Hilft Zwei­spra­chig­keit dem Gedächt­nis?

Etwa die Hälfte der Welt­be­völ­ke­rung spricht zwei oder mehr Spra­chen flie­ßend. Zwei­spra­chig­keit kann sich auf die kogni­ti­ven Fähig­kei­ten auf zwei ver­schie­dene Arten aus­wir­ken. Einer­seits kann das Erler­nen einer zwei­ten Spra­che die Kapa­zi­tät in ande­ren Berei­chen ver­rin­gern, wenn bestimmte kogni­tive Aspekte, wie bei­spiels­weise das Gedächt­nis, nur begrenzt ver­füg­bar sind. Ande­rer­seits kann Zwei­spra­chig­keit wert­volle men­tale Fähig­kei­ten för­dern und stär­ken, die wie­derum andere Berei­che der Kogni­tion posi­tiv beein­flus­sen kön­nen.

Das Zweite ist rich­tig. Das flie­ßende Beherr­schen zweier Spra­chen kann ver­schie­dene Aspekte der kogni­ti­ven Fähig­kei­ten, dar­un­ter auch das Gedächt­nis, ver­bes­sern.

Ein Schwer­punkt liegt auf dem Arbeits­ge­dächt­nis. Bei Men­schen, die zwei Spra­chen spre­chen, ist eine leichte Stei­ge­rung der Kapa­zi­tät fest­zu­stel­len. Die­ser Vor­teil zeigt sich sowohl bei Erwach­se­nen als auch bei Kin­dern. Eine beliebte Erklä­rung dafür ist, dass Zwei­spra­chig­keit ein stän­di­ges men­ta­les Jon­glie­ren zwi­schen den bei­den kon­kur­rie­ren­den Spra­chen erfor­dert. Die­ser Wett­be­werb ent­steht, weil ein Wort in einer Spra­che das ent­spre­chende Wort in der ande­ren Spra­che akti­vie­ren kann. So würde der Aus­druck „Guten Mor­gen” bei­spiels­weise das eng­li­sche „Good mor­ning” akti­vie­ren. Diese Dop­pe­lung macht es nötig, den Wett­be­werb zwi­schen den bei­den Spra­chen zu kon­trol­lie­ren. Diese stän­dige Anfor­de­rung stärkt unsere kogni­ti­ven Kon­troll­pro­zesse. Die­sel­ben Kon­troll­pro­zesse sind ent­schei­dend für die effek­tive Nut­zung der zen­tra­len Exe­ku­tive inner­halb des Arbeits­ge­dächt­nis­ses.

Und wie sieht es mit dem epi­so­dischen Gedächt­nis aus? Zahl­rei­che Stu­dien zei­gen, dass Zwei­spra­chig­keit das epi­so­dische Gedächt­nis von Kin­dern und Erwach­se­nen ver­bes­sern kann. Diese Ver­bes­se­rung zeigt sich bei Per­so­nen, die meh­rere Sprach­paare flie­ßend spre­chen. Sie ist also nicht auf bestimmte Sprach­kom­bi­na­tio­nen beschränkt. Die Vor­teile für das epi­so­dische Gedächt­nis könn­ten auf eine ver­bes­serte kogni­tive Kon­trolle zurück­zu­füh­ren sein.

Es gibt jedoch wahr­schein­lich auch andere Gründe. Zwei­spra­chig­keit erhöht ver­mut­lich die Tiefe der Kodie­rung und hilft dabei, meh­rere Reprä­sen­ta­tio­nen zu erstel­len. Beide Vor­gänge wür­den die spä­tere Spei­che­rung und den Abruf erleich­tern. Diese Erklä­rung wird dadurch gestützt, dass sich das epi­so­dische Gedächt­nis wei­ter ver­bes­sert, wenn die Gedächt­nis­auf­gabe den expli­zi­ten Wech­sel zwi­schen Spra­chen beinhal­tet, wie es bei­spiels­weise beim Über­set­zen von Tex­ten der Fall ist. Dies ist zu erwar­ten, da das Über­set­zen mehr geis­tige Anstren­gung erfor­dert und somit zu einer tie­fe­ren Ver­ar­bei­tung führt.

Wenn es schon vor­teil­haft ist, zwei Spra­chen zu beherr­schen, was pas­siert dann, wenn man noch mehr Spra­chen spricht? Aktu­elle Stu­dien zei­gen, dass Men­schen, die drei oder mehr Spra­chen spre­chen, ein bes­se­res epi­so­di­sches Gedächt­nis haben als Men­schen, die nur zwei Spra­chen spre­chen. Ein mög­li­cher Grund dafür ist, dass die Beherr­schung meh­re­rer Spra­chen die kogni­tive Kon­trolle wei­ter ver­bes­sert, wodurch wie­derum das epi­so­dische Gedächt­nis pro­fi­tiert. In der­sel­ben Stu­die schnit­ten mehr­spra­chige Men­schen mitt­le­ren Alters bei der Mini-Men­tal-Sta­tus-Unter­su­chung (MMSE) bes­ser ab als Zwei­spra­chige. Dies ist eine rele­vante Erkennt­nis, da die MMSE häu­fig zur Unter­su­chung von Anzei­chen für Demenz ein­ge­setzt wird.

Für die Hälfte der Welt­be­völ­ke­rung gibt es eine gute Nach­richt: Zwei­spra­chig­keit schützt vor ver­schie­de­nen Demenz­er­kran­kun­gen, dar­un­ter Alz­hei­mer. Schät­zun­gen zufolge erkran­ken Men­schen, die ihr gan­zes Leben lang flie­ßend zwei Spra­chen spre­chen, im Durch­schnitt etwa vier Jahre spä­ter an Demenz.

Die wahr­schein­lichste Erklä­rung ist, dass zwei­spra­chige Men­schen über mehr kogni­tive Reser­ven ver­fü­gen und somit neu­ro­de­ge­nera­ti­ven Erkran­kun­gen bes­ser ent­ge­gen­wir­ken kön­nen. Ein wich­ti­ger Fak­tor ist dabei die Ver­bes­se­rung der kogni­ti­ven Kon­trolle, wel­che wie­derum das Gedächt­nis und die exe­ku­ti­ven Funk­tio­nen unter­stützt. Letz­te­res könnte beson­ders wich­tig sein, da sich alters­be­dingte kogni­tive Ein­schrän­kun­gen oft am deut­lichs­ten bei exe­ku­ti­ven Auf­ga­ben zei­gen. Diese erfor­dern das Umschal­ten und Hem­mung der Auf­merk­sam­keit sowie die Über­tra­gung und Aktua­li­sie­rung von Infor­ma­tio­nen. Die lang­fris­ti­gen Vor­teile des Erler­nens einer zwei­ten Spra­che im Erwach­se­nen­al­ter sind vor­han­den, aber in der Regel gerin­ger als bei Men­schen, die ihr gan­zes Leben lang zwei­spra­chig sind.

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