Eine neue Ursa­che für Par­kin­son

Par­kin­son gilt seit Lan­gem als Bewe­gungs­stö­rung. Typi­sche Sym­ptome sind unwill­kür­li­che Mus­kel­kon­trak­tio­nen, Zit­tern und Geh­stö­run­gen. Die Krank­heit kann jedoch auch den Schlaf, die Blut­druck­re­gu­la­tion, die Ver­dau­ung und die kogni­ti­ven Funk­tio­nen beein­träch­ti­gen. Die bewe­gungs­be­zo­ge­nen Sym­ptome kön­nen sich bei­spiels­weise ver­schlim­mern, wenn Betrof­fene unter Stress ste­hen, ver­bes­sern sich jedoch, wenn sie Musik hören.

Neuen For­schungs­er­geb­nis­sen zufolge ist ein Gehirn­netz­werk, das erst 2023 ent­deckt wurde, der gemein­same Fak­tor, der die­sen schein­bar unzu­sam­men­hän­gen­den Sym­pto­men zugrunde liegt. Es wird als somato-kogni­ti­ves Akti­ons­netz­werk (SCAN) bezeich­net und ver­bin­det Geist und Kör­per, um Gedan­ken in Hand­lun­gen umzu­set­zen. Es hat sich gezeigt, dass eine gezielte Behand­lung die­ses Netz­werks mit­tels Gehirn­sti­mu­la­tion die Par­kin­son-Sym­ptome bes­ser lin­dern kann.

Par­kin­son ist mehr als nur ein Bewe­gungs­pro­blem, das einen Kör­per­teil betrifft. Viel­mehr han­delt es sich um eine Stö­rung des gesam­ten kör­per­li­chen und geis­ti­gen Netz­wer­kes, das Bewe­gung, Den­ken, Emp­fin­dun­gen und die innere Kör­per­kon­trolle mit­ein­an­der ver­bin­det.

Ein selt­sa­mes Mus­ter

Neu­ro­wis­sen­schaft­lern ist seit Lan­gem bekannt, dass eine Region des Gehirns, die als pri­mä­rer moto­ri­scher Kor­tex bezeich­net wird und den Spitz­na­men M1 trägt, für die Steue­rung der Kör­per­be­we­gun­gen ver­ant­wort­lich ist. Die­ser kopf­band­för­mige Strei­fen des Gehirns erstreckt sich von Ohr zu Ohr und ent­hält eine „Karte” des gesam­ten Kör­pers, die oft als ver­zerrte huma­no­ide Figur visua­li­siert wird und als Homun­ku­lus bezeich­net wird. Wenn du deine Hand bewe­gen möch­test, sen­den höher gele­gene Hirn­re­gio­nen, die näher an dei­ner Stirn lie­gen, Signale an M1 zurück. M1 sen­det wie­derum moto­ri­sche Signale an die Hand.

Nun wurde jedoch etwas Selt­sa­mes beob­ach­tet. Wenn eine Per­son in einem Gehirn­scan­ner ihren Mund bewegt, wer­den meh­rere Berei­che von M1 akti­viert und nicht nur der Bereich „Mund“. Diese zusätz­li­chen Akti­vie­rungs­be­rei­che pas­sen nicht zu dem, was man bis­her wusste.

Es hat sich her­aus­ge­stellt, dass Neu­ro­wis­sen­schaft­ler M1 fast ein Jahr­hun­dert lang unter­schätzt haben. M1 ist keine ein­fa­che Karte des Kör­pers. Zwi­schen den für bestimmte Kör­per­teile zustän­di­gen Berei­chen befin­den sich Kno­ten­punkte eines Netz­werks, das die über­ge­ord­nete Pla­nung von Bewe­gun­gen koor­di­niert. Anstatt ledig­lich Befehle von wei­ter vorne lie­gen­den Hirn­re­gio­nen aus­zu­füh­ren, hilft M1 dabei, Hand­lun­gen zu pla­nen, zu steu­ern und zu koor­di­nie­ren. Das Netz­werk wird als „somato-kogni­ti­ves Akti­ons­netz­werk“ (SCAN) bezeich­net, was seine Ver­bin­dungs­funk­tion zwi­schen Kör­per und Geist wider­spie­gelt.

Ein Netz­werk zwi­schen Gehirn und Kör­per

Wir wis­sen (noch) nicht, was die Kette von Ereig­nis­sen aus­löst, die zu Par­kin­son füh­ren. Wir wis­sen jedoch inzwi­schen, wel­cher Bereich des Gehirns am stärks­ten davon betrof­fen ist: die Sub­stan­tia nigra. Dabei han­delt es sich um eine Struk­tur tief im Gehirn, in der die Neu­ro­nen, die den Boten­stoff Dopa­min pro­du­zie­ren, lang­sam abster­ben.

Die Sti­mu­la­tion ande­rer mit der Sub­stan­tia nigra ver­bun­de­ner Regio­nen kann Par­kin­son-Sym­ptome lin­dern. Dies deu­tet dar­auf hin, dass ein gan­zer Kreis­lauf betei­ligt ist. Die For­scher wuss­ten bereits, dass M1 Teil die­ses Kreis­laufs ist, und die neuen Ergeb­nisse zei­gen nun, dass ins­be­son­dere die SCAN-Regio­nen von M1 betei­ligt sind, die für die Pla­nung und Koor­di­na­tion von Bewe­gun­gen zustän­dig sind. Das Team um Liu stellte anhand meh­re­rer Bild­ge­bungs­da­ten­sätze des Gehirns von 863 Par­kin­son-Pati­en­ten und gesun­den Per­so­nen fest, dass SCAN bei Par­kin­son-Pati­en­ten über­mä­ßig mit tie­fen Hirn­re­gio­nen ver­bun­den war, nicht jedoch bei gesun­den Men­schen oder Per­so­nen mit ande­ren Bewe­gungs­stö­run­gen. Pati­en­ten mit Par­kin­son und einer höhe­ren Kon­nek­ti­vi­tät in die­sem Kreis­lauf lit­ten unter stär­ke­ren Sym­pto­men.

Es wurde auch fest­ge­stellt, dass bestehende Behand­lungs­me­tho­den für Par­kin­son, dar­un­ter das Medi­ka­ment Levod­opa (auch bekannt als L‑DOPA) sowie die Hirn­sti­mu­la­tion, die Kon­nek­ti­vi­tät des Kreis­laufs ver­rin­ger­ten. Dadurch ähnelte das Gehirn von Men­schen mit die­ser Erkran­kung eher dem von gesun­den Men­schen. Je stär­ker eine Behand­lung die SCAN-Kon­nek­ti­vi­tät ver­rin­gerte, desto mehr ver­bes­serte sich die Moto­rik der behan­del­ten Per­so­nen.

Wir wis­sen noch nicht, ob die SCAN-Stö­run­gen durch ster­bende Neu­ro­nen in der Sub­stan­tia nigra ver­ur­sacht wer­den oder umge­kehrt. Da Neu­ro­nen bereits Jahr­zehnte vor dem Auf­tre­ten der Sym­ptome abzu­ster­ben begin­nen, scheint es wahr­schein­lich, dass Ers­te­res Letz­te­res ver­ur­sacht. Es ist jedoch nicht aus­ge­schlos­sen, dass die SCAN-Funk­ti­ons­stö­rung eben­falls früh­zei­tig ein­setzt und zum Abster­ben wei­te­rer Neu­ro­nen führt.

Bes­sere Behand­lung anlei­ten

Es wurde auch fest­ge­stellt, dass Behand­lun­gen zur Hirn­sti­mu­la­tion bei Mor­bus Par­kin­son wirk­sa­mer waren, wenn die Ärzte gezielt auf SCAN-Regio­nen abziel­ten. Bei die­sem Expe­ri­ment kam eine nicht-inva­sive Tech­nik namens trans­kra­ni­elle Magnet­sti­mu­la­tion (TMS) zum Ein­satz. Dabei plat­zie­ren die Ärzte einen Stab mit einer Magnet­spule direkt über M1 auf der Kopf­haut. Frü­here Stu­dien hat­ten gezeigt, dass die Behand­lung die Sym­ptome ver­bes­serte, aber nicht wirk­sa­mer war als das Medi­ka­ment Levod­opa. Fox sagt, dass TMS unter ande­rem auf­grund die­ser Ein­schrän­kung nicht kli­nisch für Men­schen mit Par­kin­son ange­bo­ten wird.

Die gezielte Anwen­dung von TMS auf bestimmte SCAN-Regio­nen kann jedoch zu bes­se­ren Ergeb­nis­sen füh­ren. TMS ist für Pati­en­ten mög­li­cher­weise attrak­ti­ver und leich­ter zugäng­lich als die Tie­fen­hirn­sti­mu­la­tion, für die ein chir­ur­gi­scher Ein­griff erfor­der­lich ist. Dadurch steigt das Poten­zial der nicht-inva­si­ven Hirn­sti­mu­la­tion, Par­kin­son-Pati­en­ten zu unter­stüt­zen, in einer zuvor nicht mög­li­chen Weise.


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