Die poli­ti­sche Funk­tion von Fake News

Heut­zu­tage wer­den Tat­sa­chen zuerst ange­pran­gert. Es ist durch­aus wahr­schein­lich, dass wir durch eine Kurz­nach­richt von der jüngs­ten Schie­ße­rei an einer Schule erfah­ren, in der ein rech­ter Troll die jun­gen Opfer als Kri­mi­nelle bezeich­net, die an einer Ope­ra­tion unter fal­scher Flagge teil­neh­men. Allein die Tat­sa­che, dass man seine Empö­rung und Frus­tra­tion über die­je­ni­gen zum Aus­druck bringt, die sich an solch gefühl­lo­ser Grau­sam­keit betei­li­gen, ver­stärkt die Bot­schaft nur. Jeder knall­har­ten, gründ­lich recher­chier­ten Repor­tage steht eine kluge Skep­sis gegen­über, die sie als poli­ti­sche Fäl­schung aus gefälsch­ten Fotos und erfun­de­nen Fak­ten dar­stellt. Um die Sache noch schlim­mer zu machen, wird jede Geschichte durch eine Gegen­er­zäh­lung ver­stärkt, die genau das tut, was sie dem inves­ti­ga­ti­ven Bericht vor­wirft.

Das Ergeb­nis ist ein ver­stärk­tes Online-Rau­schen, das den kom­mer­zi­el­len Inter­es­sen unse­rer Social-Media-Platt­for­men, jedoch nicht den Infor­ma­ti­ons­be­dürf­nis­sen einer demo­kra­ti­schen Gesell­schaft dient. Im Fall der nach den Schüs­sen an der Mar­jory Stone­man Dou­glas High School in Park­land, Flo­rida, auf­ge­kom­me­nen Ver­schwö­rungs­theo­rien haben Unter­su­chun­gen gezeigt, dass die­je­ni­gen, die sich über die Theo­rien empör­ten, zu ihrer Ver­brei­tung bei­tru­gen – in eini­gen Fäl­len sogar mehr als die­je­ni­gen, die die Geschich­ten unter­stütz­ten. Diese Empö­rung wurde durch Algo­rith­men ver­stärkt, die fre­ne­ti­sche Reak­tio­nen auf Ver­schwö­rungs­theo­rien in den sozia­len Medien fälsch­li­cher­weise als Zei­chen des Nut­zer­en­ga­ge­ments inter­pre­tier­ten. Dies führte zu einer wei­te­ren auto­ma­ti­schen Ver­stär­kung der ursprüng­li­chen Bei­träge. Die Algo­rith­men unter­schei­den nicht zwi­schen fre­ne­ti­scher Unter­stüt­zung und empör­ter Kom­mu­ni­ka­tion. Nur das Enga­ge­ment zählt, und das ist es, was die Platt­form bevor­zugt.

Wenn, wie der Phi­lo­soph Jac­ques Ellul in den 1960er Jah­ren schrieb, „jedes Medium für eine bestimmte Art von Pro­pa­ganda beson­ders geeig­net ist”, dann eig­net sich die Platt­form­öko­no­mie für eine zutiefst beun­ru­hi­gende Art von Pro­pa­ganda. Obwohl der Begriff der Pro­pa­ganda im Zuge der aus­ge­feil­ten Nach­kriegs­kri­tik an „Wahr­heit” und „Objek­ti­vi­tät” in all ihrer angst­be­setz­ten Pracht in Ungnade gefal­len ist, taucht er in Kriegs­zei­ten wie­der auf – und die USA sowie ganz Europa befin­den sich der­zeit in einer Kriegs­si­tua­tion.

Wenn wir die Zunahme von Fake News also als eine neue Form der Pro­pa­ganda beschrei­ben, heben wir die poli­ti­sche Funk­tion eines Phä­no­mens her­vor, das typi­scher­weise als Ergeb­nis wirt­schaft­li­cher Zwänge der Platt­form­öko­no­mie (die das Enga­ge­ment über den Inhalt stellt) sowie tech­no­lo­gi­scher Errun­gen­schaf­ten (die eine „Demo­kra­ti­sie­rung“ des Zugangs, der Ver­öf­fent­li­chung und der Ver­brei­tung im Inter­net ermög­li­chen) gese­hen wird.

Selbst wenn man das Auf­kom­men von Fake News als eigen­stän­dige Ent­wick­lung betrach­tet, muss man sich kurz mit den­je­ni­gen aus­ein­an­der­set­zen, die uns mit ihrer Ver­sion der His­to­ri­sie­rung daran erin­nern wol­len, dass es Fake News schon immer gege­ben hat. Das ist kor­rekt, und es gibt zahl­rei­che his­to­ri­sche Bezugs­punkte, etwa den Bou­le­vard­jour­na­lis­mus oder die Pam­phlet­kul­tur im Groß­bri­tan­nien des 16. und 17. Jahr­hun­derts. Inso­fern sind Fake News so alt wie die Medien, wenn nicht sogar älter als die Spra­che.

Doch Gesell­schaft und Tech­no­lo­gie ent­wi­ckeln sich wei­ter, sodass Fake News in neuen Kon­tex­ten neue For­men anneh­men, die spe­zi­fi­sche Kon­se­quen­zen für den jewei­li­gen his­to­ri­schen Moment haben. Die Behaup­tung, es gebe nichts Neues, ist ebenso wenig geschicht­lich wie die Vor­stel­lung, jede Ent­wick­lung sei ohne his­to­ri­schen Prä­ze­denz­fall.

Ich werde nun einige zeit­ge­nös­si­sche Merk­male und Ver­wen­dun­gen von Fake News als Form der Pro­pa­ganda unter­su­chen. Es wird argu­men­tiert, dass Fake News einer signi­fi­kan­ten Ver­schie­bung von Mas­sen­me­dien hin zu auto­ma­ti­sier­ten Medien ent­spre­chen. Sie funk­tio­nie­ren auf eine ver­teilte, „des­or­ga­ni­sierte“ Weise und stel­len einen umfas­sen­de­ren Angriff auf For­men der Sozia­li­tät und der ima­gi­nier­ten Gemein­schaft dar. Dadurch wird das, was man als „bür­ger­li­ches Kapi­tal“ bezeich­nen könnte, unter­gra­ben, näm­lich die Fähig­keit, sich sinn­voll an poli­ti­schen Ent­schei­dun­gen zu betei­li­gen.

Diese Ana­lyse kommt zu dem Schluss, dass die Her­aus­for­de­run­gen, die Fake News für demo­kra­ti­sche Gesell­schaf­ten dar­stel­len, nicht durch tech­no­lo­gi­sche oder regu­la­to­ri­sche Refor­men bewäl­tigt wer­den kön­nen. Erfor­der­lich sind Stra­te­gien zum Auf­bau ange­mes­se­ner For­men von Bür­ger­ka­pi­tal. Ein sol­cher Pro­zess würde poli­ti­schen Wil­len vor­aus­set­zen, der wie­derum nur durch einen gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lungs­pro­zess ent­ste­hen kann, der den Logi­ken ent­ge­gen­wirkt, die zeit­ge­nös­si­sche Kon­zepte des Sozia­len und des Poli­ti­schen aus­ge­höhlt haben. Diese Ent­wick­lun­gen infrage zu stel­len, ist eine beun­ru­hi­gende For­de­rung.

Fake News und sym­bo­li­sche Wirk­sam­keit

Fake News, also nach­weis­lich fal­sche Infor­ma­tio­nen, die im Dienste einer poli­ti­schen oder wirt­schaft­li­chen Agenda als wahr ver­öf­fent­licht und ver­brei­tet wer­den, ähneln teil­weise den in der Pro­pa­gan­da­for­schung des 20. Jahr­hun­derts beschrie­be­nen For­men der Top-Down-Pro­pa­ganda. Der Ver­such, eine Agenda vor­an­zu­trei­ben, die auf irre­füh­ren­den Prä­mis­sen beruht, deu­tet dar­auf hin, dass die Ziele ruch­los oder anstö­ßig genug sind, um ver­schlei­ert zu wer­den – andern­falls würde man sich der Wahr­heit bedie­nen. Die hier vor­ge­schla­gene Defi­ni­tion umfasst nicht das, was man als posi­tive Pro­pa­ganda bezeich­nen könnte. Dazu zäh­len Nach­rich­ten, die fal­sche Infor­ma­tio­nen zu einem als fort­schritt­lich ange­se­he­nen Zweck ver­wen­den. In jüngs­ter Zeit gab es viele Ver­su­che, eine spe­zi­fi­schere Defi­ni­tion von Fake News zu fin­den. Diese ver­su­chen jedoch in der Regel, den Rezep­ti­ons­kon­text aus­zu­blen­den.

Was Fake News zu dem Phä­no­men macht, zu dem sie gewor­den sind, ist ihre Abhän­gig­keit von dem, was als Ver­lust der sym­bo­li­schen Wirk­sam­keit und damit als Unfälsch­bar­keit beschrie­ben wird. Damit sind die Mecha­nis­men gemeint, die es ermög­li­chen, sym­bo­li­schen Dar­stel­lun­gen von Ereig­nis­sen zu glau­ben, die man nicht selbst erlebt hat.

Dass Barack Obama auf Hawaii gebo­ren wurde, der Holo­caust statt­ge­fun­den hat oder die Erde rund ist, sind Bei­spiele für Wahr­hei­ten, die auf sozia­len Mecha­nis­men des Ver­trau­ens und der Veri­fi­ka­tion beru­hen. Die Auf­he­bung die­ser Mecha­nis­men führt zu einer schwin­del­erre­gen­den Schein­frei­heit: Die Wahr­heit von allem, was man nicht selbst gese­hen hat, steht zur Dis­po­si­tion – ebenso wie die Wahr­heit von dem, was man gese­hen hat, da man sie ande­ren nicht mit­tei­len kann.

Fake News zeich­nen sich dadurch aus, dass sie nicht wider­leg­bar sind – nicht ein­mal prin­zi­pi­ell.

Das scheint sie mit der Wahr­heit zu ver­bin­den, wobei der Unter­schied in der Sub­jek­ti­vi­tät liegt. Wahre Nach­rich­ten sind poten­zi­ell fal­si­fi­zier­bar, sofern sie als sol­che wahr­ge­nom­men wer­den. Fal­sche Nach­rich­ten hin­ge­gen sind für die­je­ni­gen, die sie als sol­che wahr­neh­men, prin­zi­pi­ell unan­tast­bar. Das bedeu­tet, dass ihnen his­to­ri­sche Über­prü­fungs­me­cha­nis­men nicht nur prak­tisch, son­dern auch prin­zi­pi­ell nichts anha­ben kön­nen. Der Vor­fall im Golf von Ton­kin war eine Falsch­mel­dung, als er in Umlauf gebracht wurde. Für die­je­ni­gen jedoch, die ihn als „Fake News“ betrach­ten, wird er immer wahr blei­ben, und jeg­li­che Ver­su­che, ihn zu dis­kre­di­tie­ren, sind Teil einer dubio­sen Ver­schwö­rung.

Durch ihre Ver­brei­tung und Rezep­tion repro­du­zie­ren Fake News ihre eige­nen Mög­lich­keits­be­din­gun­gen.

Das Prin­zip von Fake News besteht nicht ein­fach darin, dass einige Nach­rich­ten falsch und andere wahr sind. Viel­mehr haben sich die Gründe für diese Unter­schei­dung von sozia­len Mecha­nis­men hin zu indi­vi­du­el­len Vor­lie­ben und Vor­ur­tei­len ver­scho­ben.

Die Pro­pa­ganda der Fake News unter­schei­det sich von ihrer Vor­ge­schichte im 20. Jahr­hun­dert unter ande­rem durch ihr Ver­hält­nis zum Kon­zept der domi­nan­ten Erzäh­lung. Die Pro­pa­ganda der Mas­sen­me­dien basierte auf der Logik der Medi­en­knapp­heit und damit auf dem Prin­zip der Nach­rich­ten­or­ga­ni­sa­tion. Der Pio­nier der Public Rela­ti­ons, Edward Ber­nays, brachte es in sei­nem 1928 erschie­ne­nen Buch „Pro­pa­ganda” auf den Punkt: „Die Instru­mente, mit denen die öffent­li­che Mei­nung orga­ni­siert und fokus­siert wird, kön­nen miss­braucht wer­den. Aber eine sol­che Orga­ni­sa­tion und Fokus­sie­rung ist not­wen­dig für ein geord­ne­tes Leben.“ Ähn­lich sieht es Ellul: „Es bedarf einer Orga­ni­sa­tion, die die Mas­sen­me­dien kon­trol­liert und in der Lage ist, sie rich­tig ein­zu­set­zen und die Wir­kung der einen oder ande­ren Parole zu berech­nen.“

Diese Pro­pa­gan­da­mo­delle basie­ren auf der wis­sen­schaft­li­chen Kon­trolle der öffent­li­chen Mei­nung durch zen­tra­li­sierte Mas­sen­me­dien. Sie gehen davon aus, dass es mög­lich ist, eine Medi­en­er­zäh­lung durch Kon­trolle der Bot­schaft zu domi­nie­ren. Diese Annahme spie­gelt die Zugangs­bar­rie­ren zu den Mas­sen­me­dien wider, die für die dama­lige Zeit cha­rak­te­ris­tisch waren. In die­sem Zusam­men­hang bedeu­tet es, die Pro­pa­ganda her­aus­zu­for­dern, der Macht die Wahr­heit zu sagen, also das von insti­tu­tio­nel­len Mäch­ten orga­ni­sierte domi­nante Nar­ra­tiv infrage zu stel­len und zu unter­gra­ben.

Das Auf­kom­men des Inter­nets und der Über­gang zu auto­ma­ti­sier­ten Medien stel­len Macht­ha­ber jedoch vor neue Her­aus­for­de­run­gen und machen neue Pro­pa­gan­da­stra­te­gien erfor­der­lich. In einem Umfeld der Infor­ma­ti­ons­über­flu­tung ist es schwie­ri­ger gewor­den, ein domi­nan­tes Nar­ra­tiv auf­recht­zu­er­hal­ten, da die Ein­tritts­bar­rie­ren für die Medi­en­pro­duk­tion und ‑ver­brei­tung gesun­ken sind. Es reicht nicht mehr aus, die in den Abend­nach­rich­ten oder der Mor­gen­zei­tung erschei­nen­den Erzäh­lun­gen auf­zu­grei­fen und zu gestal­ten. Diese kön­nen durch eine Flut von Online-Infor­ma­tio­nen kon­ter­ka­riert und teil­weise in den Schat­ten gestellt wer­den.

Eine Ant­wort besteht darin, das von Ellul beschrie­bene Prin­zip der Orga­ni­sa­tion durch das der Des­or­ga­ni­sa­tion der Infor­ma­tion zu erset­zen. Das Ziel ist nicht mehr, ein domi­nan­tes Nar­ra­tiv auf­recht­zu­er­hal­ten, son­dern zu ver­hin­dern, dass sich ein nach­hal­ti­ges Gegen-Nar­ra­tiv eta­bliert. Wenn die Regie­rung von Prä­si­dent Donald Trump offen­sicht­lich fal­sche Geschich­ten wie­der­holt – etwa über die Größe der Men­schen­menge bei der Amts­ein­füh­rung –, dann geht es nicht darum, ein Nar­ra­tiv durch ein ande­res zu erset­zen, son­dern darum, Zwei­fel zu säen, die alle Nar­ra­tive in ein schlech­tes Licht rücken.

Das Ziel besteht nicht darin, ein kla­res, domi­nan­tes Nar­ra­tiv zu lie­fern, son­dern Miss­trauen gegen­über den Medien zu schü­ren. Die Pro­pa­ganda unter­hält, ver­wirrt und über­wäl­tigt das Publi­kum. Sol­che Stra­te­gien ste­hen im direk­ten Wider­spruch zu kon­ven­tio­nel­len Weis­hei­ten über wirk­same Beein­flus­sung und Kom­mu­ni­ka­tion. Sie legen nahe, dass die Ver­bin­dung von poli­ti­schen Zie­len und Medi­en­werk­zeu­gen die Funk­ti­ons­weise von Pro­pa­ganda neu defi­niert. Diese Metho­den basie­ren nicht nur auf ein­fa­chem Zugang und schnel­ler Ver­brei­tung, son­dern auch auf der Logik moder­ner kom­mer­zi­el­ler Platt­for­men.

Wie in der Online-Wirt­schaft wird auch bei unor­ga­ni­sier­ter Pro­pa­ganda ein gro­ßer Teil der Arbeit zur Inhalts­pro­duk­tion an die Bevöl­ke­rung abge­ge­ben. Dar­über hin­aus ver­lässt sie sich auf indi­vi­du­elle sowie auto­ma­ti­sierte Ver­brei­tungs­kreis­läufe. Es hat sich wie­der­holt gezeigt, dass diese Sys­teme – sowohl mensch­li­che als auch auto­ma­ti­sierte – dazu nei­gen, die pola­ri­sie­rends­ten und extrems­ten For­men von Online-Inhal­ten zu bevor­zu­gen. In der digi­ta­len Infor­ma­ti­ons­welt kann jede Dar­stel­lung unter­gra­ben und ange­foch­ten wer­den. Jede Dar­stel­lung kann dekon­stru­iert, jeder Beweis gefälscht und jede Theo­rie in eine Ver­schwö­rung ver­wan­delt wer­den – und umge­kehrt.

Wenn selbst extremste Ansich­ten durch eine Viel­zahl von Medi­en­quel­len und Res­sour­cen gestützt wer­den kön­nen (sowie durch einen Kern von Gleich­ge­sinn­ten, die frü­her nur schwer zu fin­den waren), ist es leich­ter, das Gefühl zu haben, nicht nur das Recht, son­dern auch die Pflicht zu haben, sich die Fak­ten selbst aus­zu­wäh­len. Wäh­rend in einer „Echo­kam­mer“ die eige­nen Vor­ur­teile durch stän­dige Wie­der­ho­lung bestä­tigt wer­den, ist man in einem Umfeld des media­len Über­flus­ses einem Meer von Erzäh­lun­gen und Gegen­er­zäh­lun­gen aus­ge­setzt. Hier kann man sich nur noch auf die bereits vor­han­de­nen Vor­ur­teile stüt­zen.

Abriss der zivi­len Ver­fü­gun­gen

Obwohl Elluls For­mu­lie­rung zur Bezie­hung zwi­schen einem bestimm­ten Medium und sei­ner cha­rak­te­ris­ti­schen Form der Pro­pa­ganda über­zeu­gend ist, kön­nen tech­no­lo­gi­sche Ver­än­de­run­gen allein den Über­gang von orga­ni­sier­ter zu unor­ga­ni­sier­ter Pro­pa­ganda nicht erklä­ren. Ein grö­ße­rer Scha­den für das soziale Gefüge spielt eine ent­schei­dende Rolle für den Nie­der­gang der sym­bo­li­schen Effi­zi­enz und der damit ver­bun­de­nen klu­gen Skep­sis.

Was den des­or­ga­ni­sier­ten Kapi­ta­lis­mus antreibt, ist nicht unbe­wusste Leicht­gläu­big­keit – also die Bereit­schaft, die Lügen der Macht zu glau­ben –, son­dern eine hyper­tro­phierte und ver­all­ge­mei­nerte Kri­tik der Reprä­sen­ta­tion. Bruno Latour beklagt bei­spiels­weise das Schick­sal einer unre­flek­tier­ten kri­ti­schen Hal­tung, die nicht mehr erkennt, dass die Macht ihre Koor­di­na­ten so ver­scho­ben hat, dass die Ent­lar­vung akzep­tier­ter Wahr­hei­ten ebenso regres­siv sein kann wie ihre unhin­ter­fragte Akzep­tanz. Er beschreibt, wie seine Kri­tik am „Abschluss“ wis­sen­schaft­li­cher Unter­su­chun­gen von Leug­nern des Kli­ma­wan­dels auf­ge­grif­fen wer­den kann, um zu behaup­ten, die Wis­sen­schaft habe über die glo­bale Erwär­mung noch nicht abge­schlos­sen.

Der rasche Wech­sel von Infor­ma­ti­ons­knapp­heit zu Infor­ma­ti­ons­über­fluss erleich­tert eine ver­all­ge­mei­nerte Kri­tik zusätz­lich. Es ist offen­sicht­lich, dass die media­len Dar­stel­lun­gen, die wir erhal­ten, immer nur einen Teil des Bil­des zei­gen. Zudem ist es viel schwie­ri­ger, den Din­gen auf den Grund zu gehen, als wir es uns vor­ge­stellt haben – nicht zuletzt, weil der Grund unend­lich weit vor uns liegt.

Zwar sind theo­re­ti­sche und tech­no­lo­gi­sche Ver­än­de­run­gen wich­tige Teile des Fake-News-Puz­zles, sie müs­sen jedoch durch einen Blick auf die sozio­öko­no­mi­schen Ver­än­de­run­gen ergänzt wer­den, die als staats­ori­en­tier­ter Neo­li­be­ra­lis­mus bezeich­net wer­den. Die­ses poli­ti­sche und soziale Sys­tem basiert auf der Unter­drü­ckung sozia­ler Bin­dun­gen, Abhän­gig­kei­ten und Ver­trau­ens­be­zie­hun­gen, die bür­ger­li­ches Ver­hal­ten för­dern und sym­bo­li­sche Effi­zi­enz ermög­li­chen.

Richard Pratte for­mu­liert es wie folgt: „Bür­ger­schaft­li­che Tugend ist keine Frage des blo­ßen Ver­hal­tens. Es geht viel­mehr darum, eine bür­ger­li­che Gesin­nung zu ent­wi­ckeln und die Bereit­schaft zu zei­gen, im Namen des Gemein­wohls zu han­deln, wobei die Gefühle, Bedürf­nisse und Ein­stel­lun­gen ande­rer zu berück­sich­ti­gen sind.“ Da uns unsere Platt­for­men in solip­sis­ti­sche Medi­en­ko­kons ein­la­den, in denen wir nach Belie­ben und zu unse­ren eige­nen Bedin­gun­gen mit ande­ren kom­mu­ni­zie­ren, ver­stär­ken die sozia­len Struk­tu­ren selbst eine Ver­sion des iso­lier­ten Indi­vi­dua­lis­mus.

Dies geschieht nicht nur durch die För­de­rung eines liber­tä­ren Frei­heits­be­griffs und den Abbau des Wohl­fahrts­staa­tes, son­dern auch durch die Beschrän­kung legi­ti­mer poli­ti­scher For­de­run­gen auf sol­che, die von und für Fami­lien und Ein­zel­per­so­nen, jedoch nicht für gesell­schaft­li­che Grup­pen, die durch soziale Pro­zesse ent­stan­den sind, erho­ben wer­den. Die sys­te­ma­ti­sche Nicht­an­er­ken­nung der Ansprü­che ande­rer ist zu einem bestim­men­den Merk­mal der Regie­rungs­po­li­tik gewor­den – von der Inhaf­tie­rung von Kin­dern von Immi­gran­ten bis zur Zer­stö­rung von Umwelt­schutz­pro­gram­men und der staat­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung.

In unse­rem poli­ti­schen, sozia­len, tech­no­lo­gi­schen und kul­tu­rel­len Umfeld zeigt sich ein gemein­sa­mes Mus­ter: Kol­lek­tive Güter wie Imp­fun­gen und die öffent­li­che Gesund­heits­ver­sor­gung wer­den atta­ckiert, wäh­rend wir uns in unse­ren Kon­sum- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­prak­ti­ken immer mehr iso­lie­ren. Der Abbau gemein­sa­mer Medi­en­er­fah­run­gen betrifft nicht nur Nach­rich­ten, son­dern auch Unter­hal­tung: Stu­die­rende sehen sich Net­flix-Sen­dun­gen allein an, mit Kopf­hö­rern, nur wenige Meter von­ein­an­der ent­fernt. Handy-Betriebs­sys­teme ent­wi­ckeln auto­ma­ti­sche Text­nach­rich­ten, die unsere Inter­ak­tion mit ande­ren erset­zen.

Selbst die grund­le­gends­ten For­men des Kon­sums wer­den ent­so­zia­li­siert, wenn wir online bestel­len und die Pakete an der Haus­tür abho­len, ohne dabei mit ande­ren Men­schen zu inter­agie­ren. Tech­no­lo­gie­un­ter­neh­men ent­wi­ckeln Maschi­nen, die Kin­der betreuen, sowie Apps, die Kin­der unter­rich­ten. Die­ser Logik fol­gend zer­stört der wirt­schaft­li­che Erfolg der Tech­no­lo­gie­in­dus­trie die Gemein­schaf­ten, in denen die Unter­neh­men ange­sie­delt sind. Meta (der Mut­ter­kon­zern von Face­book, Insta­gram und Whats­App) greift den Bür­ger­sinn sowohl online als auch off­line an. Wenn das Unter­neh­men im nächs­ten Jahr seine Meta­verse-Offen­sive star­tet, wird der Ein­zelne immer wei­ter iso­liert.

Von den all­täg­li­chen Lebens­rhyth­men bis hin zu den über­grei­fen­den Rah­men­be­din­gun­gen, die unsere Lebens­chan­cen bestim­men, ist die Ver­drän­gung der zugrunde lie­gen­den sozia­len Bin­dun­gen an der Tages­ord­nung. Das irre­du­zi­ble Ele­ment der Sozia­li­tät, das die Vor­stel­lung des auto­no­men Sub­jekts über­haupt erst ermög­licht, wird auf soziale Platt­for­men ver­la­gert und in Form von Han­dels­be­zie­hun­gen miss­ver­stan­den. Dadurch wird es leich­ter, sich vor­zu­stel­len, dass unsere Gedan­ken und Über­zeu­gun­gen allein aus uns selbst kom­men und unsere Vor­lie­ben und Vor­stel­lun­gen allein bestim­men.

Die Rolle von Gemein­schaft, Sozia­li­tät und Kol­lek­ti­vi­tät wird sys­te­ma­tisch unter­drückt. Dadurch wer­den For­men der sozia­len Frag­men­tie­rung begüns­tigt, die unor­ga­ni­sierte Pro­pa­ganda ermög­li­chen. Solange diese Unter­drü­ckung nicht ange­gan­gen und bekämpft wird, wird kein Pro­gramm zur Regu­lie­rung oder tech­no­lo­gi­schen Ver­bes­se­rung viel gegen die Zunahme von Fake News aus­rich­ten kön­nen.

Ist es Pro­pa­ganda?

Es erscheint para­dox, Fake News als eine Form der Pro­pa­ganda zu bezeich­nen, da der Begriff im All­ge­mei­nen einen Glau­ben sei­tens derer vor­aus­setzt, die ihnen aus­ge­setzt sind. Tat­säch­lich ist eines der Kri­te­rien, die Ellul zur Bewer­tung der Wirk­sam­keit von Pro­pa­ganda her­an­zieht, das Aus­maß, in dem ihr geglaubt wird. Laut Ber­nays wird die öffent­li­che Mei­nung von den Anfüh­rern der Grup­pen, an die sie glaubt, sowie von den­je­ni­gen, die wis­sen, wie man die öffent­li­che Mei­nung mani­pu­liert, geprägt.

In unse­rem Bericht über Fake News als Pro­pa­ganda ver­wen­den wir den rus­si­schen Prä­si­den­ten Wla­di­mir Putin als Bei­spiel für eine inkon­stante und sich stän­dig ver­än­dernde Quelle von Fake News. Auch Donald Trump könnte auf­grund sei­ner Fähig­keit, Unwahr­hei­ten zu ver­brei­ten, als Bei­spiel die­nen. In unse­rem Bericht argu­men­tie­ren wir, dass das Ver­trauen in inkon­sis­tente, wider­sprüch­li­che und sich ver­än­dernde Nach­rich­ten­quel­len und Geschich­ten der kon­ven­tio­nel­len Auf­fas­sung von Ein­fluss und Über­zeu­gung zuwi­der­läuft. Wie kön­nen Quel­len, die inkon­sis­tent sind, glaub­wür­dig sein? Wie kön­nen sie ein­fluss­reich sein, wenn sie nicht glaub­wür­dig sind?

Die Behaup­tung, dass Fake News als Pro­pa­ganda fun­gie­ren, bedeu­tet jedoch nicht, dass ihnen zwangs­läu­fig geglaubt wird. Viel­mehr geht es darum, wie sie dazu bei­tra­gen, Macht­ver­hält­nisse auf­recht­zu­er­hal­ten und zu fes­ti­gen.

Das Ziel von Fake-News-Kam­pa­gnen besteht darin, die Rolle von Nach­rich­ten und Infor­ma­tio­nen bei der Infra­ge­stel­lung indi­vi­du­el­ler Über­zeu­gun­gen oder bestehen­der Macht­ver­hält­nisse aus­zu­schal­ten, um den Macht­ha­bern die unge­störte Ver­fol­gung ihrer Ziele zu ermög­li­chen. Als Pro­pa­ganda die­nen Fake News einem grund­sätz­lich kon­ser­va­ti­ven Zweck. Das erklärt, warum rechts­extreme Inhalte wei­ter ver­brei­tet sind und sich ren­tie­ren. Sie set­zen sich nicht für eine Ver­än­de­rung der bestehen­den Macht­ver­hält­nisse ein, son­dern ver­su­chen, Ver­än­de­run­gen zu ver­hin­dern. Inso­fern ist die Pro­pa­gan­da­funk­tion von Fake News los­ge­löst vom Inhalt: Das Ziel besteht darin, die Ent­ste­hung einer kohä­ren­ten Herr­schafts­kri­tik à la Pen­ta­gon Papers oder Water­gate zu ver­hin­dern.

Damit Fake News funk­tio­nie­ren, müs­sen sie nicht geglaubt wer­den.

Viel­mehr müs­sen sie die Ver­brei­tung des Unglau­bens in Form einer ver­all­ge­mei­ner­ten Weis­heit för­dern, die jeg­li­chen Glau­ben – zumin­dest im poli­ti­schen Bereich – als Ange­le­gen­heit der Betro­ge­nen dar­stellt. Die Mobi­li­sie­rung von Fake News als Waffe, die den Glau­ben tötet und Über­zeu­gun­gen in den Bereich bestehen­der Vor­ur­teile ver­bannt, erklärt die Posi­tion der poli­ti­schen Rech­ten in der Trump-Ära: die des „Trolls“, der Iro­nie als Waffe ein­setzt. Selbst die laut­stärks­ten Mit­glie­der der extre­men Rech­ten ver­tre­ten die Ansicht, dass alles insze­niert sein könnte, um die „nor­ma­len Leute“ zu „trol­len“.

Spra­che ist zu einer rein ope­ra­ti­ven Ange­le­gen­heit gewor­den. Es kommt nicht dar­auf an, was sie sagt, son­dern was sie bewir­ken kann. Auf Fake News mit noch mehr Fake News zu ant­wor­ten, ist eine Geste der Kapi­tu­la­tion. Ange­sichts die­ser weit ver­brei­te­ten Demo­bi­li­sie­rungs­stra­te­gie müs­sen die Bedin­gun­gen für die Aner­ken­nung gemein­sa­mer Inter­es­sen und des Gemein­wohls wie­der­her­ge­stellt wer­den. Dies kann nicht auf Face­book gesche­hen, son­dern erfor­dert die Ent­wick­lung von For­men der Gemein­schaft und der gegen­sei­ti­gen Aner­ken­nung. Diese wer­den jedoch sys­te­ma­tisch von unse­rer kom­mer­zi­el­len Online-Wirt­schaft und der neo­li­be­ra­len Logik, in die sie ein­ge­bet­tet ist, unter­gra­ben.

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