Zögern ist im Sport kost­spie­lig, im Leben jedoch uner­läss­lich

Bei den Olym­pi­schen Win­ter­spie­len müs­sen Ski­fah­rer, Bob­fah­rer, Eis­schnell­läu­fer und viele andere Ath­le­ten einen ent­schei­den­den Moment meis­tern: den Start. Die­ser Augen­blick ist im Wett­kampf von größ­ter Bedeu­tung, denn wenn alle stark und talen­tiert sind, kann ein kur­zer Moment des Zögerns über Gold oder Sil­ber ent­schei­den. Wer zu lange zögert, fällt zurück, wer zu früh star­tet, wird dis­qua­li­fi­ziert.

Die­ses Para­do­xon des Zögerns trifft auch auf den All­tag zu, selbst wenn die Umstände weni­ger extrem sind. Das War­ten auf den rich­ti­gen Moment, um eine Straße zu über­que­ren, oder das Zögern, bevor man einen Anruf von einer unbe­kann­ten Num­mer annimmt, sind all­täg­li­che Bei­spiele hier­für. Wich­tig ist, dass einige psych­ia­tri­sche Erkran­kun­gen, wie bei­spiels­weise die Zwangs­stö­rung, durch Impul­si­vi­tät oder das Feh­len von Zögern gekenn­zeich­net sind, wäh­rend über­mä­ßi­ges Zögern eine schwer­wie­gende Folge ver­schie­de­ner Angst­stö­run­gen dar­stellt.

Warum diese kurze Pause? Die For­schung hat her­aus­ge­fun­den, dass Zögern eine Reak­tion auf Unsi­cher­heit ist. Das kann bei­spiels­weise der Fall sein, wenn ein Hockeypuck auf dem Boden lan­det, ein Ren­nen star­tet oder man in einem neuen Restau­rant etwas bestellt.

Zögern und das Gehirn

Um zu ver­ste­hen, wie das Gehirn Zögern steu­ert, ent­wi­ckel­ten For­scher eine ein­fa­che Ent­schei­dungs­auf­gabe für Mäuse. Die Auf­gabe erfor­derte von den Mäu­sen, Signale zu inter­pre­tie­ren, die vor­her­seh­bar posi­tiv, vor­her­seh­bar nega­tiv oder – vor allem – unsi­cher waren. Unter­schied­li­che Töne signa­li­sier­ten, ob ein Trop­fen Zucker­was­ser bald ver­ab­reicht wer­den würde, nicht ver­ab­reicht wer­den würde oder die Wahr­schein­lich­keit dafür 50:50 betrug.

Das Ver­hal­ten der Mäuse hatte kei­nen Ein­fluss auf das Ergeb­nis. Den­noch war­te­ten die Mäuse in der unsi­che­ren Situa­tion län­ger, bevor sie leck­ten, um zu sehen, ob eine Beloh­nung erfolgte. Genau wie beim Men­schen führ­ten unvor­her­seh­bare Situa­tio­nen zu ver­zö­ger­ten Reak­tio­nen. Die­ses Zögern war jedoch nicht die Folge von Unent­schlos­sen­heit und dem Schwan­ken zwi­schen ver­schie­de­nen Optio­nen, son­dern ein akti­ver und regu­lier­ter Pro­zess im Gehirn, der auf­grund der unsi­che­ren Umge­bung ein Inne­hal­ten vor dem Han­deln ermög­lichte.

Bei der Unter­su­chung der neu­ro­na­len Akti­vi­tät zu Beginn des Leckens iden­ti­fi­zierte man eine spe­zi­fi­sche Gruppe von Neu­ro­nen, die nur dann aktiv wur­den, wenn die Fol­gen unklar waren. Diese Neu­ro­nen steu­er­ten effek­tiv, ob das Gehirn eine Hand­lung aus­füh­ren oder inne­hal­ten sollte, um wei­tere Infor­ma­tio­nen zu sam­meln. Der Grad ihrer Akti­vi­tät konnte vor­her­sa­gen, ob die Mäuse vor einer Ent­schei­dung zögern wür­den.

Um zu bestä­ti­gen, dass diese Neu­ro­nen eine Rolle bei der Kon­trolle von Zögern spie­len, nutz­ten die For­scher die Opto­ge­ne­tik, eine Tech­nik, mit der sich Gehirn­zel­len kurz­zei­tig ein- oder aus­schal­ten las­sen. Bei Akti­vie­rung der Neu­ro­nen zöger­ten die Mäuse län­ger. Wur­den die Neu­ro­nen deak­ti­viert, ließ die­ses Zögern nach und ihre Reak­ti­ons­zeit ver­kürzte sich um meh­rere hun­dert Mil­li­se­kun­den, was ihrer Reak­tion in vor­her­seh­ba­ren Situa­tio­nen ent­sprach.

All­tag, Krank­heit und Abfahr­tren­nen

Die Ergeb­nisse legen nahe, dass Zögern keine zu über­win­dende Schwä­che ist, son­dern ein grund­le­gen­des Merk­mal des Gehirns, das Men­schen und Tie­ren dabei hilft, sich in einer unsi­che­ren Welt zurecht­zu­fin­den und kost­spie­lige Feh­ler zu ver­mei­den.

Die Stu­die lie­fert zudem Erkennt­nisse über das Gleich­ge­wicht zwi­schen Akti­vi­tät und Inak­ti­vi­tät im Zusam­men­hang mit Gesund­heit und Krank­heit. Die für das Zögern ver­ant­wort­li­chen Neu­ro­nen befin­den sich in den Basal­gan­glien, dem­sel­ben Hirn­be­reich, der auch bei Par­kin­son, Zwangs­stö­run­gen und Sucht­er­kran­kun­gen betrof­fen ist. Zwar muss die For­schung noch klä­ren, inwie­weit die an der Zöge­rung betei­lig­ten Zel­len mit denen psych­ia­tri­scher Erkran­kun­gen inter­agie­ren, doch deu­ten die Über­schnei­dun­gen in ihren Schalt­krei­sen bereits jetzt auf mög­li­che The­ra­pie­an­sätze hin.

Der nächste Schritt besteht darin, zu ver­ste­hen, wie Zel­len, die das Zögern steu­ern, mit Medi­ka­men­ten zur Behand­lung von ADHS und Zwangs­stö­run­gen inter­agie­ren. Bei die­sen Erkran­kun­gen kön­nen Pati­en­ten in insta­bi­len oder unsi­che­ren Situa­tio­nen impul­siv reagie­ren. Ziel ist es außer­dem, die Hirn­areale zu iden­ti­fi­zie­ren, die die­sen Zel­len Infor­ma­tio­nen über Unsi­cher­heit lie­fern. Die­ses Umwelt­si­gnal ist für das Zögern von ent­schei­den­der Bedeu­tung. Zwar haben For­scher bereits her­aus­ge­fun­den, dass meh­rere Berei­che des prä­fron­ta­len Cor­tex Unsi­cher­heit kodie­ren, jedoch ist noch unklar, wie das Gehirn diese Infor­ma­tio­nen kon­kret nutzt.

Zögern ist kein Feh­ler, son­dern eine ent­schei­dende Eigen­schaft, um sich in einer unbe­re­chen­ba­ren Welt zurecht­zu­fin­den. Das gilt sowohl für Eis­kunst­läu­fer, die auf den per­fek­ten Moment für ihren Sprung war­ten, als auch für Men­schen, die ihren All­tag bewäl­ti­gen. Die neu­ro­na­len Schalt­kreise, die dem Zögern zugrunde lie­gen, spie­len eine wich­tige Rolle dabei, den rich­ti­gen Zeit­punkt für die rich­tige Hand­lung zu fin­den.

Latest articles

Related articles

spot_img