Warum das Gehirn nega­ti­ves Den­ken liebt

Weißt du, warum unser Gehirn pein­li­che Momente von vor Jah­ren gesto­chen scharf wie­der­ge­ben kann, sich aber an ein Kom­pli­ment von letz­ter Woche kaum erin­nern kann? Der Grund dafür ist die Ten­denz unse­res Gehirns, nega­tive Gedan­ken stär­ker zu spei­chern als posi­tive. Die­ses Phä­no­men ist als Nega­ti­vi­täts­bias bekannt. Diese kogni­tive Ver­zer­rung wird oft durch ein damit ein­her­ge­hen­des Phä­no­men ver­stärkt: die Unter­drü­ckung nega­ti­ver Gefühle.

Wenn dir das bekannt vor­kommt, kannst du dich damit trös­ten, dass es sich nicht um eine unge­wöhn­li­che Eigen­art han­delt, son­dern um ein Phä­no­men, das in der Evo­lu­ti­ons­psy­cho­lo­gie seit Jahr­zehn­ten erforscht wird. Das bedeu­tet, dass der Feh­ler oder die Demü­ti­gung, die du immer wie­der durch­lebst, höchst­wahr­schein­lich gar nicht so tief­grei­fend ist. Diese Denk­mus­ter sind uns ange­bo­ren, evo­lu­tio­när geprägt und wer­den durch moder­nen Stress ver­stärkt. Wenn du ver­stehst, warum das so ist, kannst du die­sen Kreis­lauf durch­bre­chen und die Kon­trolle über deine Gedan­ken zurück­ge­win­nen.

Hier sind die drei Haupt­gründe, warum dein Gehirn zu Nega­ti­vi­tät neigt, sowie Maß­nah­men, die du ergrei­fen kannst.

1. Das Gehirn ist so pro­gram­miert, dass es nega­ti­ven Gedan­ken Vor­rang gibt

Lange bevor es Smart­phones, Dead­lines und soziale Medien gab, hat­ten die Men­schen nur eine Auf­gabe: zu über­le­ben. Das bedeu­tete, alles, was gefähr­lich sein konnte, genau­es­tens im Auge zu behal­ten. Ein Rascheln im Gebüsch, sub­tile Wet­ter­ver­än­de­run­gen oder die selt­sa­men Pfo­ten­ab­drü­cke eines Wild­tiers konn­ten, wenn man sie igno­rierte, den siche­ren Tod bedeu­ten.

Anders aus­ge­drückt: Das Über­se­hen einer poten­zi­el­len Gefahr kann fatale Fol­gen haben. Das Über­se­hen von etwas Posi­ti­vem, wie einem schö­nen Baum oder einem ange­neh­men Geräusch, hat dage­gen sel­ten so schwer­wie­gende Kon­se­quen­zen.

Über Jahr­tau­sende hin­weg führte dies dazu, dass das mensch­li­che Gehirn nega­ti­ven oder bedroh­li­chen Infor­ma­tio­nen Prio­ri­tät ein­räumte. Auch heute noch nutzt das Gehirn das­selbe uralte Alarm­sys­tem und betrach­tet soziale Ableh­nung, Kri­tik, finan­zi­elle Ängste oder Unsi­cher­heit als poten­zi­elle Bedro­hun­gen für das eigene Über­le­ben.

Die For­schung bestä­tigt zudem, dass die Amyg­dala, eine wich­tige Hirn­struk­tur für die emo­tio­nale Ver­ar­bei­tung, stark auf emo­tio­nal auf­wüh­lende Reize reagiert. Zwar ist sie sowohl bei posi­ti­ven als auch bei nega­ti­ven Rei­zen aktiv, jedoch zei­gen die Ergeb­nisse eine beson­ders starke Prio­ri­sie­rung bei wahr­ge­nom­me­ner Bedro­hung.

Viel­leicht erin­nerst du dich an den generv­ten Ton­fall eines Kol­le­gen oder an einen eige­nen Feh­ler, obwohl du dich in Wirk­lich­keit in Sicher­heit befin­dest. In sol­chen Momen­ten ist es wich­tig, sich vor Augen zu füh­ren, dass dein Gehirn dir nichts Böses will, son­dern dich best­mög­lich schüt­zen möchte

2. Nega­tive Gedan­ken ver­su­chen, nega­tive Ereig­nisse zu ver­hin­dern

Die psy­cho­lo­gi­sche For­schung doku­men­tiert seit Lan­gem den soge­nann­ten Nega­ti­vi­täts­bias, also unsere Ten­denz, nega­tive Erleb­nisse leb­haf­ter zu erin­nern als posi­tive. Eine Blick­be­we­gungs­stu­die mit 130 männ­li­chen Stu­die­ren­den ergab, dass Men­schen zen­tra­len Details nega­ti­ver emo­tio­na­ler Ereig­nisse mehr Auf­merk­sam­keit schen­ken. Dadurch wer­den diese Erin­ne­run­gen tie­fer ver­an­kert.

Das liegt daran, dass nega­tive Erfah­run­gen die Akti­vi­tät im Infor­ma­ti­ons­ver­ar­bei­tungs­zen­trum des Gehirns, ins­be­son­dere in der Amyg­dala, erhö­hen. Diese prio­ri­siert emo­tio­nal auf­ge­la­dene Erin­ne­run­gen. Genau die­ser Mecha­nis­mus könnte im Hin­ter­grund ablau­fen, wenn man

  • sich an fünf Kom­pli­mente nicht erin­nert, sich aber an einer kri­ti­schen Bemer­kung fest­klam­mert
  • sich zwar jah­re­lang an einen Feh­ler bei der Arbeit erin­nert, aber Schwie­rig­kei­ten hat, sich an eine kleine all­täg­li­che Leis­tung zu erin­nern
  • pein­li­che Momente immer wie­der durch­lebt, Momente des Stol­zes aber nicht bewusst wie­der­erlebt wer­den

Es hat sich außer­dem gezeigt, dass Men­schen Ver­lus­ten ein höhe­res emo­tio­na­les Gewicht bei­mes­sen als Gewin­nen. Die­ses Phä­no­men wird als Ver­lust­aver­sion bezeich­net und beein­flusst unser gesam­tes Han­deln – von der Inter­pre­ta­tion eines sin­ken­den Kon­to­stands bis hin zur Reak­tion auf Kri­tik von Ange­hö­ri­gen.

Dies ist die Funk­tion, für die sich unsere Nei­gung zu Nega­ti­vi­tät ent­wi­ckelt hat. Sie prägt nicht nur das Gedächt­nis, son­dern beein­flusst auch die Ent­schei­dungs­fin­dung, die Moti­va­tion und die Selbst­wahr­neh­mung. Dadurch sol­len Ver­luste und andere nega­tive Erfah­run­gen in der Zukunft ver­hin­dert wer­den. Das Pro­blem ist: Solange man nicht aktiv daran arbei­tet, posi­tive Erfah­run­gen wahr­zu­neh­men und zu ver­stär­ken, wird das Gehirn stan­dard­mä­ßig wei­ter­hin das Nega­tive statt das Posi­tive wahr­neh­men. Das kann zu einer dau­er­haft angst­ba­sier­ten Lebens­ein­stel­lung füh­ren

3. Nega­tive Gedan­ken erzeu­gen emo­tio­nale Rück­kopp­lungs­schlei­fen

Sobald sich nega­tive Gedan­ken fest­set­zen, lösen sie eine Stress­re­ak­tion aus. Das stän­dige Grü­beln über Nega­ti­ves führt oft zur Aus­schüt­tung von Cor­ti­sol, dem Stress­hor­mon. Die­ses sen­si­bi­li­siert das Gehirn wie­derum für wei­tere nega­tive Reize. So ent­steht ein Teu­fels­kreis: Ein nega­ti­ver Gedanke dringt ins Gehirn ein und auf­grund sei­nes belas­ten­den Inhalts signa­li­siert das Gehirn dem Kör­per, die Stress­re­ak­tion zu akti­vie­ren. Infol­ge­des­sen reagie­ren Gehirn und Kör­per emp­find­li­cher auf wei­tere nega­tive Infor­ma­tio­nen oder Reize. Das führt schließ­lich dazu, dass sich noch mehr nega­tive Gedan­ken im Gehirn ansam­meln.

Eine Stu­die aus dem Jahr 2014 ergab, dass Grü­beln nach einem Stress­ereig­nis (das Wie­der­erle­ben nega­ti­ver Gedan­ken) eine stär­kere Cor­tisol­re­ak­tion auf zukünf­tige Stres­so­ren vor­her­sagt. Das Gehirn passt sich so an, dass es Gefahr erwar­tet (selbst wenn keine besteht), und reagiert beim nächs­ten Mal, wenn es eine poten­zi­elle Bedro­hung wahr­nimmt, noch stär­ker. Grü­beln ist einer der stärks­ten Indi­ka­to­ren für Angst­zu­stände und Depres­sio­nen, da es die Stress­re­ak­tion auf­recht­erhält.

Sobald sich diese Schlei­fen gebil­det haben, kön­nen sie sich auto­ma­tisch anfüh­len. Viel­leicht ertappt man sich dabei, wie man denkt:

  • „Warum kann ich das nicht ein­fach los­las­sen?“
  • „Warum denke ich immer wie­der dar­über nach?“
  • „Warum stört mich das eigent­lich so sehr?“

Das Gehirn tut jedoch ledig­lich das, wozu es über Jahre oder gar Jahr­zehnte hin­weg kon­di­tio­niert wurde. Die gute Nach­richt ist: Diese Mus­ter las­sen sich durch gezielte men­tale Gewohn­hei­ten durch­bre­chen und das Gehirn kann sich durch Wie­der­ho­lung neu for­men. Genauso, wie nega­tive Mus­ter ent­ste­hen, kön­nen durch bewusste Umori­en­tie­rung auch posi­tive Mus­ter auf­ge­baut wer­den.

Nega­tive Gedan­ken nis­ten sich in unse­rem Kopf ein, weil unser Gehirn dar­auf aus­ge­legt ist, uns zu schüt­zen – nicht, uns glück­lich zu machen. Doch sobald wir die zugrunde lie­gen­den Über­le­bens­me­cha­nis­men, psy­cho­lo­gi­schen Ver­zer­run­gen und emo­tio­na­len Schlei­fen ver­ste­hen, kön­nen wir begin­nen, sie zu durch­bre­chen. Wenn wir uns Zeit neh­men, unsere Gedan­ken bewusst wahr­neh­men und gezielt posi­tive Erfah­run­gen sam­meln, kön­nen wir unser Gehirn so trai­nie­ren, dass es Nega­ti­vi­tät nicht mehr so krampf­haft fest­hält und das Gute leich­ter annimmt.

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