Kann sich das Gehirn selbst hei­len?

Einige Tiere ver­fü­gen über unglaub­li­che Rege­ne­ra­ti­ons­fä­hig­kei­ten. So kön­nen sie bei­spiels­weise ver­lo­rene Kör­per­teile wie Beine und Schwänze nach­wach­sen las­sen. Fische und Sala­man­der kön­nen sogar neue Gehirn­zel­len bil­den, um beschä­digte Berei­che ihres Gehirns zu repa­rie­ren. Bei Säu­ge­tie­ren, zu denen auch der Mensch gehört, ist diese Fähig­keit jedoch begrenzt.

Wäh­rend nie­dere Wir­bel­tiere ihr gan­zes Leben lang Neu­ro­nen erset­zen kön­nen, ist dies bei Säu­ge­tie­ren nicht mög­lich. Wir hören bereits vor unse­rer Geburt auf, neue Ner­ven­zel­len zu bil­den – mit Aus­nahme eines oder zwei Berei­che des Ner­ven­sys­tems. Das bedeu­tet, dass wir eine Schnitt­wunde auf der Haut durch das Wachs­tum neuer Haut­zel­len zwar repa­rie­ren kön­nen, eine Hirn­ver­let­zung jedoch nicht auf die glei­che Weise hei­len kön­nen. Unser Gehirn kann nur mit den vor­han­de­nen Neu­ro­nen arbei­ten. Das sind die Zel­len, die alle Infor­ma­tio­nen trans­por­tie­ren, die wir zum Den­ken, Bewe­gen und für unsere nor­ma­len Kör­per­funk­tio­nen benö­ti­gen. Die Aus­wir­kun­gen einer schwe­ren Hirn­ver­let­zung hän­gen von der Art und dem Ort der Ver­let­zung sowie von der Anzahl der ver­lo­re­nen Ner­ven­zel­len ab.

Was übrig bleibt, kann bis zu einem gewis­sen Grad umge­stal­tet wer­den, denn das Gehirn ver­fügt über Neu­ro­plas­ti­zi­tät. Stell dir dein Gehirn wie Google Maps oder einen ande­ren Rou­ten­pla­ner vor. Wenn eine der Stra­ßen auf der schnells­ten Route gesperrt ist, berech­net Google Maps eine andere Route, auch wenn diese etwas län­ger dau­ert. Da jede Gehirn­zelle Tau­sende ver­schie­de­ner Ver­bin­dun­gen hat, kann das Gehirn seine Signale in gro­ßem Umfang umlei­ten. Viel­leicht ver­lie­ren wir den einen oder ande­ren Weg, aber theo­re­tisch kön­nen wir andere fin­den.

Das bedeu­tet, dass das Gehirn im Falle einer Ver­let­zung ver­sucht, die geschä­dig­ten Zel­len zu umge­hen. Dazu stellt es neue Ver­bin­dun­gen zwi­schen den Ner­ven­zel­len her, um die ver­lo­re­nen Funk­tio­nen auf­recht­zu­er­hal­ten. Neu­ro­plas­ti­sche Pro­zesse fin­den auch statt, wenn wir neue Fähig­kei­ten erler­nen. Bei schwe­ren Hirn­ver­let­zun­gen kann es jedoch zu einer dra­ma­ti­schen Umstruk­tu­rie­rung kom­men, bei der ganze Funk­tio­nen in andere Teile des Gehirns ver­la­gert wer­den. So kann bei­spiels­weise das Gehör vom visu­el­len Kor­tex über­nom­men wer­den und umge­kehrt. Die Neu­ro­plas­ti­zi­tät beruht sowohl auf den Ner­ven­zel­len selbst als auch auf Hilfs­zel­len, den soge­nann­ten Glia­zel­len. Diese hel­fen dabei, neue Ver­bin­dun­gen zu knüp­fen und die schüt­zende Hülle der Ner­ven­fa­sern, das Mye­lin, zu repa­rie­ren. Mye­lin beschleu­nigt die Ner­ven­im­pulse.

Die Ner­ven­fa­sern (Axone), die Signale wei­ter­lei­ten, kön­nen neue Ver­zwei­gun­gen bil­den, solange der Zell­kör­per der Ner­ven­zelle intakt ist. Die Rege­ne­ra­tion von durch­trenn­ten Ner­ven­fa­sern, wie sie bei einer typi­schen Rücken­marks­ver­let­zung auf­tritt, wird jedoch durch die Bil­dung von Nar­ben­ge­webe ein­ge­schränkt, wel­ches das Nach­wach­sen ver­hin­dert. Dies wird zusätz­lich durch nor­male Ver­än­de­run­gen wäh­rend der Rei­fung begüns­tigt, wel­che die Rege­ne­ra­tion der Axone eben­falls ver­hin­dern.

Reha­bi­li­ta­ti­ons­pro­gramme kon­zen­trie­ren sich auf die opti­male Nut­zung der natür­li­chen Neu­ro­plas­ti­zi­tät des Gehirns. Sie kön­nen bis zu 17 Stun­den The­ra­pie pro Tag umfas­sen – je inten­si­ver, desto bes­ser. Es wird davon aus­ge­gan­gen, dass eine ste­tige Bean­spru­chung des Gehirns dazu führt, dass es sich neu formt, um reagie­ren zu kön­nen.

Da unser Ver­ständ­nis des Gehirns jedoch sehr begrenzt ist, kann es nutz­los sein, die Gene­sung eines Pati­en­ten anhand von bild­ge­ben­den Ver­fah­ren vor­her­zu­sa­gen. Es wird davon aus­ge­gan­gen, dass frühe Vor­her­sa­gen eher falsch als rich­tig sind. Wir kön­nen also ange­nehm über­rascht sein, was alles mög­lich ist, wenn wir die rich­tige Behand­lung erhal­ten.

Latest articles

Related articles

spot_img