht erle­digt hast.
  • Option D: Du gehst zum Tref­fen, beich­test es und der Orga­ni­sa­tor sagt dir, dass es in Ord­nung sei. Das pas­siere selbst den eif­rigs­ten Lesern. Du soll­test trotz­dem blei­ben und die Dis­kus­sion ver­fol­gen.

Wel­che der oben genann­ten Optio­nen sind Bei­spiele für nega­tive Ver­stär­kung? Keine Sorge, wenn die Ant­wort noch nicht offen­sicht­lich ist. Ich komme dar­auf zurück, sobald die Begriffe klar sind.

Was ist nega­tive Ver­stär­kung?

Dir ist viel­leicht schon klar, wor­auf das hin­aus­läuft. Das größte Pro­blem mit nega­ti­ver Ver­stär­kung ist nicht die Anwen­dung an sich, son­dern ihr Name. Genauer gesagt ist es der Begriff „nega­tiv“. „Nega­tiv“ impli­ziert Schmerz, Abwe­sen­heit oder ein Hin­der­nis. Wir mei­den nega­tive Men­schen, mögen es nicht, selbst nega­tiv gestimmt zu sein, und schüt­zen uns vor nega­ti­ven Kon­se­quen­zen. Im Kon­text der Ver­stär­kung hat „nega­tiv” jedoch eine andere Bedeu­tung. Betrach­ten wir die bei­den Begriffe getrennt: „nega­tiv“ und „Ver­stär­kung“.

Begin­nen wir mit dem Begriff „Ver­stär­kung“. Ver­stär­kung ist eine Methode, um die Wahr­schein­lich­keit eines Ver­hal­tens zu erhö­hen. Das bedeu­tet, eine Hand­lung häu­fi­ger oder kon­se­quen­ter aus­zu­füh­ren. Wenn wir Ver­stär­kungs­tech­ni­ken anwen­den, um ein Ver­hal­ten zu ändern, dann wol­len wir errei­chen, dass die­ses Ver­hal­ten zur Gewohn­heit wird und wir somit Auf­schub, Zögern und Wunsch­den­ken über­win­den. Wenn du bei­spiels­weise häu­fi­ger Sport trei­ben, mehr Bücher lesen oder öfter zu Hause kochen möch­test, statt aus­wärts zu essen, besteht dein Ziel darin, die­ses Ver­hal­ten zu ver­stär­ken.

Betrach­ten wir nun den Begriff „nega­tiv“. Er bedeu­tet abwe­send, ent­fernt oder gelöscht. Posi­tiv bedeu­tet hin­ge­gen vor­han­den, hin­zu­ge­fügt oder gewährt. In der Lern­theo­rie bedeu­tet „nega­tiv“ ein Hin­der­nis zu besei­ti­gen, „posi­tiv“ hin­ge­gen, einen Anreiz hin­zu­zu­fü­gen.

Zusam­men­ge­fasst ergibt sich Fol­gen­des:

  • Posi­tive Ver­stär­kung bedeu­tet, dass ein bestimm­tes Ver­hal­ten häu­fi­ger und län­ger anhält, wenn wir es jedes Mal beloh­nen oder einen Anreiz dafür schaf­fen. Wir tun etwas, erhal­ten die Beloh­nung und wie­der­ho­len es.
  • Nega­tive Ver­stär­kung bedeu­tet, dass ein bestimm­tes Ver­hal­ten häu­fi­ger auf­tritt und die Wahr­schein­lich­keit einer nach­hal­ti­gen Ver­än­de­rung steigt, wenn ein Hin­der­nis besei­tigt oder eine unan­ge­nehme Erfah­rung unter­bun­den wird. Wir tun etwas, der Schmerz lässt nach. Wir wie­der­ho­len es.

Was nega­tive Ver­stär­kung nicht ist

Wenn nega­tive Ver­stär­kung also nicht das Gegen­teil von posi­ti­ver Ver­stär­kung ist, was ist sie dann? Das Gegen­teil ist Bestra­fung. Bei Bestra­fung geht es nicht darum, ein Ver­hal­ten zu ver­stär­ken, son­dern es zu unter­bin­den. Kri­tik, Geld­stra­fen, Beschimp­fun­gen oder Degra­die­run­gen sind Mit­tel, um ein Ver­hal­ten zu unter­bin­den. „Hör auf, so viel fern­zu­se­hen!”, „Hör auf, dich über andere lus­tig zu machen!” oder „Kauf nicht mehr impul­siv ein!” sind Bei­spiele dafür.

Ist Bestra­fung der beste Weg, um ein bestimm­tes Ver­hal­ten zu unter­bin­den? Das kommt dar­auf an. Sicher ist jedoch, dass nega­tive Ver­stär­kung kein geeig­ne­ter Ansatz ist. Denn nega­tive Ver­stär­kung ist nicht das­selbe wie Bestra­fung. Es geht nicht darum, ein Ver­hal­ten zu unter­bin­den. Viel­mehr kann nega­tive Ver­stär­kung uns dazu anre­gen, gute Gewohn­hei­ten zu ent­wi­ckeln, ohne dass wir dabei jemals ein nega­ti­ves Gefühl emp­fin­den.

Keh­ren wir zum Bei­spiel des Buch­clubs zurück. Das beste Bei­spiel für nega­tive Ver­stär­kung ist Option D: Indem man zum Tref­fen geht und ehr­lich ist, wer­den die anfäng­li­che Angst und die Furcht vor Ver­ur­tei­lung redu­ziert – vor­aus­ge­setzt, der Orga­ni­sa­tor reagiert ver­ständ­nis­voll und freund­lich. Diese Erleich­te­rung macht den Besuch des Tref­fens weni­ger unan­ge­nehm und erhöht somit die Wahr­schein­lich­keit, dass man wie­der­kommt.

Beachte, was hier ver­stär­kend wirkt: Nicht Lob oder Erlaub­nis, son­dern das Ver­schwin­den einer unan­ge­neh­men Erfah­rung. Wenn man sich nicht schlecht fühlt, weil man unvor­be­rei­tet war, erhöht sich die Wahr­schein­lich­keit, beim nächs­ten Mal zu erschei­nen.

Nega­tive Ver­stär­kung bedeu­tet nicht, hart oder bestra­fend zu sein. Es geht viel­mehr darum, zu ler­nen, wel­che Hand­lun­gen zuver­läs­sig Erleich­te­rung brin­gen. Gewohn­hei­ten fes­ti­gen sich nicht nur, wenn sie sich gut anfüh­len, son­dern auch, wenn sie sich nicht mehr schlecht anfüh­len.

Latest articles

Related articles

spot_img