Wie zwei Hälf­ten ein Gan­zes erschaf­fen

Die Vor­stel­lung, das mensch­li­che Gehirn sei in eine logi­sche linke und eine krea­tive rechte Hälfte unter­teilt, hat sich zu einer der bestän­digs­ten Meta­phern in der Psy­cho­lo­gie und Popu­lär­kul­tur ent­wi­ckelt. Obwohl diese Ver­ein­fa­chung die Kom­ple­xi­tät neu­ro­na­ler Pro­zesse ver­schlei­ert, ver­weist sie auf eine reale bio­lo­gi­sche Tat­sa­che. Das Gehirn ist näm­lich struk­tu­rell und funk­tio­nell in zwei Hemi­sphä­ren geglie­dert, die jeweils auf sub­tile, aber wich­tige Weise spe­zia­li­siert sind. Das Ver­ständ­nis die­ser Tren­nung sowie der Frage, warum jede Hemi­sphäre die gegen­über­lie­gende Kör­per­hälfte steu­ert, offen­bart viel über die mensch­li­che Evo­lu­tion, Wahr­neh­mung und das Ver­hal­ten.

Ein gro­ßer Ner­ven­fa­ser­strang, der soge­nannte Cor­pus cal­lo­sum, durch­zieht die bei­den Gehirn­hälf­ten. Er ermög­licht die stän­dige Kom­mu­ni­ka­tion zwi­schen den bei­den Hirn­hälf­ten und somit die Ver­schmel­zung von Wahr­neh­mung, Bewe­gung, Emo­tion und Den­ken zu einem ein­zi­gen Erleb­nis. Trotz die­ser Ver­bin­dung besitzt jede Hemi­sphäre unter­schied­li­che Fähig­kei­ten. So scheint die Sprach­ver­ar­bei­tung bei den meis­ten Men­schen vor­wie­gend in der lin­ken Hemi­sphäre loka­li­siert zu sein. Gleich­zei­tig sind das räum­li­che Bewusst­sein und bestimmte Aspekte der Emo­ti­ons- und Musik­wahr­neh­mung eher rechts­sei­tig loka­li­siert.

Diese Ten­den­zen sind sta­tis­ti­scher Natur und nicht abso­lut, wer­fen aber eine zen­trale Frage auf: Warum hat sich das Gehirn über­haupt so ent­wi­ckelt?

Warum ist das Gehirn in zwei Hemi­sphä­ren unter­teilt?

Der Mensch ist nicht das ein­zige Wir­bel­tier, des­sen linke und rechte Hemi­sphäre getrennt sind. Viele Wir­bel­tiere wei­sen unter­schied­li­che Grade an Asym­me­trie oder Late­ra­li­sie­rung auf. Dies deu­tet dar­auf hin, dass Late­ra­li­sie­rung einen evo­lu­tio­nä­ren Vor­teil bie­tet. Einer der Haupt­vor­teile late­ra­li­sier­ter Gehirne scheint die gestei­gerte Effi­zi­enz zu sein. Das Gehirn kann Infor­ma­tio­nen gleich­zei­tig und par­al­lel auf bei­den Sei­ten ver­ar­bei­ten. Dadurch wird die für die Aus­füh­rung einer Auf­gabe benö­tigte Zeit redu­ziert und eine grö­ßere Fle­xi­bi­li­tät bei der Reak­tion auf Umwelt­ver­än­de­run­gen ermög­licht.

Ein wei­te­rer Vor­teil der Spe­zia­li­sie­rung ist, dass Kon­flikte redu­ziert wer­den. Wenn zwei Hirn­re­gio­nen das­selbe Ver­hal­ten gleich­zei­tig steu­ern (wie bei der bila­te­ra­len Hirn­in­te­gra­tion), kann es zu Inter­fe­ren­zen kom­men. Durch Spe­zia­li­sie­rung wird fest­ge­legt, wel­che Hemi­sphäre die domi­nante Funk­tion über­nimmt, wodurch diese Inter­fe­ren­zen ver­rin­gert oder eli­mi­niert wer­den. Wenn bei­spiels­weise eine Hemi­sphäre eine Fein­mo­to­rik­se­quenz bes­ser aus­füh­ren kann als die andere und gleich­zei­tig für die Posi­ti­ons­über­wa­chung zustän­dig ist, trifft der Orga­nis­mus auf­grund des feh­len­den inter­nen Wett­be­werbs siche­rere Ent­schei­dun­gen, was zu mehr Sicher­heit in sei­nen Hand­lun­gen führt. Daher haben die durch Spe­zia­li­sie­rung erziel­ten Effi­zi­enz­ge­winne wahr­schein­lich über viele Gene­ra­tio­nen der Evo­lu­tion zu einer stär­ke­ren Tren­nung der von den ein­zel­nen Hemi­sphä­ren aus­ge­führ­ten Funk­tio­nen bei­getra­gen.

Neben der evo­lu­tio­nä­ren Per­spek­tive schafft die Gehirn­ent­wick­lung ein Umfeld, das Spe­zia­li­sie­rung för­dert. Mit zuneh­men­der Rei­fung des Gehirns kreu­zen sich viele neu­ro­nale Schalt­kreise häu­fi­ger, wodurch stär­kere Ver­bin­dun­gen ent­ste­hen. Sind bestimmte Fähig­kei­ten wäh­rend der Ent­wick­lungs­pha­sen des Gehirns über­wie­gend in einer Hemi­sphäre orga­ni­siert, ent­steht ein Rück­kopp­lungs­me­cha­nis­mus. Die zahl­rei­chen neu­ro­lo­gi­schen, hor­mo­nel­len und gene­ti­schen Fak­to­ren, wel­che die funk­tio­nelle Ent­wick­lung der lin­ken Hemi­sphäre im Säug­lings- und Kin­des­al­ter beein­flus­sen, ver­stär­ken diese Domi­nanz zusätz­lich. Eine Fähig­keit, die stark mit der lin­ken Gehirn­hälfte asso­zi­iert zu sein scheint, ist der Sprach­er­werb.

Warum die linke Gehirn­hälfte die rechte Kör­per­hälfte steu­ert

Die kon­tra­la­te­rale Steue­rung ist eines der auf­fäl­ligs­ten Merk­male der Hirn­or­ga­ni­sa­tion. Dem­nach steu­ert die linke Hemi­sphäre die rechte Kör­per­hälfte und die rechte Hemi­sphäre die linke. Diese Anord­nung ergibt sich aus der Art und Weise, wie die Ner­ven­fa­sern auf ihrem Weg vom Gehirn zum Rücken­mark kreu­zen. Die meis­ten moto­ri­schen Bah­nen kreu­zen sich auf Höhe des Hirn­stamms, sodass die jeweils gegen­über­lie­gende Kör­per­hälfte gesteu­ert wird.

Die evo­lu­tio­nä­ren Ursprünge die­ser Kreu­zung sind noch nicht voll­stän­dig geklärt, obwohl es ver­schie­dene Theo­rien zu ihrer Erklä­rung gibt. Einige gehen davon aus, dass ein­fa­che Quer­ver­bin­dun­gen im frü­hen Ner­ven­sys­tem die sen­so­mo­to­ri­sche Koor­di­na­tion eines Orga­nis­mus ver­bes­ser­ten. So kön­nen bei­spiels­weise visu­elle Reize aus einem Bereich der Umge­bung schnell mit moto­ri­schen Reak­tio­nen auf der gegen­über­lie­gen­den Kör­per­seite ver­knüpft wer­den. Dies ermög­licht dem Orga­nis­mus schnelle und anpas­sungs­fä­hige Bewe­gun­gen. Andere Theo­rien argu­men­tie­ren, dass sich die kon­tra­la­te­ra­len Regio­nen im Laufe der Ent­wick­lung als Ein­schrän­kung her­aus­ge­bil­det haben und erhal­ten geblie­ben wären, wenn sie funk­tio­nal aus­rei­chend gewe­sen wären, um durch natür­li­che Selek­tion wei­ter­be­stehen zu kön­nen.

Aus funk­tio­na­ler Sicht ermög­licht die kon­tra­la­te­rale Steue­rung jeder Hemi­sphäre die Inte­gra­tion sen­so­ri­scher Infor­ma­tio­nen und moto­ri­scher Aus­ga­ben aus den jeweils ent­spre­chen­den Hälf­ten der Wahr­neh­mungs­welt. Infor­ma­tio­nen aus dem rech­ten Gesichts­feld wer­den pri­mär von der lin­ken Hemi­sphäre ver­ar­bei­tet. Anschlie­ßend steu­ert sie die rechte Hand, die auf Objekte in die­sem Gesichts­feld ein­wir­ken kann. Diese enge Kopp­lung zwi­schen Wahr­neh­mung und Hand­lung erhöht die Prä­zi­sion und die Geschwin­dig­keit.

Was die moderne Neu­ro­wis­sen­schaft wirk­lich über die linke und rechte Gehirn­hälfte aus­sagt

Die weit ver­brei­tete Vor­stel­lung von hemi­sphä­ri­schen Unter­schie­den beruht auf dem Mythos der „links- oder rechts­he­mi­sphä­ri­schen“ Per­sön­lich­keits­ty­pen. Die moderne Neu­ro­wis­sen­schaft wider­legt diese Annahme jedoch weit­ge­hend, da nahezu alle kogni­ti­ven Funk­tio­nen auf meh­re­ren Netz­wer­ken beru­hen, die sich über beide Hemi­sphä­ren erstre­cken. Dies gilt für viele bis die meis­ten Auf­ga­ben. Dar­über hin­aus kom­mu­ni­zie­ren diese kogni­ti­ven Netz­werke kon­ti­nu­ier­lich über das Cor­pus cal­lo­sum, die Ver­bin­dungs­stelle zwi­schen den bei­den Hemi­sphä­ren.

Die For­schung an Pati­en­ten mit dem soge­nann­ten Split-Brain-Syn­drom lie­fert zahl­rei­che über­zeu­gende Belege für die Spe­zia­li­sie­rung der bei­den Hirn­hälf­ten (hemi­sphä­ri­sche Spe­zia­li­sie­rung). Stu­dien mit die­sen Pati­en­ten zei­gen unter­schied­li­che Ver­ar­bei­tungs­stile, wenn die bei­den Hemi­sphä­ren nicht mit­ein­an­der kom­mu­ni­zie­ren kön­nen. Die linke Hemi­sphäre ist für die Ent­wick­lung und ver­bale Erklä­rung von Ideen bekannt, wäh­rend die rechte Hemi­sphäre im All­ge­mei­nen bes­ser visu­elle und ganz­heit­li­che Ver­bin­dun­gen her­stel­len kann. In einem intak­ten Gehirn arbei­ten beide Hemi­sphä­ren hin­ge­gen zusam­men und bil­den einen kohä­ren­ten Gedan­ken­strom, der sich kaum tren­nen lässt. Daher ist es oft schwie­rig zu erken­nen, dass die bei­den Hemi­sphä­ren unter­schied­li­che Rol­len bei der Infor­ma­ti­ons­ver­ar­bei­tung spie­len.

Neu­ro­wis­sen­schaft­ler betrach­ten die Late­ra­li­sie­rung von Funk­tio­nen heute als Spek­trum, das von „weni­ger“ bis „stark“ late­ra­li­siert reicht und zudem von Kon­text und ande­ren Varia­blen abhängt. Late­ra­li­sie­rung ist keine ein­fa­che Ent­we­der-oder-Funk­tion. Viel­mehr wird jede Hemi­sphäre als spe­zia­li­sier­ter Part­ner und nicht als Kon­kur­rent betrach­tet. Die Kom­mu­ni­ka­tion zwi­schen den bei­den Hemi­sphä­ren erhöht die Effi­zi­enz und Fle­xi­bi­li­tät der Denk­pro­zesse und erhält gleich­zei­tig durch zahl­rei­che neu­ro­nale Ver­bin­dun­gen die Inte­gri­tät des Bewusst­seins auf­recht.

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