Die Kos­ten des Ver­ste­ckens

Wir alle haben im Laufe unse­res Lebens schon ein­mal Teile von uns selbst ver­bor­gen. Viel­leicht haben wir unse­rem Part­ner zuliebe etwas zuge­sagt, um den Frie­den zu wah­ren, oder wir haben einen Ver­wand­ten nicht wegen einer Sache, die unse­ren Über­zeu­gun­gen wider­sprach, zur Rede gestellt, weil wir kei­nen Streit ris­kie­ren woll­ten. Oder wir haben gelo­gen und behaup­tet, wir hät­ten etwas vor, obwohl wir in Wirk­lich­keit ein­fach nur Zeit für uns brauch­ten.

Es gibt unzäh­lige Gründe, warum wir die Wahr­heit ver­ber­gen: der Wunsch nach sozia­ler Aner­ken­nung, die Angst, auf­zu­fal­len, der Wunsch, andere zu beein­dru­cken, oder die Angst vor Ver­ur­tei­lung und Ableh­nung. Manch­mal erscheint es ein­fach leich­ter, mit­zu­spie­len, sich anzu­pas­sen und so zu sein, wie andere uns wahr­neh­men. Wir imi­tie­ren dann das, was sie von uns erwar­ten, oder das, was wir glau­ben, dass sie von uns erwar­ten. Wir erfül­len alle Erwar­tun­gen und blei­ben unauf­fäl­lig. Wir füh­ren ein Leben, das wir uns selbst als glück­lich, erfüllt und authen­tisch ein­re­den. Es ist nicht ver­wun­der­lich, dass wir so han­deln, schließ­lich leben wir in einer Welt, in der wir stän­dig beob­ach­tet und für unser Han­deln, unsere Worte, unser Ver­hal­ten, unsere Reak­tio­nen und unsere Lebens­weise beur­teilt wer­den.

zMan­che Men­schen ver­leug­nen oder ver­ber­gen ihr wah­res Ich, weil sie die Fol­gen einer Offen­ba­rung als zu schwer­wie­gend emp­fin­den, um sie zu ris­kie­ren. Kul­tu­relle Erwar­tun­gen und sogar Sicher­heits­be­den­ken kön­nen dazu füh­ren, dass die Kon­se­quen­zen weit­aus grö­ßere Aus­wir­kun­gen haben als nur einen kur­zen Moment der Ver­le­gen­heit oder des Unbe­ha­gens. In man­chen Kul­tu­ren sind bei­spiels­weise Homo­se­xua­li­tät oder Geschlechts­non­kon­for­mi­tät stig­ma­ti­siert oder sogar kri­mi­na­li­siert. In bestimm­ten Gesell­schaf­ten kann die Zuge­hö­rig­keit zu einer Min­der­heits­re­li­gion zu Beläs­ti­gung oder Aus­gren­zung füh­ren, wes­halb Men­schen ihren Glau­ben ver­ber­gen. In auto­ri­tä­ren Regi­men kann die Kri­tik an der Regie­rung gefähr­lich sein. In kol­lek­ti­vis­ti­schen Kul­tu­ren kann „Anders­sein“ Schande oder Unehre über die Fami­lie brin­gen. In man­chen Bran­chen kann das Zei­gen von Ver­letz­lich­keit oder psy­chi­schen Erkran­kun­gen die Arbeits­platz­si­cher­heit gefähr­den.

Unter die­sen Umstän­den mag es sich anfüh­len, als hätte man dir die Mög­lich­keit genom­men, du selbst zu sein. Das Risiko über­wiegt die Frei­heit. Doch wel­che Aus­wir­kun­gen hat das? Und wel­chen Nut­zen hat es, den Mut zu fin­den, ein authen­ti­sches Leben zu füh­ren, wenn es sicher ist?

Psy­cho­lo­gi­sche Aus­wir­kun­gen

Wenn wir unsere Kern­werte, unsere Cha­rak­ter­ei­gen­schaf­ten oder unser wah­res Ich ver­ber­gen, glau­ben wir viel­leicht, die Aus­wir­kun­gen seien gering. Doch in Wirk­lich­keit beein­flus­sen sie uns psy­chisch stark. Wir sen­den uns damit die Bot­schaft, dass wir nicht in der Lage sind, unsere eige­nen Bedürf­nisse zu erfül­len. Dies kann zu einem gerin­gen Selbst­wert­ge­fühl, Min­der­wer­tig­keits­ge­füh­len und der Nei­gung füh­ren, Unzu­frie­den­heit hin­zu­neh­men, wenn andere unsere Bedürf­nisse nicht erfül­len. Im Extrem­fall kön­nen Scham- oder Schuld­ge­fühle ent­ste­hen und wir kön­nen eine inter­na­li­sierte Stig­ma­ti­sie­rung ent­wi­ckeln. Dadurch ver­in­ner­li­chen, akzep­tie­ren und glau­ben wir nega­tive Ste­reo­type und dis­kri­mi­nie­rende Vor­stel­lun­gen über uns selbst.

Stän­dig dar­über nach­zu­den­ken, was andere den­ken, ist kör­per­lich und see­lisch sehr anstren­gend. Sind Selbst­wert­ge­fühl, Selbst­ver­trauen und Selbst­ach­tung stark beein­träch­tigt, lei­det auch unsere Ent­schei­dungs­fä­hig­keit, da wir uns sehr darum sor­gen, wie unsere Ent­schei­dun­gen wahr­ge­nom­men wer­den. Die­ses Bedürf­nis nach Aner­ken­nung kann zu Unsi­cher­hei­ten und ängst­li­chen Bin­dungs­mus­tern wie Ver­lust­angst, dem Bedürf­nis nach Bestä­ti­gung sowie einer Nei­gung zu Eifer­sucht und Kon­troll­zwang füh­ren. Unsere Bezie­hun­gen lei­den dann dar­un­ter, weil wir Men­schen von uns sto­ßen, was letzt­end­lich zu Gefüh­len von Ein­sam­keit und Iso­la­tion führt.

Manch­mal ist die Angst vor Ver­ur­tei­lung so groß, dass wir nur ober­fläch­li­che Kon­takte knüp­fen. Wir ach­ten dann dar­auf, nicht zu viel von uns preis­zu­ge­ben, um keine wei­te­ren Fra­gen zu pro­vo­zie­ren. Doch gerade Authen­ti­zi­tät ist ent­schei­dend für tiefe, bedeu­tungs­volle Bezie­hun­gen. Obwohl wir uns nach tie­fe­ren Ver­bin­dun­gen seh­nen, ist der Gedanke, wir selbst zu sein oder „gese­hen“ zu wer­den, für viele zu beängs­ti­gend. Ihnen erscheint es siche­rer, soziale Inter­ak­tio­nen ganz zu ver­mei­den. Das wie­derum führt zu Gefüh­len der Ein­sam­keit, Iso­la­tion und Zuge­hö­rig­keits­lo­sig­keit.

Das Tra­gen einer Maske kann in sozia­len Situa­tio­nen belas­tend sein. Die Not­wen­dig­keit, über alles, was wir sagen und tun, sorg­fäl­tig nach­zu­den­ken und in all unse­ren Reak­tio­nen Rück­sicht zu neh­men, erfor­dert einen hohen kogni­ti­ven Auf­wand, der anhal­tend geleis­tet wer­den muss. Daher ist es kein Wun­der, dass wir Ent­schei­dun­gen nur schwer tref­fen kön­nen, uns zurück­zie­hen und in einem Teu­fels­kreis des Grü­belns gefan­gen sind.

Iden­ti­täts­krise

Wenn wir ein unau­then­ti­sches Leben füh­ren und Teile unse­rer Per­sön­lich­keit unter­drü­cken – egal, ob es sich dabei um große oder kleine Anteile han­delt –, kann dies zu einer frag­men­tier­ten Iden­ti­tät oder sogar zu einer Iden­ti­täts­krise füh­ren. Das kann psy­chi­schen Stress ver­ur­sa­chen. Die Dis­kre­panz zwi­schen unse­ren Gedan­ken, Wer­ten und Gefüh­len einer­seits und unse­rem äuße­ren Ver­hal­ten und Aus­druck ande­rer­seits kann Ver­wir­rung dar­über stif­ten, wer wir wirk­lich sind. Dadurch kön­nen wir das Ver­trauen in uns selbst und unser Urteils­ver­mö­gen ver­lie­ren. Unser Selbst­wert­ge­fühl wird unter­gra­ben und wir ent­wi­ckeln manch­mal ein Hoch­stap­ler-Syn­drom. Dabei füh­len wir uns unzu­läng­lich, zwei­feln an unse­ren Leis­tun­gen und befürch­ten, als Betrü­ger ent­larvt zu wer­den.

Die Dis­kre­panz zwi­schen unse­rem wah­ren Selbst und dem fal­schen Selbst, das wir nach außen prä­sen­tie­ren, kann zu kogni­ti­ver Dis­so­nanz füh­ren. Kogni­tive Dis­so­nanz bezeich­net ein psy­chi­sches Unbe­ha­gen, das ent­steht, wenn unsere Hand­lun­gen unse­ren Über­zeu­gun­gen wider­spre­chen. Diese innere Zer­ris­sen­heit kann zu Schuld- und Scham­ge­füh­len füh­ren. Dar­über hin­aus erfor­dert der damit ver­bun­dene innere Wider­stand viel men­tale Ener­gie, was wie­derum zu chro­ni­schem Stress, Angst­zu­stän­den, Depres­sio­nen und Burn­out füh­ren kann.

Wann ist genug genug?

Auch wenn wir das Gefühl haben, dass fast jeder Mensch im Laufe sei­nes Lebens schon ein­mal Stress, Angst­zu­stände, Depres­sio­nen oder ein Burn­out erlebt hat, soll­ten die Sym­ptome die­ser Zustände nicht auf die leichte Schul­ter genom­men wer­den..

Bei Stress oder Angst wird die Hypo­tha­la­mus-Hypo­phy­sen-Neben­nie­ren­rin­den-Achse (HPA-Achse) akti­viert. Dadurch wer­den die Neben­nie­ren ange­regt, Cor­ti­sol und Adre­na­lin aus­zu­schüt­ten. Diese soge­nannte Kampf-oder-Flucht-Reak­tion berei­tet den Kör­per dar­auf vor, sich der wahr­ge­nom­me­nen oder rea­len Gefahr zu stel­len oder ihr zu ent­flie­hen. Für Men­schen, die Teile ihrer Per­sön­lich­keit ver­ber­gen, wird jede Begeg­nung als Bedro­hung der eige­nen Sicher­heit wahr­ge­nom­men – sei es die Angst, ent­deckt zu wer­den, oder die Angst vor den Kon­se­quen­zen.

Die meis­ten von uns haben wöchent­lich, wenn nicht sogar täg­lich, soziale Kon­takte. Dadurch bleibt der Stress bestehen, sich zu ver­stel­len oder Teile der eige­nen Per­sön­lich­keit zu ver­ber­gen. Das kann zu einem unna­tür­lich hohen Cor­ti­sol­spie­gel füh­ren. Ein hoher Cor­ti­sol­spie­gel kann gesund­heit­li­che Pro­bleme wie Blut­hoch­druck, Gewichts­zu­nahme, Typ-2-Dia­be­tes, Mus­kel­schwä­che, ein erhöh­tes Risiko für Schlag­an­fall und Herz­in­farkt, ein geschwäch­tes Immun­sys­tem sowie wei­tere psy­chi­sche Erkran­kun­gen nach sich zie­hen.

Lang­fris­tige Depres­sio­nen und Burn­outs kön­nen unsere psy­chi­sche Gesund­heit erheb­lich beein­träch­ti­gen. Sie kön­nen zu einer Ver­klei­ne­rung des Hip­po­cam­pus, der für Gedächt­nis und Ler­nen zustän­dig ist, sowie des prä­fron­ta­len Cor­tex, der für Den­ken und Ent­schei­dungs­fin­dung zustän­dig ist, füh­ren. Dadurch kön­nen kogni­tive Funk­tio­nen und die Emo­ti­ons­re­gu­la­tion beein­träch­tigt wer­den. Zudem kann eine Über­ak­ti­vi­tät der Amyg­dala, die für die Ver­ar­bei­tung von Bedro­hun­gen und nega­ti­ven Emo­tio­nen zustän­dig ist, ver­ur­sacht wer­den. In man­chen Fäl­len kann dies sogar die Neu­ro­plas­ti­zi­tät beein­träch­ti­gen und das Gehirn weni­ger anpas­sungs­fä­hig machen.

Die Vor­teile von Authen­ti­zi­tät

Ein authen­ti­sches Leben zu füh­ren und ganz man selbst zu sein, mag kurz­fris­tig Anpas­sun­gen erfor­dern, wäh­rend man sich in die­ser neuen Welt zurecht­fin­det. Diese Ver­än­de­run­gen kön­nen vor­über­ge­hend Stress und Ängste aus­lö­sen, wäh­rend man sich mit den Mei­nun­gen ande­rer aus­ein­an­der­setzt, wich­tige Gesprä­che führt und sich in ver­än­der­ten Dyna­mi­ken und Bezie­hun­gen zurecht­fin­det. Doch die lang­fris­ti­gen Vor­teile, den Mut zu haben, man selbst zu sein, wer­den sich bald durch­set­zen.

Der Stress und die Angst, die Sie beim Vor­täu­schen einer ande­ren Per­son erlebt haben, wer­den mit dem Nach­las­sen der men­ta­len Belas­tung nach­las­sen. Und wenn Ihr Selbst­ver­trauen wächst und Sie begin­nen, nicht nur die Bezie­hun­gen in Ihrem Leben, son­dern auch die Bezie­hung zu sich selbst wert­zu­schät­zen, wer­den Sie in der Lage sein, neue, tie­fere Ver­bin­dun­gen zu knüp­fen und Gleich­ge­sinnte zu fin­den.

Deine Welt wird sich dir für neue Men­schen und Mög­lich­kei­ten öff­nen. Dein gestei­ger­tes Selbst­be­wusst­sein und Selbst­ver­trauen wer­den alles beein­flus­sen, was dir vor­her schwer­fiel: Ent­schei­dun­gen zu tref­fen, deine Ziele und Träume zu ver­fol­gen und dein Leben so zu leben, wie du bist, ohne dich dafür zu ent­schul­di­gen.

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