Was­ser­man­gel ver­än­dert unsere Denk­weise

Unser Gehirn reagiert emp­find­lich auf Knapp­heit. Ein Man­gel an Din­gen, die wir für lebens­wich­tig hal­ten, etwa Zeit oder Nah­rung, kann unser Den­ken und Ver­hal­ten stark beein­flus­sen. Neh­men wir zum Bei­spiel Geld. Wenn Men­schen ein Spiel spie­len, bei dem einige von ihnen plötz­lich rei­cher oder ärmer wer­den, tref­fen die­je­ni­gen, die Geld ver­lie­ren, Ent­schei­dun­gen, die sie jetzt bes­ser, aber spä­ter schlech­ter daste­hen las­sen. Eine mög­li­che Erklä­rung dafür ist, dass Knapp­heit men­tal anstren­gend ist: Das Gefühl, nicht genug zu haben, lenkt ab und erschwert somit Kon­zen­tra­tion und Pla­nung.

In unse­rer jüngs­ten Stu­die haben wir jedoch fest­ge­stellt, dass Men­schen auf Was­ser­knapp­heit ganz anders reagie­ren als auf andere Eng­pässe. In Stu­dien mit Teil­neh­mern aus aller Welt haben wir her­aus­ge­fun­den, dass Men­schen in von Was­ser­knapp­heit betrof­fe­nen Regio­nen eher lang­fris­tig den­ken. Wenn sie mit Was­ser­knapp­heit kon­fron­tiert sind, kon­zen­trie­ren sie sich auf die Zukunft. Die Sorge um Was­ser­knapp­heit führt zu bes­se­rer Pla­nung und weni­ger Ver­schwen­dung – nicht nur von Was­ser, son­dern auch von ande­ren Res­sour­cen.

Da wir als Spe­zies akut von Was­ser abhän­gig sind – ohne Was­ser wür­den wir inner­halb weni­ger Tage ster­ben –, scheint es, als seien wir dar­auf pro­gram­miert, Was­ser zu spa­ren. Ein Was­ser­man­gel führt zu einer Men­ta­li­tät der Spar­sam­keit und des lang­fris­ti­gen Den­kens. Diese Erkennt­nis könnte sich als wich­tig erwei­sen, wenn es um die Reak­tion der Mensch­heit auf den Kli­ma­wan­del geht.

Wir haben uns dem Thema Was­ser auf ver­schie­dene Weise genä­hert. In einem Expe­ri­ment haben wir 211 Stu­die­rende gebe­ten, einen von uns bereit­ge­stell­ten Arti­kel zu lesen. Einige von ihnen beka­men einen beson­ders schreck­li­chen Arti­kel. Er ent­hielt Vor­her­sa­gen über die schlimmste Was­ser­knapp­heit seit 1200 Jah­ren. Andere lasen einen opti­mis­ti­sche­ren Arti­kel. Darin stand, dass der Kli­ma­wan­del zu mehr Regen und somit zu mehr Was­ser führt. Ein Teil der Stu­die­ren­den been­dete die Stu­die, ohne einen Arti­kel gele­sen zu haben.

Anschlie­ßend frag­ten wir die Stu­die­ren­den, wie wich­tig es sei, Res­sour­cen zu spa­ren und lang­fris­tig zu den­ken. Wir stell­ten fest, dass allein der Gedanke an Was­ser­knapp­heit aus­reichte, um sie dazu zu brin­gen, über die Zukunft nach­zu­den­ken. Die­je­ni­gen, die von einer ernst­haf­ten Knapp­heit gele­sen hat­ten, stimm­ten eher der Aus­sage zu, dass die Men­schen für die Zukunft leben soll­ten. Sie stimm­ten auch eher Aus­sa­gen zum Spa­ren zu, bei­spiels­weise, dass man Dinge, die man heute nicht braucht, nicht kau­fen sollte, um für mor­gen vor­zu­sor­gen.

Die Lek­türe über einen zukünf­ti­gen Was­se­rü­ber­schuss führte die Men­schen in die ent­ge­gen­ge­setzte Rich­tung. Sie spra­chen sich dafür aus, im Hier und Jetzt zu leben, und küm­mer­ten sich weni­ger darum, Geld und andere Res­sour­cen zu spa­ren, als die­je­ni­gen, die die Fra­gen beant­wor­tet hat­ten, ohne etwas über den Kli­ma­wan­del gele­sen zu haben.

Natür­lich ist es etwas ande­res, über Was­ser­knapp­heit zu lesen, als sie selbst zu erle­ben.

Des­halb haben wir nach Orten gesucht, an denen Gemein­schaf­ten seit Gene­ra­tio­nen mit Was­ser­knapp­heit kon­fron­tiert sind. Wir haben zwei Städte im Iran gefun­den, die geo­gra­fisch nah bei­ein­an­der lie­gen: Schi­raz und Yazd. Sie haben eine ähn­li­che Wirt­schaft, die glei­che Mehr­heits­re­li­gion, Spra­che und Eth­nie, aber sehr unter­schied­li­che Was­ser­men­gen. In Schi­raz reg­net es genug, um die Wein­berge zu ver­sor­gen, die den welt­be­rühm­ten Wein pro­du­zie­ren. Yazd hin­ge­gen ist kno­chen­tro­cken.

Wir haben 331 Per­so­nen in Shiraz und Yazd psy­cho­lo­gi­schen Tests unter­zo­gen, um zu mes­sen, wel­che Bedeu­tung die Men­schen der Zukunft bei­mes­sen, also was in der Psy­cho­lo­gie als lang­fris­tige Ori­en­tie­rung bezeich­net wird. Dabei zeigte sich, dass die Men­schen in Yazd die Pla­nung für die Zukunft für wich­ti­ger hiel­ten als die Men­schen in Shiraz. Umge­kehrt hiel­ten die Men­schen in Shiraz das Leben im Augen­blick für wich­ti­ger.

Dann sind wir einen Schritt wei­ter. Da der Iran beson­ders anfäl­lig für Dür­ren ist, reagie­ren die Men­schen dort mög­li­cher­weise sen­si­bler auf Was­ser­knapp­heit als Men­schen in ande­ren Län­dern. Um her­aus­zu­fin­den, ob es in ande­ren Län­dern ähn­li­che Mus­ter gibt, haben wir uns an den World Values Sur­vey gewandt. Dabei han­delt es sich um ein lang­jäh­ri­ges, glo­ba­les For­schungs­pro­jekt, das Infor­ma­tio­nen über die Über­zeu­gun­gen und Werte der Men­schen sam­melt.

Wir kon­zen­trier­ten uns auf Umfra­ge­da­ten aus 87 Län­dern, in denen den Befrag­ten Fra­gen zur Bedeu­tung von Spar­sam­keit und zum Spa­ren für die Zukunft gestellt wur­den. Wir fan­den her­aus, dass Men­schen, die in Län­dern mit Was­ser­knapp­heit leben, dem Spa­ren für die Zukunft eher zustim­men. In Europa dach­ten die Men­schen im was­ser­rei­chen Island bei­spiels­weise weni­ger an die Zukunft, wäh­rend die Men­schen in den tro­cke­nen Län­dern Spa­nien und Ita­lien mehr an die Zukunft dach­ten.

Wich­tig ist, dass die Geschichte der Was­ser­knapp­heit kul­tu­relle Unter­schiede über andere, offen­sicht­li­chere Fak­to­ren hin­aus erklärt. So erklärte das Pro-Kopf-Ein­kom­men die kul­tu­rel­len Unter­schiede bei­spiels­weise nicht. Auch Kor­rup­tion, die es den Men­schen erschwert, an die Zukunft zu den­ken, war kein star­ker Prä­dik­tor. Man könnte anneh­men, dass Men­schen, die län­ger leben, stär­ker an die Zukunft den­ken. Über­ra­schen­der­weise war die natio­nale Lebens­er­war­tung jedoch kein so star­ker Prä­dik­tor für Was­ser­knapp­heit.

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