Was ist kri­ti­sches Den­ken? Und warum ist es wich­tig?

Kri­ti­sches Den­ken basiert auf dem von Dewey (1933) vor­ge­schla­ge­nen Kon­zept des reflek­tie­ren­den Den­kens, das sich an den Arbei­ten der Phi­lo­so­phen Wil­liam James und Charles Peirce ori­en­tiert. Reflek­tie­ren­des Den­ken wurde als Pro­zess defi­niert, bei dem man Urteile aus­setzt, auf­ge­schlos­sen bleibt, eine gesunde Skep­sis bewahrt und Ver­ant­wor­tung für die eigene Ent­wick­lung über­nimmt.

Kri­ti­sches Den­ken basiert auf Ver­nunft, intel­lek­tu­el­ler Red­lich­keit und Offen­heit. Es steht im Gegen­satz zu Emo­tio­na­li­tät, intel­lek­tu­el­ler Träg­heit und Eng­stir­nig­keit. Kri­ti­sches Den­ken beinhal­tet dem­nach, alle Mög­lich­kei­ten zu erwä­gen, prä­zise zu sein, ver­schie­dene Stand­punkte und Erklä­run­gen zu berück­sich­ti­gen, die Aus­wir­kun­gen von Moti­ven und Vor­ur­tei­len abzu­wä­gen, die Wahr­heits­su­che über das Recht­ha­ben zu stel­len sowie sich der eige­nen Vor­ur­teile und Ver­zer­run­gen bewusst zu sein. Per­spek­ti­ven­wech­sel und das Bewusst­sein für die eige­nen Vor­ur­teile sind somit poten­zi­elle Vor­teile des kri­ti­schen Den­kens.

Bei der Beur­tei­lung die­ses Kon­strukts soll­ten Aspekte moti­va­tio­na­ler Dis­po­si­tio­nen ein­be­zo­gen wer­den. Es wur­den zahl­rei­che Rah­men­mo­delle kri­ti­scher Denk­dis­po­si­tio­nen vor­ge­schla­gen. Zu den häu­fig iden­ti­fi­zier­ten Dis­po­si­tio­nen zäh­len Auf­ge­schlos­sen­heit, intel­lek­tu­el­les Enga­ge­ment sowie die Nei­gung, Infor­ma­tio­nen, die eige­nen Ansich­ten und Über­zeu­gun­gen sowie die von ande­ren reflek­tiert zu bewer­ten.

Kri­ti­sches Den­ken spie­gelt die Hal­tung einer Per­son gegen­über neuen Infor­ma­tio­nen und abwei­chen­den Ideen wider. Es umfasst auch ihre rou­ti­ne­mä­ßi­gen Reak­ti­ons­wei­sen, die Bereit­schaft, sich auf dif­fe­ren­zier­tes und kom­ple­xes statt auf reduk­tio­nis­ti­sches Ent­we­der-Oder-Den­ken ein­zu­las­sen, sowie die Beharr­lich­keit bei dem Ver­such, kom­plexe Pro­bleme zu ver­ste­hen und zu lösen.

Wei­tere Bei­spiele für sol­che Dis­po­si­tio­nen sind Neu­gierde, Auf­ge­schlos­sen­heit, Ambi­gui­täts­to­le­ranz, Refle­xion über das eigene Den­ken, Ehr­lich­keit bei der Beur­tei­lung von Vor­ein­ge­nom­men­hei­ten sowie die Bereit­schaft, die eige­nen Ansich­ten und Vor­ge­hens­wei­sen zu über­den­ken.

Zu den indi­vi­du­el­len Per­sön­lich­keits­merk­ma­len, die mit die­sen Nei­gun­gen ein­her­ge­hen, gehö­ren das Bedürf­nis nach Kogni­tion (der Wunsch nach intel­lek­tu­el­ler Anre­gung), wel­ches posi­tiv mit kri­ti­schem Den­ken kor­re­liert, sowie das Bedürf­nis nach Abschluss (ein moti­vier­ter kogni­ti­ver Stil, bei dem Men­schen Vor­her­sag­bar­keit, ein­deu­tige Ant­wor­ten und schnelle Ent­schei­dungs­fin­dung bevor­zu­gen). Anti­in­tel­lek­tua­lis­mus (eine Abnei­gung gegen das intel­lek­tu­elle Leben und die­je­ni­gen, die es reprä­sen­tie­ren) kor­re­liert hin­ge­gen nega­tiv mit kri­ti­schem Den­ken.

Ein wei­te­rer ideo­lo­gi­scher Fak­tor, der kri­ti­sches Den­ken behin­dern kann, ist Dog­ma­tis­mus. Star­res, dicho­to­mes Den­ken behin­dert kri­ti­sches Den­ken eben­falls, da es die Kom­ple­xi­tät des sozia­len Lebens in einer plu­ra­lis­ti­schen Gesell­schaft zu stark ver­ein­facht. Es ver­sucht, kom­pli­zierte Phä­no­mene und Pro­bleme durch „Entweder/Oder“-Formulierungen und sim­plis­ti­sche Lösungs­an­sätze zu redu­zie­ren.

Mit ande­ren Wor­ten: Men­schen, die nicht gerne kri­tisch den­ken, nei­gen dazu, Dinge zu ver­ein­fa­chen, selbst wenn sie in Wirk­lich­keit recht kom­pli­ziert sind. Sie den­ken in abso­lu­ten Begrif­fen und Kate­go­rien, anstatt die Grau­zo­nen zwi­schen den Extre­men Schwarz und Weiß zu erken­nen.

Zusam­men­fas­send lässt sich sagen, dass kri­ti­sches Den­ken von ent­schei­den­der Bedeu­tung ist, da es Ein­zel­per­so­nen dabei hilft, die Rea­li­tät nicht zu stark zu ver­ein­fa­chen. Es ermög­licht einen Per­spek­ti­ven­wech­sel und för­dert das Bewusst­sein für Diver­si­tät sowie sys­te­ma­ti­sche Ver­zer­run­gen, bei­spiels­weise ras­sis­ti­sche oder geschlechts­spe­zi­fi­sche Vor­ur­teile. Einige Stu­dien deu­ten dar­auf hin, dass kri­ti­sches Den­ken einen wesent­li­chen Bei­trag zur aka­de­mi­schen Leis­tung leis­tet, der über die all­ge­meine Kogni­tion hin­aus­geht, und dazu bei­tra­gen kann, unbe­grün­dete Behaup­tun­gen und Ver­schwö­rungs­theo­rien zu redu­zie­ren.

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