Der Pla­ce­bo­ef­fekt

Zucker­pil­len kön­nen Depres­sio­nen lin­dern, bunte Cremes kön­nen die Haut betäu­ben und Koch­salz­sprit­zen kön­nen Schmer­zen lin­dern. Der Pla­cebo-Effekt ist eine mäch­tige Heil­kraft – aber wie genau funk­tio­niert er?

Ivan Paw­low ent­deckte in den 1890er Jah­ren die klas­si­sche Kon­di­tio­nie­rung. In sei­nen berühm­ten Expe­ri­men­ten brachte er Hun­den bei, den Klang einer Glo­cke mit dem Ein­tref­fen von Fut­ter zu ver­bin­den. Sobald die Hunde den Ton hör­ten, began­nen sie vor Freude zu sab­bern. Das­selbe kann uns mit Medi­ka­men­ten pas­sie­ren. Wir bil­den Asso­zia­tio­nen, die auf unse­ren Erfah­run­gen beru­hen. Neh­men Men­schen Aspi­rin gegen Kopf­schmer­zen, ver­bin­den sie die Form und den Geschmack der Tablet­ten mit Schmerz­lin­de­rung. Ersetzt man die Tablet­ten durch ein Pla­cebo, wird der Schmerz trotz­dem gelin­dert.

Pla­ce­bos, die auch als „Dum­mies“ oder Schein­me­di­ka­mente bezeich­net wer­den, bestehen aus inert wir­ken­den Sub­stan­zen wie Koch­salz­lö­sung, Stärke oder Zucker. Sie sehen aus und füh­len sich an wie echte Medi­ka­mente, sind aber che­misch inak­tiv.

Hohe Erwar­tun­gen

Die Erfah­rung der gesam­ten Behand­lung kann uns dabei hel­fen, uns bes­ser zu füh­len. In einer Stu­die erhiel­ten die Teil­neh­mer zwei Tage lang eine schmerz­stil­lende Creme, die anschlie­ßend durch ein Pla­cebo ersetzt wurde. Da die Teil­neh­mer die Erfah­rung gemacht hat­ten, dass die Creme wirkte, erwar­te­ten sie, dass dies auch wei­ter­hin der Fall sein würde. Auch der Ton­fall des medi­zi­ni­schen Per­so­nals und die Infor­ma­tio­nen, die es den Men­schen dar­über gibt, was sie wäh­rend der Behand­lung zu erwar­ten haben, kön­nen die Art und Weise, wie Men­schen reagie­ren, ver­än­dern. In die­sem Fall ver­si­cherte das Per­so­nal den Teil­neh­mern, dass die neue Creme hel­fen würde – und das tat sie auch. Wenn das Per­so­nal ihnen jedoch sagte, dass die Creme ihre Schmer­zen ver­schlim­mern würde, wurde alles noch schlim­mer.

Auch Medi­ka­mente kön­nen unser Erle­ben ver­än­dern. So ver­bin­den wir mit kräf­ti­gen Far­ben wie Rot, Orange und Gelb eine anre­gende Wir­kung, mit Blau und Grün hin­ge­gen eine beru­hi­gende. Ändert man die Farbe einer Tablette, ver­än­dert sich auch unsere Erwar­tungs­hal­tung. Wenn eine Tablette mehr kos­tet oder in einer Mar­ken­ver­pa­ckung gelie­fert wird, erwar­ten wir, dass sie bes­ser ist als bil­li­gere oder gene­ri­sche Pro­dukte. Selbst der Name des Medi­ka­ments hat einen Ein­fluss. So hat eine Stu­die gezeigt, dass die Bezeich­nung „Pla­cebo” auf dem Migrä­ne­me­di­ka­ment Riz­a­trip­tan des­sen Wir­kung ver­rin­gert. Wurde das Pla­cebo hin­ge­gen Riz­a­trip­tan genannt, wirkte es bes­ser. Es über­rascht nicht, dass das echte Medi­ka­ment bes­ser wirkte, wenn es mit sei­nem rich­ti­gen Namen bezeich­net wurde.

Der Pla­cebo-Effekt funk­tio­niert sogar bei Ope­ra­tio­nen. So kann das Auf­schnei­den und Wie­der­zu­nä­hen der Haut Men­schen mit Knie­schmer­zen hel­fen. Sogar Herz­schmer­zen, die durch Angina ver­ur­sacht wer­den, kön­nen durch Schein­ope­ra­tio­nen gelin­dert wer­den. Der Anblick und die Gerü­che eines Kran­ken­hau­ses sowie der Ablauf einer Ope­ra­tion kön­nen das Gehirn täu­schen.

Der erste neu­ro­bio­lo­gi­sche Nach­weis des Pla­ce­bo­ef­fekts wurde in den 1970er Jah­ren erbracht. In einer 1978 in The Lan­cet ver­öf­fent­lich­ten Stu­die wurde unter­sucht, was geschieht, wenn Men­schen nach einer Zahn­ent­fer­nung ein Pla­cebo-Schmerz­mit­tel erhal­ten. Um die Funk­ti­ons­weise des Pla­ce­bo­ef­fekts zu erfor­schen, wurde der einen Hälfte der Teil­neh­mer zusätz­lich das Medi­ka­ment Naloxon ver­ab­reicht, wel­ches die Wir­kung der natür­li­chen Schmerz­mit­tel, der Endor­phine, blo­ckiert. In die­ser Stu­die stoppte Naloxon die Wir­kung der Pla­cebo-Tablet­ten jedoch nur, wenn die Teil­neh­mer erwar­te­ten, dass das Pla­cebo ihre Schmer­zen lin­dern würde. Wenn wir erwar­ten, dass eine Tablette die Schmer­zen lin­dert, pro­du­ziert das Gehirn näm­lich seine eige­nen Schmerz­mit­tel.

Neuere Erkennt­nisse deu­ten dar­auf hin, dass die­ser Effekt im prä­fron­ta­len Kor­tex beginnt, einer Region im Gehirn. Diese Region ist für kom­ple­xes Ver­hal­ten und Pla­nung zustän­dig. Wenn wir erwar­ten, uns bes­ser zu füh­len, erhöht sie die Akti­vi­tät von Ner­ven­bah­nen, die bis ins Rücken­mark rei­chen. MRT-Unter­su­chun­gen haben gezeigt, dass der Pla­cebo-Effekt den Blut­fluss in den Berei­chen des Rücken­marks ver­rin­gert, durch die Schmerz­si­gnale gelei­tet wer­den. Die bei der Ein­nahme von Pla­cebo-Tablet­ten frei­ge­setz­ten Endor­phine ver­hin­dern, dass die Schmerz­si­gnale das Gehirn errei­chen.

Gibt es Situa­tio­nen, in denen der Pla­cebo-Effekt nicht wirkt?

Bei Men­schen mit Alz­hei­mer wirkt der Pla­cebo-Effekt weni­ger gut, da die Ner­ven­zel­len im prä­fron­ta­len Kor­tex häu­fig geschä­digt sind. Der Effekt kann auch durch das Anbrin­gen von Magne­ten auf der Kopf­haut blo­ckiert wer­den, da diese die Ner­ven­si­gnale im vor­de­ren Gehirn­be­reich stö­ren.

Angst kann die schmerz­lin­dernde Wir­kung von Pla­ce­bos blo­ckie­ren. Stu­dien haben gezeigt, dass allein die Ankün­di­gung, dass die Schmer­zen schlim­mer wer­den, diese tat­säch­lich ver­stär­ken kann. Es kann sogar dazu füh­ren, dass nicht schmerz­hafte Berüh­run­gen als schmerz­haft wahr­ge­nom­men wer­den. Die­ses Phä­no­men ist als Allo­dy­nie bekannt. Wenn wir über Neben­wir­kun­gen lesen oder im Inter­net nach Krank­hei­ten suchen, kön­nen wir unsere Erwar­tun­gen beein­flus­sen. Das wirkt sich wie­derum auf unser Gehirn aus.

Der zweite Teil des Pla­cebo-Sys­tems im Gehirn ist ein Boten­stoff namens Chole­cys­to­ki­nin (CCK). Er wird pro­du­ziert, wenn wir Angst haben. Die Blo­ckade sei­ner Akti­vi­tät mit dem Medi­ka­ment Pro­glu­mid ver­stärkt den Pla­cebo-Effekt ebenso wie die Beru­hi­gung der Angst mit dem Medi­ka­ment Dia­ze­pam.

Sons­tige Beob­ach­tun­gen

Die meis­ten Arbei­ten zum Ver­ständ­nis des Pla­cebo-Effekts kon­zen­trier­ten sich auf Schmer­zen. Doch Schein­me­di­ka­mente kön­nen auch andere Aspekte von Gesund­heit und Krank­heit beein­flus­sen. Men­schen, die an Par­kin­son lei­den, haben eine Schä­di­gung der Ner­ven­zel­len in einem Teil des Gehirns namens Sub­stan­tia nigra. Diese pro­du­zie­ren kein Dopa­min mehr, was zu Bewe­gungs­stö­run­gen führt, die sich mit der Zeit ver­schlim­mern. Pla­cebo-Medi­ka­mente kön­nen die Dopa­min-Menge im Gehirn von Par­kin­son-Pati­en­ten erhö­hen. Wenn die Betrof­fe­nen eine echte Behand­lung erwar­ten und daran glau­ben, dass es ihnen bes­ser gehen wird, steigt der Dopa­min­spie­gel von selbst an.

Das Immun­sys­tem kann auch auf ein Pla­cebo reagie­ren. Im Jahr 2002 trai­nierte die For­schungs­gruppe um Prof. Goe­bel von der Uni­ver­si­tät Duis­burg-Essen das Immun­sys­tem mit­hilfe eines aro­ma­ti­sier­ten Getränks. Sie dämpf­ten die Immun­ak­ti­vi­tät wie­der­holt mit dem Immun­sup­pres­si­vum Cyclos­po­rin A. Jedes Mal beglei­te­ten sie die Behand­lung mit dem aro­ma­ti­sier­ten Getränk. Nach der Kon­di­tio­nie­rung benö­tig­ten sie das Medi­ka­ment nicht mehr. Das Getränk war also in der Lage, das Immun­sys­tem selbst zu unter­drü­cken.

Im Jahr 2008 wie­der­hol­ten sie den All­er­gie­ver­such. Dies­mal ver­ab­reich­ten sie den Pro­ban­den zusam­men mit dem aro­ma­ti­sier­ten Getränk Anti­hist­ami­nika. Erstaun­li­cher­weise sorgte das Getränk nicht nur dafür, dass sich die Pro­ban­den bes­ser fühl­ten, wenn die Anti­hist­ami­nika weg­ge­las­sen wur­den. Es redu­zierte auch die Akti­vi­tät der all­er­gie­aus­lö­sen­den Immun­zel­len, der Bas­o­phi­len.

Den Pla­cebo-Effekt ver­ste­hen wir noch nicht voll­stän­dig, aber wir kön­nen ihn nicht igno­rie­ren. Bei jeder medi­zi­ni­schen Behand­lung spielt die Psy­cho­lo­gie eine Rolle und Medi­zi­ner nut­zen die­ses Wis­sen bereits, um uns bei der Gene­sung zu unter­stüt­zen.

Es gibt zwei Arten von Pla­ce­bos:

  • Reine Pla­ce­bos, wie etwa Zucker­pil­len oder Koch­sal­zin­jek­tio­nen, haben keine che­mi­sche Wir­kung auf den Kör­per.
  • Unreine Pla­ce­bos sind Behand­lun­gen, die zwar che­misch wir­ken, aber nicht gegen die Krank­heit, gegen die sie ein­ge­setzt wer­den. Anti­bio­tika behan­deln bei­spiels­weise bak­te­ri­elle Infek­tio­nen, wer­den aber häu­fig bei Grippe ver­schrie­ben, obwohl diese durch Viren ver­ur­sacht wird.

Neuere Daten zei­gen, dass nur wenige Ärzte reine Pla­ce­bos ver­wen­den. Drei Vier­tel von ihnen ver­schrei­ben ihren Pati­en­ten jedoch min­des­tens ein­mal pro Woche nicht reine Pla­ce­bos. Hierzu zäh­len bei­spiels­weise Nah­rungs­er­gän­zungs­mit­tel, Pro­bio­tika, Anti­bio­tika und alter­na­tive Arz­nei­mit­tel. Eine andere Mög­lich­keit ist, Pati­en­ten zu Unter­su­chun­gen zu über­re­den, die nicht unbe­dingt not­wen­dig sind. Am ein­fachs­ten ist es, die Kraft der posi­ti­ven Sug­ges­tion zu nut­zen. Ob dies ethisch ver­tret­bar ist, ist umstrit­ten. Ähn­li­che Stu­dien in ande­ren Län­dern haben jedoch gezeigt, dass der Ein­satz von Pla­ce­bos weit ver­brei­tet ist. Je bes­ser wir ver­ste­hen, wie Pla­ce­bos wir­ken, desto bes­ser kön­nen wir ihre Kraft nut­zen.

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