Die Unbe­re­chen­bar­keit à la Trump stellt ein Regu­lie­rungs­pro­blem für unser Gehirn dar

Donald Trump kann mit einem ein­zi­gen Satz die Stim­mung im Raum ver­än­dern. Im einen Moment ist er sich sicher, im nächs­ten rudert er zurück. Heute droht er, mor­gen deu­tet er einen Deal an. Noch bevor etwas Kon­kre­tes pas­siert, sind die Men­schen auf sei­nen nächs­ten Schritt gefasst. Diese Reak­tion ist nicht nur poli­ti­scher Natur. Sie ist typisch für die Aus­wir­kun­gen von Unvor­her­seh­bar­keit auf jedes Sys­tem, das Sta­bi­li­tät benö­tigt. Um han­deln zu kön­nen, muss man ver­ste­hen, was aktu­ell geschieht und was als Nächs­tes wahr­schein­lich pas­sie­ren wird.

Das ein­fluss­rei­che Modell der Hirn­for­schung namens prä­dik­tive Ver­ar­bei­tung legt nahe, dass das Gehirn nicht pas­siv auf Ereig­nisse war­tet. Statt­des­sen ver­sucht es stän­dig, Ereig­nisse vor­her­zu­sa­gen, über­prüft diese Vor­her­sa­gen anhand der Rea­li­tät und passt sich gege­be­nen­falls an.

Ein Gehirn, das Vor­her­sa­gen tref­fen kann, ist in der Lage, sich auf Unge­wiss­heit vor­zu­be­rei­ten. Die Dis­kre­panz zwi­schen Erwar­tung und Rea­li­tät wird als Vor­her­sa­ge­feh­ler bezeich­net. Diese Dis­kre­pan­zen sind jedoch keine Feh­ler, son­dern die Grund­lage des Ler­nens. Sobald sie sich auf­lö­sen, aktua­li­siert das Gehirn sein Welt­bild und kann wei­ter­ma­chen.

Hier geht es nicht um Absich­ten, son­dern um die Aus­wir­kun­gen von Unvor­her­seh­bar­keit auf sta­bile Sys­teme. Pro­bleme ent­ste­hen, wenn sich Unstim­mig­kei­ten nicht behe­ben las­sen, weil die Ursa­che stän­dig wech­selt. Den Leu­ten wird erst das eine erzählt, dann das Gegen­teil und schließ­lich wird behaup­tet, die Beweise seien nie stich­hal­tig gewe­sen. Das Gehirn kann sich nur schwer dar­auf fest­le­gen, was es ver­trauen kann, sodass die Unsi­cher­heit hoch bleibt. In die­ser Sicht­weise ist Auf­merk­sam­keit die Art und Weise, wie das Gehirn abwägt, was als beste Evi­denz zählt, und die Laut­stärke eini­ger Signale erhöht und andere dros­selt.

Unsi­cher­heit kann schlim­mer sein als schlechte Nach­rich­ten

Wenn das immer wie­der pas­siert, ist es schwer, die Sache abzu­schlie­ßen. Man ver­bringt viel Zeit damit, alles zu über­prü­fen und zu hin­ter­fra­gen. Das ist einer der Gründe, warum sich Unge­wiss­heit oft schlim­mer anfühlt als schlechte Nach­rich­ten. Schlechte Nach­rich­ten klä­ren die Frage, Unge­wiss­heit lässt sie offen. Wenn sich die Erwar­tun­gen nicht sta­bi­li­sie­ren, bleibt der Kör­per in Alarm­be­reit­schaft und ist für viele mög­li­che Zukünfte gleich­zei­tig bereit.

Eine zen­trale Idee die­ser Theo­rie besagt, dass es zwei grund­le­gende Stra­te­gien gibt, um mit anhal­ten­den Dis­kre­pan­zen umzu­ge­hen. Zum einen kann man seine Erwar­tun­gen anpas­sen, indem man sich bes­sere Infor­ma­tio­nen beschafft und seine Sicht­weise über­ar­bei­tet. Ande­rer­seits kann man die Situa­tion so ver­än­dern, dass die Ergeb­nisse vor­her­seh­ba­rer wer­den. Ent­we­der aktua­li­siert man das Modell oder man han­delt, um die Welt bes­ser hand­hab­bar zu machen.

Auf der inter­na­tio­na­len Bühne kann Schmei­che­lei eine plumpe Vari­ante des zwei­ten Ansat­zes sein, näm­lich der Ver­such, eine unbe­re­chen­bare Per­son kurz­zei­tig bere­chen­ba­rer zu machen. Das­selbe Mus­ter zeigt sich auch im All­tag, bei­spiels­weise an unvor­her­seh­ba­ren Arbeits­plät­zen. Ändern sich die Prio­ri­tä­ten uner­war­tet, kön­nen die Betrof­fe­nen nicht vor­her­se­hen, was erfor­der­lich ist. Es kann vor­kom­men, dass sie zusätz­li­che Anstren­gun­gen unter­neh­men, um die Unsi­cher­heit zu redu­zie­ren, anstatt ihre eigent­li­che Arbeit zu erle­di­gen.

Stu­dien bele­gen einen Zusam­men­hang zwi­schen die­ser Unbe­re­chen­bar­keit und höhe­rem All­tags­stress sowie gerin­ge­rem Wohl­be­fin­den.

Das­selbe Mus­ter zeigt sich auch in engen Bezie­hun­gen. Wenn jemand unbe­re­chen­bar ist, ach­ten wir auf den Ton­fall und ver­su­chen vor­her­zu­sa­gen, ob der Tag eher von Har­mo­nie oder von Kon­flik­ten geprägt sein wird. Das mag zwang­haft wir­ken, ist aber häu­fig ein Ver­such, Feh­ler zu ver­mei­den.

Stu­dien bele­gen einen Zusam­men­hang zwi­schen unvor­her­seh­ba­ren frü­hen Lebens­er­fah­run­gen und einer schlech­te­ren emo­tio­na­len Kon­trolle sowie ange­spann­te­ren Bezie­hun­gen im spä­te­ren Leben.

Die Belas­tung beschränkt sich nicht allein auf das Den­ken. Das Gehirn leis­tet weit mehr als nur Den­ken. Ein gro­ßer Teil sei­ner Arbeit besteht in der Regu­lie­rung des Kör­pers, bei­spiels­weise der Herz­fre­quenz, des Ener­gie­ver­brauchs und der Inter­pre­ta­tion von Kör­per­emp­fin­dun­gen.

Dies geschieht durch die Anti­zi­pa­tion der nächs­ten Kör­per­be­dürf­nisse. Kön­nen diese nicht erfüllt wer­den, wird die Regu­la­tion auf­wän­dig. Dabei spie­len Worte im wahrs­ten Sinne des Wor­tes eine Rolle. Spra­che ver­mit­telt nicht nur Infor­ma­tio­nen, son­dern prägt auch Erwar­tun­gen. Diese Erwar­tun­gen beein­flus­sen wie­derum das Kör­per­emp­fin­den.

Trump kann das aus der Ferne bewir­ken. Mit weni­gen Wor­ten kann er die Bedeu­tung einer Situa­tion für die Men­schen – ob in Min­nea­po­lis oder im Iran – erhö­hen oder ver­rin­gern. Ent­schei­dend ist, dass Signale von ein­fluss­rei­chen und unbe­re­chen­ba­ren Akteu­ren andere dazu zwin­gen, ihre Ein­schät­zun­gen zu über­den­ken und sich auf das vor­zu­be­rei­ten, was als Nächs­tes kom­men könnte.

Kom­mu­ni­ka­tion ist eine Form der Regu­lie­rung. Klar­heit und Bestän­dig­keit haben eine beru­hi­gende Wir­kung. Unbe­stän­dig­keit und Wider­sprüch­lich­keit hin­ge­gen ver­un­si­chern die Men­schen. Wenn eine ein­zelne Stimme die Erwar­tun­gen von Mil­lio­nen von Men­schen wie­der­holt erschüt­tern kann, hört Unbe­re­chen­bar­keit auf, eine per­sön­li­che Belas­tung zu sein, und wird zu einem kol­lek­ti­ven Regu­lie­rungs­pro­blem.

Wie geht man mit Unvor­her­seh­bar­keit um?

Prüfe, ob neue Infor­ma­tio­nen dei­nen nächs­ten Schritt oder Plan beein­flus­sen. Sonst bleibt die Unsi­cher­heit bestehen. Wenn sich eine Quelle stän­dig ändert, redu­ziere den Auf­wand, sie zu ent­schlüs­seln. Handle statt­des­sen. Finde eine Regel, die den nächs­ten Schritt vor­her­seh­bar macht. Du könn­test bei­spiels­weise um 8 Uhr mor­gens die Nach­rich­ten lesen, dann auf­hö­ren und dei­nen Tag begin­nen.

Lerne, wo du nicht suchen soll­test. Wenn sich Bot­schaf­ten stän­dig wider­spre­chen, dann liegt das Pro­blem nicht an feh­len­den Infor­ma­tio­nen, son­dern an einer unzu­ver­läs­si­gen Quelle.

Bio­lo­gi­sche Sys­teme über­le­ben, indem sie unnö­tige Vor­her­sa­gen ver­mei­den. Das bedeu­tet manch­mal, die eige­nen Erwar­tun­gen anzu­pas­sen und manch­mal, die Situa­tion zu ver­än­dern. Und manch­mal bedeu­tet es, zu akzep­tie­ren, dass es am sichers­ten ist, nicht mehr zu ver­su­chen, vor­her­zu­sa­gen, was als Nächs­tes pas­siert, wenn Donald Trump spricht.

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